01.12.2008 · 388.000 Unternehmer und Manager sollen Ende Januar über die Zusammensetzung der Vollversammlungen der neun hessischen Industrie- und Handelskammern in den nächsten fünf Jahren entscheiden. In Frankfurt wird aufgepasst, dass die Kandidaten wirklich Unternehmer sind.
Von Manfred KöhlerGanz so leicht ist es offenbar nicht, jemanden für ein ehrenamtliches Engagement in der Industrie- und Handelskammer zu gewinnen. Wenn vom 21. Januar an die Unternehmer und Manager Hessens per Briefwahl über die Zusammensetzung der Vollversammlungen entscheiden, kann zum Beispiel in der Versicherungswirtschaft in Frankfurt, dem Main-Taunus- und dem Hochtaunuskreis von einer Wahl, wie man sie sich gemeinhin vorstellt, nicht recht die Rede sein. Zwei Plätze sind der Branche in der Vollversammlung zugebilligt, und dafür kandidieren mit Wolfram Wrabetz von der Helvetia und Frank Grund von der Basler Securitas gerade einmal zwei Manager. Bei den Handelsvertretern konkurrieren immerhin vier Männer um drei Plätze. Allein in der Medienwirtschaft von Frankfurt und Umgebung ist das Interesse beachtlich: Hier werden von 16 Kandidaten nur acht zum Zuge kommen.
Die im Abstand von fünf Jahren organisierten Wahlen zu den Vollversammlungen der Industrie- und Handelskammern sind in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Wählen dürfen nur die Unternehmer und Manager selbst – 388.000 sind es in ganz Hessen, ein Fünftel mehr als noch 2004 –, und sie dürfen es auch nur in ihrer Wahlgruppe, vulgo Branche. In Frankfurt konkurrieren um die 89 Plätze aller 13 Wahlgruppen 140 Frauen und Männer, in ganz Hessen haben sich 946 Kandidaten bereitgefunden, für die 520 Plätze bereitstehen. Dem überschaubaren Interesse in der Wirtschaft, sich in den altehrwürdigen Organisationen einzusetzen, entspricht die bescheidene Wahlbeteiligung – in Frankfurt lag sie vor fünf Jahren bei 12,5 Prozent.
Wahlordnung geändert
Dabei verstehen sich die Gremien stolz als „Parlament der Wirtschaft“. Hans-Joachim Tonnellier, Präsident der IHK Frankfurt, strich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der IHK-Arbeitsgemeinschaft Hessen heraus, dass es zum Beispiel seinen Kollegen in der Kammer Gießen-Friedberg gelungen sei, die Ausdehnung der Mautpflicht für Lastwagen auf die B 254 zu verhindern, wodurch der Wirtschaft Belastungen von zwei Millionen Euro erspart geblieben seien. Und die IHK Wiesbaden habe die Ansiedlung eines Möbelmarktes in Mainz-Kastel erkämpft.
In Frankfurt kam es bei der Aufstellung der Kandidatenlisten in den verschiedenen Branchen vor allem darauf an, genau auf die unternehmerische Tätigkeit jedes Einzelnen zu achten. Denn um die Frage, inwiefern auch Aufsichtsratsvorsitzende Unternehmer seien, war vor knapp zwei Jahren heftig gestritten worden; trotz des Rücktritts des damaligen Präsidenten Joachim von Harbou ist immer noch ein Verfahren wegen dieser Frage anhängig. Inzwischen wurde die Wahlordnung so geändert, dass ein Aufsichtsratsvorsitzender nur dann eine Chance bekommt, wenn er eine herausgehobene Stellung im Betrieb hat, wie dies vielleicht bei Familienunternehmen vorstellbar ist. Matthias Gräßle, Hauptgeschäftsführer der IHK Frankfurt, hob hervor, dies und auch die Bevollmächtigungen von Managern seien diesmal genau geprüft worden.
Neue Kandidaten
Die beiden letzten Vizepräsidenten, bei denen die Rechtmäßigkeit der Wahl vor zwei Jahren angezweifelt worden war, Reiner Dickmann und Harald Dombrowski, kandidieren ohnedies nicht noch einmal. Unter den Kandidaten findet sich auch nicht mehr Wolf Klinz, Europaabgeordneter der FDP, der 2004 überraschend bei der Wahl zur Vollversammlung durchgefallen war, so dass er auch nicht mehr Präsident der Kammer bleiben konnte; er war später noch nachgerückt. Auch der Vermögensverwalter Lutz Gebser, Hans-Michael Heitmüller von der Deutschen Leasing und der Bankier Friedrich von Metzler kandidieren nicht mehr. Sein Bankhaus soll künftig durch Emmerich Müller vertreten sein, die Deutsche Leasing durch Kai Ostermann. Hans-Dieter Brenner möchte Günther Merl nicht nur an der Spitze der Helaba, sondern auch in der ÍHK-Vollversammlung folgen. Ein Kandidat der Frankfurter Sparkasse findet sich nicht mehr, dafür tritt Hans-Dieter Homberg, Chef der Taunus-Sparkasse, an. Alle drei Großbanken haben einen Kandidaten aus ihrem Regionalgeschäft benannt, Lutz Raettig möchte als Geschäftsleiter von Morgan Stanley abermals in die Versammlung, die genossenschaftlichen Institute sind unter den Kandidaten durch Jürgen Weber, Chef der Sparda-Bank, und Hans-Joachim Tonnellier, in gleicher Funktion bei der Frankfurter Volksbank und seit dem vergangenen Jahr Kammerpräsident, vertreten. Tonnellier ist wohl bereit, weiter an der Spitze der IHK zu stehen, auch wenn er zurückhaltend darauf verwies, bisher ja gerade einmal Kandidat für die Vollversammlung zu sein.
Zu den neuen Kandidaten in anderen Branchen zählen Constantin Alsheimer (Mainova), Norbert Richter (Kaufhof), Thomas Feda (Tourismus- und Congress GmbH), Thomas Hilberath (Interconti) und der Projektentwickler Martin Wentz, einst Frankfurter Planungsdezernent. Falls er an alte parlamentarische Zeiten anknüpfen möchte, wird er aber wohl enttäuscht sein: So turbulent, wie es im Römer bei jeder Gelegenheit zugeht, war es in der IHK-Vollversammlung selbst an ihren aufregendsten Tagen 2007 nicht.