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Hess Natur Kunden als ideologische Gemeinschaft

 ·  Trotz aller Turbulenzen um den Verkaufsprozess steuert Hess Natur auf das beste Ergebnis seiner Geschichte zu. Der künftige Besitzer des Butzbacher Modehändlers muss sich auf Kunden einstellen, die auch in geschäftlichen Dingen mitreden wollen.

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Sie modelte nur einen Sommer – jedenfalls für Hess Natur. Zwar präsentierte die gertenschlanke Blondine mit modischem Kurzhaarschnitt eine auffallend modische Weste professionell. Gleichwohl blieb es bei einem Gastspiel, weil Kundinnen des Ökomode-Marktführers aus Butzbach protestierten: Ein solches Model passe doch nicht zu Hess Natur, hieß es. Ein andermal erhoben Kundinnen ihre Stimme, nachdem in einem Katalog ein vertrautes Model-Paar nicht mehr auftauchte. Ob die beiden nicht mehr zusammen seien, wollte eine Dame wissen, wie sich eine Mitarbeiterin amüsiert erinnert.

Solche Berichte mögen drollig wirken – vor allem aber zeigen sie eines: Kunden von Hess Natur, und das sind vorzugsweise Frauen, schauen sehr genau hin, was zur Marke passt. Und sie wollen mitreden, auch in geschäftlichen Dingen. Darauf wird sich der künftige Eigentümer einzustellen haben.

Nicht jeder Bieter komme in Frage

Dass diejenigen, die in dem Unternehmen einkaufen, häufig auch ein besonderes Interesse an dem Butzbacher Anbieter an sich an den Tag legen, haben die zahlreichen Reaktionen im Internet auf den Verkaufsprozess gezeigt, der nun jedenfalls vorerst beendet wurde. In ungezählten Blog-Einträgen auf verschiedenen Seiten wurde ein Boykott angedroht für den Fall eines Verkaufs an den Carlyle Group. Der unter anderem an Rüstungsunternehmen beteiligte Finanzinvestor hatte zuvor andere Versandhändler erworben, die wie die Hess Natur-Textilien GmbH zur insolventen Karstadt-Mutter Arcandor gehörten. Diese Versender waren in der Primondo Specialty Group (PSG) zusammengefasst. Hinter PSG steht mittlerweile der Pensionsfonds Karstadt-Quelle Mitarbeiter-Trust. Nach den Protesten verlor Carlyle das Interesse an den Butzbachern, wie es hieß.

Die Einmischung von Kunden hatte jedoch weitere Folgen für den Verkaufsprozess. PSG ließ im Mai wissen, der künftige Eigentümer müsse die bei Hess Natur geltenden und maßgeblich mitentwickelten sozialen und ökologischen Standards einhalten. Folglich komme kein Bieter in Frage, der an Unternehmen beteiligt sei, die im Widerspruch zu diesen Standards stünden.

Nachhaltiges Wirtschaften

Wer bei Hess Natur einkauft, kauft gleichzeitig das Versprechen, ein in jeder Hinsicht sauberes Produkt zu erwerben. So ist das Pfund, mit dem der Versender wuchern kann, das Vertrauen der Kunden in seine sozialen und ökologischen Standards. Daraus folgt: Alles, was diese Vorgaben beeinträchtigt, schwächt die Marke und geht letztlich zu Lasten des Besitzers des Unternehmens. Für viele Kundinnen ist Hess Natur nicht nur ein Anbieter von Bekleidung und Schuhen, Accessoires und Bettwäsche. „Sie sehen sich als Teil einer ideologischen Gemeinschaft und nehmen Anteil am Unternehmen“, wie es in Butzbach heißt.

So gebe es die Erwartung, zumindest Teile des Gewinns in Projekte zum nachhaltigen Wirtschaften in Deutschland und anderswo einzusetzen, statt an irgendwelche Investoren weiterzuleiten. Das Verständnis, mit dem Kauf von Artikeln einer guten Sache zu dienen, sei stark ausgeprägt. Dazu passt das Engagement von Kunden in der Genossenschaft HN Geno, an deren Spitze zwei Betriebsräte des Ökomodehändlers und eine Vertreterin des Netzwerks Attac stehen und die den Modehändler übernehmen will.

Klar ist: Hess Natur soll den Besitzer wechseln

Aus eigener Sicht ist Hess Natur nicht mit anderen Versendern vergleichbar. Aus der Belegschaft ist der Wunsch zu hören, der künftige Eigentümer möge sich des besonderen Geschäftsmodells bewusst sein. Und nicht gleich mit der Idee kommen, Callcenter und Informationstechnologie auszulagern, um Kosten zu senken. Mit diesem Ansinnen dürfte ein Investor auch bei Geschäftsführer Wolf Lüdge abprallen. Er hat sich schon zu Arcandor-Zeiten gegen Outsourcing gewandt. Ein Versender müsse sein eigenes Callcenter haben, um den Kundenkontakt pflegen zu können. Eine eigene IT sei nötig, um agieren zu können. „Als Marke müssen wir Kunden gewinnen und nicht Kosten senken“, lautet sein Credo.

Mit dem derzeitigen Geschäftsverlauf dürfte Lüdge, der das Unternehmen in den vergangenen Jahren vorangebracht hat, zufrieden sein. Dem Vernehmen nach steuert Hess Natur auf das beste Ergebnis seiner Geschichte zu. Nachfrage und Umsatz liegen demnach um einen deutlichen zweistelligen Prozentsatz über dem Vorjahresniveau. Bei der Zahl der Besteller gebe es ein fünfstelliges Plus, heißt es. So zähle Hess Natur mittlerweile 900.000 Kunden in der Kartei.

Welcher Investor sich künftig über solche Wachstumsraten freuen kann, steht dahin. Ebenso, wann ein neuer Verkaufsprozess angestoßen wird. Klar ist: Hess Natur soll den Besitzer wechseln. Auch gibt es anhaltendes Interesse von Investoren. Dazu zählt die Genossenschaft HN Geno. „Doch es finden keine Gespräche statt“, versichert ein PSG-Sprecher.

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