16.08.2006 · In Frankfurt wird der Grundstein für das „House of Finance“ gelegt. Ziel ist die europäische Spitzenliga. Bei den Banken setzt man große Hoffnungen in das Projekt.
Von Christian SiedenbiedelBei der Goethe-Universität war man sich gar nicht so sicher, ob man das Ereignis groß feiern sollte - angesichts von Unmut und Demonstrationsbereitschaft unter den Studenten wegen der Studiengebühren. Auf dem Campus Westend, dem Gelände am früheren IG-Farben-Haus, wird heute der Grundstein für das „House of Finance“ gelegt: ein 12.000-Quadratmeter-Gebäude für alle Fachbereiche rund ums Geld. 2008 soll es fertig sein, die Kosten werden auf 25 Millionen Euro veranschlagt.
Die Banken am Finanzplatz hoffen, damit im Wettbewerb mit den anderen europäischen Finanzzentren aufzuholen. Eine Studie unter Federführung der Landesbank Hessen-Thüringen attestiert Frankfurt zwar, bei der finanzbezogenen Bildung und Forschung auf dem richtigen Weg zu sein: „Der Finanzplatz steht besser da als vor zehn Jahren“, schreiben die Autoren. Gleichwohl hätten die hiesigen Einrichtungen noch nicht das internationale Renommee von London und Paris. „Die Anziehungskraft des deutschen Finanzzentrums auf Forscher von internationalem Rang wächst aber spürbar“, so die Studie.
Zumindest die Münchener beneiden Frankfurt
Die Banken selbst haben lange ihren Nachwuchs nicht primär aus Frankfurt bezogen. Mannheim und Köln etwa galten als Kaderschmieden der Betriebswirtschaftslehre. So mancher erfolgreiche Banker verbrachte außerdem einen Teil seines Studiums an ausländischen Elitehochschulen wie St. Gallen, der London School of Economics oder Harvard.
Über das „House of Finance“ heißt es am Bankenplatz, zumindest die Münchener beneideten Frankfurt schon jetzt. Angesichts der etwa 20 Professoren und mehr als 100 Wissenschaftler werde es an keiner deutschsprachigen Universität eine vergleichbare Konzentration der finanzbezogenen Forschung geben. Im Wettbewerb stehen wird das Zentrum in Frankfurt auch mit der „HfB Business School“, der früheren Hochschule für Bankwirtschaft. Seit 1990 ist sie als private, stärker an der Praxis orientierte Einrichtung am Markt. Seit 2004 hat sie Universitätsrang und versucht gleichfalls, in die Spitzenliga vorzustoßen. „Wir freuen uns auf den Wettbewerb in der Lehre und die Kooperation in der Forschung“, sagt HfB-Dekan Thomas Heimer. 28 Professoren unterrichten an der Einrichtung im Ostend in der Nähe des künftigen Standorts der Europäischen Zentralbank knapp 1000 Studenten. Außerdem beschäftigt die Hochschule 80 bis 100 Lehrbeauftragte. Zwei Stiftungsprofessuren, von der Deutschen und der Commerzbank, sind gerade ausgeschrieben.
Die Initiative Finanzstandort Deutschland, zu der Banken und Versicherungen gehören, hatte die Konzeption für das „House of Finance“ begleitet. „Wir haben festgestellt, daß es in Deutschland mit der Banklehre zwar eine bessere Basisqualifikation gibt als in vielen anderen Ländern“, sagt Michael Heise, der Chefvolkswirt von Dresdner Bank und Allianz. Gleichwohl gebe es bei den Spitzenqualifikationen Nachholbedarf. Dazu zählten hochspezialisierte Akademiker, die komplexe Bankprodukte entwickeln könnten, Fachleute für Unternehmensbewertungen, Marktanalysen, Handelsstrategien oder auch Experten für Ratingverfahren und Risikosteuerung. „Das ,House of Finance' wird dabei ein wichtiger Schritt sein“, meint Heise. Die Dresdner Bank fördere finanziell unter anderem das „Institut for Law and Finance“, das in das „House of Finance“ integriert werden soll.
„Innovationscluster“ am Finanzplatz
„Gerade für den Finanzplatz ist es wichtig, Talente an Frankfurt zu binden“, meint Norbert Enste, Partner beim Bankhaus Metzler. Die Goethe-Universität habe in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, sich bei Finanzthemen an die Spitze der deutschen Hochschulen zu setzen. Zu Beginn der neunziger Jahre habe es zur Kreditwirtschaft in Frankfurt nur drei Lehrstühle gegeben - jetzt entstehe ein großzügiges Kompetenzzentrum: „Die Hochschule ist nicht länger der Elfenbeinturm und vernetzt sich zusehends mit dem Standort Frankfurt, seinen Unternehmen und den internationalen Hochschulen der Welt.“
Die Experten sprechen davon, das „House of Finance“ und die „HfB Business School“ sollten sich zu „Innovationsclustern“ des Finanzplatzes entwickeln - gemeint ist, daß von Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen häufig Neuerungen in die Unternehmen getragen werden. „Die Stärke und Chance liegt in der Bündelung von wissenschaftlichem Know-how in unserer unmittelbaren Nachbarschaft“, heißt es etwa bei der Deutschen Bank. „Dies sollte sich positiv auf die Innovationsfähigkeit des Finanzstandortes auswirken.“ Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut meint:
„Das Wichtigste an einem Finanzplatz sind doch die Menschen, die trotz ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten und Professionen eng zusammenarbeiten müssen.“ Das „House of Finance“ werde verschiedene Disziplinen ins Gespräch bringen: Juristen und Betriebswirte, Bankfachleute und Marketingexperten sollen sich austauschen - in der Hoffnung, daß so leichter Neues entsteht.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge