Home
http://www.faz.net/-gzj-7573u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Finanzprofessor Jan-Pieter Krahnen „Rendite wird immer Treiber der Finanzindustrie sein“

 ·  Der Frankfurter Finanzprofessor Jan-Pieter Krahnen ist ein wichtiger Berater der EU, der EZB und der Bundesregierung. Er fordert eine Abkehr von Rettungsautomatismen und die Rückkehr zur Ordnungspolitik.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© Eilmes, Wolfgang Die Finanzmärkte im Blick: Jan-Pieter Krahnen ist Direktor des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität.

Ein turbulentes Jahr an den Finanzmärkten geht zu Ende. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus 2012?

Dass die Krise sich nicht von alleine lösen wird. Ein großer Teil des europäischen Bankenapparats ist ohne Staatssubventionierung durch billiges Geld und staatliche Garantien nicht mehr standfähig und kann aus dieser Abhängigkeit nicht mehr allein herausfinden. Um aus dieser chronischen Krise herauszukommen, bedarf es entschlossenen Handelns.

Von wem?

Eigentlich sind Marktkräfte wie Preise oder die Gefahr, bankrottzugehen, die besten Kontrolleure. Im Bankensystem sind sie aber im Moment völlig außer Kraft gesetzt. Daher muss die Politik die Rahmenbedingungen so setzen, dass die Marktkräfte wieder ihre Kontrollfunktion einnehmen können. Wir brauchen die Rückkehr zur klassischen Ordnungspolitik.

Gilt das auch für den Staatsschuldenmarkt?

Es hat sich eine unselige Partnerschaft zwischen Staaten und Banken gebildet. Viele Staaten können ihre Mittel nur noch aufnehmen, wenn ihre nationalen Banken ihre Staatsanleihen kaufen. Gleichzeitig müssen die Banken aber immer wieder von den Staaten gerettet werden. Das ist ein Teufelskreis, der aufgebrochen werden muss.

Wie kann das gehen?

Der Rettungsautomatismus muss aufhören. Es darf nicht mehr selbstverständlich sein, dass Staaten die Banken, die in Schieflage geraten, retten. Wichtige Zwischenschritte sind hier aber schon gemacht: Das Restrukturierungsgesetz in Deutschland soll es ermöglichen, einzelne Institute aus dem laufenden Finanzbetrieb zu nehmen, ohne dass der Steuerzahler dafür geradestehen muss. Gesetzlich ist das also schon möglich, Aufsicht, Politik und Zentralbank trauen sich aber noch nicht zu, ein Institut aus dem Verkehr zu ziehen und dessen Eigentümer in Haftung zu nehmen.

Wenn Sie sagen, die Gläubiger müssten in solch einem Fall haften, gilt das auch für die Sparer bei einer Bank?

Die Sparer sind durch den Einlagensicherungsfonds abgesichert, sie würden daher, falls überhaupt, als Allerletzte haften. Die Eigentümer müssten hingegen sofort in Haftung gehen, und dann die Anleihenbesitzer. Hier zeigt sich aber das systemische Risiko: Die Eigentümer und Gläubiger von Banken sind in vielen Fällen selbst Banken. Dieser netzartige Zusammenhang führt dazu, dass der plötzliche Ausfall eines Instituts sich sehr schnell auf andere auswirkt.

Sie waren Mitglied der Liikanen-Gruppe, die für die EU-Kommission Vorschläge zur Reform des Bankensystems erarbeitet hat. Die Gruppe fordert zum Beispiel die Aufspaltung von Banken. Was soll das bringen?

Wir fordern, dass das Handelsgeschäft der großen, internationalen Banken organisatorisch, rechtlich und nicht zuletzt finanziell auf eigene Füße gestellt und unter dem Dach einer Holding vom Geschäft mit Privat- und Firmenkunden getrennt wird. Aufspaltung light sozusagen. Im Fall einer Krise ist die Bank dann leichter zu zerlegen. Allein das Signal „Wir können uns die Zerlegung einer Bank vorstellen“ ist schon wichtig, um die Marktmechanismen wiederherzustellen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die großen Banken solche abgespalteten Handelsabteilungen dann komplett nach London verlagern, Frankfurt also verliert?

Die Handelsabteilungen der großen Banken sitzen auch heute schon zum großen Teil in London.

Sie sprechen viel vom System. Welche Rolle spielt jeder einzelne Banker in der Finanzkrise?

Eine wichtige Voraussetzung für die Krise war das Aufkommen strukturierter Produkte. Hier sind große Fehler gemacht worden, sowohl in den Abteilungen, die sie strukturiert haben, als auch bei den bewertenden Ratingagenturen.

Waren das Missgeschicke oder vorsätzliche Fehlverhalten?

Das ist nicht so ganz zu klären. Ich habe auch noch keine ernsthaften Ermittlungen in der Hinsicht gesehen, ob den Beteiligten bewusst war, dass sie etwas übersehen.

Und welche Rolle spielt die Gier?

In der Finanzindustrie ist in den vergangenen 15 Jahren ein Entlohnungsmodell in den Vordergrund getreten, das sehr stark auf die frühzeitige Auszahlung zu erwartender Gewinne setzt. Wenn ein Einzelner ein verbrieftes Produkt verkauft, kann er die in der Zukunft erwarteten Gewinne sofort für sich verbuchen. Das hat dazu eingeladen, Produkte immer schnell wieder weiterzuverkaufen.

Viele sagen ja heute: Die Banker waren schon immer so. Sind diese Exzesse wirklich erst in den vergangen zehn, fünfzehn Jahren entstanden?

Der klassische Banker war ein Hausbanker. Dessen Beziehungen zu Kunden waren nur profitabel, wenn sie lange anhielten. Mit einem einzelnen Deal große Gewinne zu machen war damals kaum möglich. Erst mit dem Eindringen des Kapitalmarkts in das Bankgeschäft, was in den angelsächsischen Ländern sehr verbreitet ist, rückte an die Stelle der langfristigen Kundenbeziehung der Gegenwartswert der Beziehung. Diesen Wandel und welche Veränderungen er in den Anreizen für die Einzelpersonen mit sich bringt, hat man sich vor dem Eintreten der Krise gar nicht klargemacht - auch wir Wissenschaftler nicht.

Jetzt ist viel von Kulturwandel die Rede, zum Beispiel in der Deutschen Bank. Glauben Sie, dass solche Ankündigungen etwas bewirken?

Die Banken müssen sich schon fragen, wie ein nachhaltiges Geschäftsmodell aussieht, wenn der Regulierungsnebel sich gelichtet hat und klar ist, welche neuen Anforderungen wirklich an Banken gestellt werden.

Am Ende geht der Kunde aber doch wieder zu der Bank, die ihm die beste Rendite bietet.

Natürlich wird das immer der Treiber der produktiven Leistungen der Finanzindustrie bleiben. Das Finanzsystem, über das wir uns jetzt alle so ärgern, hat eine wesentliche Bedeutung für Wachstum und Verteilung in Gesellschaften. Wir können das nicht beliebig weit zurückschneiden. Als superstabiles Finanzsystem fällt mir immer das der Sowjetunion ein: 70 Jahre ohne Krise. Die Stabilität ist aber teuer erkauft worden mit dem Niedergang einer gesamten Volkswirtschaft über Jahrzehnte bis zu ihrem faktischen Zusammenbruch. Sehr stabile Finanzsysteme können eben nicht so zu Wachstum und Innovation beitragen, wie wir es erwarten. Die Politik muss also sehr genau überlegen: Wie viele Ketten legen wir dem Finanzsystem an und wie viel Freiheit lassen wir ihm?

Wirken die Ratingagenturen als Brandbeschleuniger in Krisenfällen?

Die Ratingagenturen sind die letzten aufrechten, glaubwürdigen Kritiker der Staatsschuldenmacher. Ich sehe sie nicht als Brandbeschleuniger oder gar Antreiber, die an die Leine gelegt werden sollen.

Sie halten also nichts von den jüngsten Vorschlägen aus der EU zu deren Beschränkung?

Der Vorschlag, Ratingagenturen dürften nur drei- oder viermal im Jahr ihre Bewertungen von Staaten veröffentlichen, ist eine Infamie. Denn wer macht den Vorschlag? Die Finanzminister, die am liebsten hätten, dass sich die Öffentlichkeit überhaupt keine Gedanken macht über ihre Politik. In der Staatsschuldenkrise repräsentieren die Ratingagenturen die Interessen des Steuerzahlers.

Die Fragen stellte Tim Kanning.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Männer und Herren

Von Matthias Alexander

Wenn das kein Grund zur Freude ist: Die Eintracht beendet die Saison auf dem sechsten Platz, der FSV Frankfurt geht eine Spielklasse tiefer sogar als Vierter durchs Ziel. Das ist ein schöner Imagegewinn für die Sportstadt Frankfurt. Mehr 1 2

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --