03.09.2008 · Im Zuge der Übernahme der Dresdner Bank sollen Tausende Stellen gestrichen werden. „Wir gehen davon aus, dass allein hier 4700 Stellen wegfallen“, sagt Hans-Georg Binder, Betriebsratsvorsitzender der Dresdner-Bank-Zentrale in Frankfurt. Er rechnet mit einem Streik.
Von Tim KanningIm Zuge der Übernahme der Dresdner Bank sollen Tausende Stellen gestrichen werden. Hans-Georg Binder, Betriebsratsvorsitzender
der Dresdner-Bank-Zentrale, rechnet mit einem Streik, wie er im Interview mit der Rhein-Main-Zeitung sagt.
Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern?
In der Zentrale sind die Kollegen sehr deprimiert. Vor allem, dass der Commerzbank-Chef Blessing schon die Zahl der Stellenstreichungen auf 9000 festgemauert hat, bevor er sich die Strukturen beider Häuser genau angesehen hat, wurde von vielen als Paukenschlag empfunden.
Wie groß wird der Stellenabbau nach Ihrer Sicht in Frankfurt ausfallen?
Wir gehen davon aus, dass allein hier 4700 Stellen wegfallen. Die Abteilungen der Corporate Functions, also der Konzernstäbe, wo besonders viele Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, sitzen zu 99 Prozent hier.
In welchen Abteilungen erwarten Sie besondere Einschnitte?
In der Dresdner Bank sind einige Bereiche ganz anders strukturiert als in der Commerzbank. Zum Beispiel haben wir keine Mittelstandsbank, die sich um Firmen mittlerer Größe kümmert. Bei uns werden die ganz großen Konzernkunden von der Investmentbank betreut, die restlichen von der Geschäftskundensparte. Wenn das zusammengelegt werden soll, könnte das zu Problemen führen.
Was wird aus der Investment-Tochter Dresdner Kleinwort?
Blessing hat schon deutlich gemacht, dass vor allem das Investmentbanking zurückgefahren werden soll. Die Commerzbank hat das schon früher gemacht. Was ich bis jetzt gehört habe, sollen da allein in Frankfurt mehr als 1000 der 2500 Stellen gestrichen werden. Das wären mehr Mitarbeiter als im Eigenhandel arbeiten, den Blessing offiziell zurückfahren will.
Wie wurden die Mitarbeiter über die Veränderungen informiert?
Montag Mittag gab es eine kurze Veranstaltung, die auch im Web-TV bundesweit übertragen wurde, auf der Blessing, Diekmann und Walter sehr kurz erklärt haben, was sie vorhaben. Danach war für die Mitarbeiter lediglich Zeit, zwei Fragen zu stellen. Das war kein guter Einstand. Das einzig gute ist, dass Blessing bis 2011 keine betriebsbedingten Kündigungn ausprechen will, aber auch das ist ein relativ kurzer Zeitraum.
Befürchten Sie, dass die Betriebsräte beider Häuser, und somit auch die Mitarbeiter, in den Verhandlungen gegeneinander ausgespielt werden?
Es gibt zwar schon Bestrebungen, dass einige Themen mit der einen und andere mit der anderen Seite diskutiert werden, aber bis jetzt habe ich das Gefühl, dass beide Betriebsräte wissen, dass sie an einem Strang ziehen müssen.
Was können die Mitarbeiter im Moment tun?
Am wichtigsten ist, erstmal Business as usual einkehren zu lassen. Die Kunden dürfen nicht das Gefühl bekommen, sie wüssten nicht, wie es mit ihrer Bank weitergeht. Das kann ich auch Blessing nur empfehlen: Jetzt erstmal wieder Ruhe in den Laden zu bringen und den Kunden zuzusichern, dass sich erstmal für sie nichts ändern wird.
Das klingt, als würden sich die Mitarbeiter fügen.
Für den kommenden Freitagmorgen hat Verdi zur Demonstration auf dem Goetheplatz aufgerufen. Da geht es grundsätzlich um die Tarifverhandlungen, aber im Mittelpunkt wird sicher die Übernahme stehen. Die Friedenspflicht in den Tarifverhandlungen ist abgelaufen, daher erwarte ich, dass im Anschluss an die Veranstaltung zum Streik aufgerufen wird.
Viele sagen, in Frankfurt finden gut ausgebildete Banker eine neue Stelle.
Sicher, Spezialisten für strukturierte Finanzierungen oder Privatkundenbetreuer werden hier vereinzelt immer gesucht. Aber für 4700 Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Abteilungen dürfte das schwer werden.
Sehen Sie in dem Zusammengehen auch eine Chance?
Das ist für die Commerzbank eine einmalige Chance, auf einen Schlag ihren Marktanteil zu verdoppeln. Von dieser neuen vergrößerten Plattform aus können wir ganz anders mit guten Produkten im Privat- und Firmenkundengeschäft angreifen. Die Dresdner wird endlich von einem Kapitaleigner getragen, der sie mit dem Denkmuster einer Bank beurteilt, nicht mit den Schablonen eines Versicherungskonzerns.
Sie selbst sind seit Jahren Mitarbeiter der Dresdner Bank. Wie fühlen Sie sich?
Mich macht vor allem traurig, dass einige wenige Investmentbanker, die mit Produkten gehandelt haben, die sie augenscheinlich nicht verstanden haben, den Untergang einer 136 Jahre alten Marke auslösen können.
Dresdner Bank
Helga Mayer (Helga15)
- 03.09.2008, 18:33 Uhr