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Digital native mit Mitte 60 : Global Player ohne eigenes Büro

Digital native mit Mitte 60: Heinz-Walter Große, Chef von B.Braun Melsungen und Hessenchemie in Wiesbaden Bild: Frank Röth

Wer braucht als Chef schon ein Büro? Der Mann an der Spitze von B.Braun Melsungen und des Arbeitgeberverbands Hessenchemie jedenfalls nicht. Der Freund der Sozialpartnerschaft ist digital überaus fit.

          Mag Heinz-Walter Große lieber moderne Kunst oder eher Stillleben mit Blumen in seinem Büro? Lehnt dort eine Gitarre an der Wand? Lächeln ihm aus einem Bilderrahmen seine Lieben daheim entgegen? Wer von Accessoires in seinem Büro bei B. Braun Melsungen auf das Wesen von Große schließen möchte, hat Pech. Der Vorstandschef des Medizintechnik- und Pharmaunternehmens, der auch den Arbeitgeberverband Hessenchemie mit Sitz in Wiesbaden führt, hat gar kein eigenes Büro. So begrüßt der Chef dieses Global Players mit großen Standorten in den Vereinigten Staaten, in Malaysia, Spanien und Ungarn seine Gäste eben in einem Besprechungszimmer. Große lächelt und wird das im Gespräch öfter tun.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ist das für ihn nicht komisch ohne ein eigenes Büro mit Chefsekretärin? Große muss nicht lange überlegen. „Ich möchte ein offenes Konzept nicht missen“, sagt er. Dessen ungeachtet, hatte der promovierte Ökonom auch keine Wahl, als er 2005 in den Vorstand von B. Braun eintrat, wie er erzählt. Hatte sich der Familienkonzern doch seinerzeit schon längst von Büros der üblichen Art verabschiedet. „Das hat nur Wirkung, wenn die Chefs vorneweg gehen, sonst wird das unglaubwürdig“, hebt Große hervor. Allerdings kenne er keine Kollegen an der Spitze eines Unternehmens, die es genauso hielten.

          Chefbüros ja - aber verglaste

          Und beim Arbeitgeberverband Hessenchemie in Wiesbaden, der erst vor einigen Jahren seine neue Zentrale gebaut hat, „haben die Chefs noch eigene Büros“. Allerdings verglaste, wie Geschäftsführer Jürgen Funk einwirft. Diese Transparenz spiegele wider, wie der Arbeitgeberverband intern kommunizieren wolle.

          Lösungsansatz: Natriumchlorid in flüssiger Form für Infusionsbehältern bei B.Braun in Melsungen

          Bevor er wieder in Melsungen antrat, hatte Große das Österreich-Geschäft von B. Braun geleitet. Aus einem Eckbüro heraus und selbstredend mit Chefsekretärin an seiner Seite. Heute meint er, es sei doch pure Verschwendung, Büromöbel und vielleicht sogar eine Couch nur für eine Person zu kaufen, die an vielen Tagen überhaupt nicht in der Zentrale, sondern an anderen Standorten der Firma sei. „Auf einer Chef-Fläche arbeiten hier zwanzig Leute“, erläutert Große. In der B.-Braun-Zentrale wirkt dies für Außenstehende besonders erstaunlich. Sie befindet sich in Gebäuden aus dem Jahr 1904, die auf den ersten Blick kein hochmodernes Inneres erwarten lassen. Aus Großes Worten spricht jedoch der Sinn fürs Wirtschaftliche. Räume auf diese Art zu nutzen spart Kosten und gilt deshalb als effizient.

          Womit die Firma leben können muss

          Das Wirtschaftliche hat er in diesen Wochen besonders im Blick angesichts der Tarifforderung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Höhe von sechs Prozent mehr Lohn und Gehalt sowie einen Aufschlag aufs Urlaubsgeld. Hessenchemie spricht in der Summe von „sechs plus eins“. Dieses Plus rechnet er auf die B.-Braun-Gruppe mit ihren 63.000 Mitarbeitern und Personalkosten von 2,5 Milliarden Euro um und meint, da müsse sich ein Management fragen, ob das Unternehmen damit leben könnte.

          Dessen ungeachtet, bezeichnet er sich als Freund der Sozialpartnerschaft. Den bisher letzten Streik hat seine Branche 1971 erlebt und seitdem in der Regel Tarifabschlüsse erzielt, mit denen Firmen wie Arbeitnehmer gut zurechtgekommen sind. Dabei gilt Große als sehr aktiver Vorsitzender von Hessenchemie, der voll ins operative Geschäft eingebunden ist und kein Frühstücksdirektor.

          Der Tablet-PC liefert ihm alle Daten

          Wenn der B.-Braun-Chef in der Zentrale arbeitet, setzt er sich in einen wenige Quadratmeter kleinen verglasten Raum. Cockpit nennt sich das. Dort kann er in Ruhe telefonieren und auch Gespräche führen, die nicht jeder mitbekommen sollte. Schließlich ist er auch Arbeitsdirektor und zuständig für Personalfragen. Dessen ungeachtet, braucht Große auch nicht viel Platz. „Hier drin ist mein ganzes Büro“, sagt er und deutet auf einen Tablet-Rechner. Das Gerät liefert ihm außer Mail-Fach, Kalender und Notizblock auch etwa Vorstandsunterlagen. „Wenn ich irgendwo in einer Sitzung bin, und es kommt ein Thema auf, habe ich es zur Hand“, erzählt er. Und aus der Art, wie seine Finger über den Bildschirm fliegen, lässt sich schließen, Große zeige im Zweifel seinen Enkeln, wie das online so gehe. Zeitung liest er über das mobile Endgerät, mit dem er auch die Musikdatenbank von Apple nutzt, Playlist inklusive.

          Große macht aber auch selbst Musik. So spielt er für den Hausgebrauch Klavier und ist Mitglied in einem Posaunenchor seiner Heimat. Überhaupt gilt Große als nahbar, die nordhessische Herkunft und das Bodenständige sind nicht zu überhören. Im Betrieb mischt er sich gern unters Volk. Auf die Idee, abseits der Belegschaft Mittag zu essen, käme er nicht. Er geht in die Kantine und sucht dort das Gespräch. „Wenn ich unseren Mitarbeitern das Essen servieren lasse, muss es ja auch für mich gut sein.“

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