02.04.2009 · Eine familienorientierte Firmenpolitik stärkt in der Krise die Wettbewerbsfähigkeit. In Firmen mit Angeboten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind Produktivität und Motivation der Beschäftigten deutlich höher als in anderen Betrieben, so eine Initiative der Hertie-Stiftung unter Berufung auf eine Studie.
Eine familienorientierte Firmenpolitik stärkt in der Krise die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Davon ist Beruf und Familie, eine Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung überzeugt. Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie senkten auch in wirtschaftlichen Krisenzeiten Kosten, sagte der Geschäftsführer der der gemeinnützigen GmbH, Stefan Becker, in Frankfurt. In diesen Unternehmen seien Produktivität und Motivation der Beschäftigten um je 17 Prozent höher als in anderen Firmen, und die Fehlzeiten um 13 Prozent niedriger, sagte Becker unter Berufung auf eine Studie der Universität Münster.
Firmen, die ökonomisch unter Druck gerieten, sollten bei etwaigen Einsparungen den betriebswirtschaftlichen Nutzen einer familienbewussten Personalpolitik im Blick behalten, riet Becker. Auf Auftragsschwankungen könne etwa mit flexibleren Arbeitszeiten reagiert werden. Dabei gebe es einen großen Nachholbedarf und viel mehr Modelle, als die meisten nutzten. Arbeitgeber sollten zudem Netzwerke mit anderen familienfreundlichen Bündnissen und Firmen sowie öffentliche Fördermöglichkeiten nutzen. Ein zum Arbeitslohn gezahlter Zuschuss für die Kinderbetreuung reduziere die Personalausgaben, ein Zuschuss für die Baby-Erstausstattung hingegen sei weniger sinnvoll.
340 Arbeitgeber im Audit-Prozess
Eine familienfreundliche Personalpolitik sei wegen der Kindererziehung, der wachsenden Bedeutung von Pflege älterer Menschen und des Fachkräftemangels unerlässlich. Rund 350.000 Arbeitnehmer in Deutschland betreuten bereits neben ihrem Job einen Pflegebedürftigen.
Die vor gut zehn Jahren gegründete Initiative Beruf und Familie hat mit mehr als 1200 Unternehmen, Hochschulen und Institutionen in Deutschland Strategien für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erarbeitet und dafür Audits vergeben. Darunter sind 40 Prozent der Dax-Unternehmen und jede vierte Hochschule. Rund 340 Arbeitgeber schlossen sich diesem Audit-Prozess 2008 an, etwa 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Darunter ist auch die Bundesregierung mit allen Ministerien. Die vereinbarten Ziele werden regelmäßig überprüft und angepasst. 97 Prozent der bereits zertifizierten Arbeitgeber verfolgten diesen Prozess auch in der Krise weiter. Trotz der Krise sei das Interesse an dem Audit auch 2009 ungebrochen, sagte Becker.
„Familienfreundlichkeit bleibt bei Daimler ein Thema“
Daimler-Manager Harald Klein vom Lastwagen-Werk im rheinland-pfälzischen Wörth sagte: „Familienfreundliche Personalpolitik bleibt bei Daimler auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein Thema.“ Damit habe die Elternzeit von durchschnittlich 4,5 Jahren im Jahr 2002 auf derzeit 23 Monate reduziert werden können. Damit habe das Werk mit seinen rund 10.000 Beschäftigten schätzungsweise eine Million Euro im Jahr eingespart.
In Hessen haben fast alle großen Banken das Audit. In Frankfurt gibt es zudem ein lokales Bündnis mit den zertifizierten Unternehmen, darunter etwa die AOK und das Chemieunternehmen Merck. Unter den rund 70 Firmen und Institutionen sind auch alle Hochschulen sowie Nestlé, die Fraport AG, der Landeswohlfahrtsverband, Daimler in Kassel, die Wintershall AG, Technoform Caprano in Kassel, die Kreisverwaltung Offenbach und Teile der Landesregierung sowie der Arbeitgeberverband Hessen-Chemie (Damit die Belegschaft nicht vergreist).