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Handy Doppelpiep statt Briefkastenklappern

08.08.2007 ·  Schreib mal wieder: Diese Aufforderung nehmen Handybenutzer allzu wörtlich. Rund 22 Milliarden „SMS“ haben sie im vergangenen Jahr in Deutschland verschickt. Die Anzahl der Briefe ist hingegen rückläufig.

Von Christian Siedenbiedel
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Auch wenn die Technik natürlich längst schon wieder weiterentwickelte Formen der Kommunikation möglich macht, sind die „SMS“-Kurznachrichten offenbar weiter auf dem Vormarsch. Der Branchenverband Bitkom meldet eine Rekordzahl von 22,4 Milliarden SMS im abgelaufenen Geschäftsjahr in Deutschland – für dieses Jahr wird mit 23 Milliarden gerechnet. Im Gegenzug hat bei der Post das Aufkommen an Briefen von Privaten an Private über die Jahre abgenommen, wie ein Sprecher bestätigte.

Fleißige Nutzer der Handy-Nachrichten gibt es auch in Hessen zuhauf. Regierungssprecher Dirk Metz (CDU) soll sogar blind tippen können. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin und Metz-Parteifreundin Petra Roth äußerte neulich, sie schreibe mit ihren erwachsenen Kindern bisweilen SMS. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) soll sich von seinen Mitarbeitern gern den Stand politischer Verhandlungen durchsimsen lassen – bisweilen auch schon mal aus geschlossenen Räumen, so dass alle nachher erstaunt sind, woher er diese oder jene Information nun schon wieder hat.

350 SMS im Jahr sind der Durchschnitt

Im Gespräch mit Schülern, die das gar nicht fassen konnten, musste der Ministerpräsident unlängst erklären, dass es in seiner Jugend noch kein Handy gegeben habe – und dass man trotzdem irgendwie habe leben können. Als besonders fleißige Simser in der Landesregierung gelten, wie man hört, die beiden Ministerinnen Karin Wolff und Silke Lautenschläger (beide CDU).

Nach wie vor schreiben allerdings keinesfalls alle Handybesitzer auch SMS. Der Anteil soll bei etwa 75 Prozent liegen, wie aus einer Studie der Unternehmensberatung „Dialog Consult“ hervorgeht. Junge Leute sind unter den Simsern weiter deutlich überproportional vertreten – bisweilen schreiben sie sogar so exzessiv, dass sie zu einem Fall für die Schuldnerberatung werden, wie Jugendschutzorganisationen warnen. In die Schlagzeilen geriet beispielsweise eine Zwölfjährige, die auf ihrem Handy die Nachricht „Warum meldest Du Dich nicht mehr – hast Du mich etwa vergessen?“ empfangen hatte – und nach dem anschließenden Hinundherschreiben stolze 102,60 Euro zahlen sollte.

Eine ganze Branche lebt von den kleinen Botschaften. Mehr als 16 Prozent aller Mobilfunkumsätze sollen nach Branchenangaben auf SMS entfallen. Nach Auskunft des Verbands Bitkom verschickt jeder Handybesitzer im Durchschnitt etwa 350 SMS im Jahr – also umgerechnet fast jeden Tag eine.

Kontoauszüge aufs Handy

Dabei gibt es in der Welt der Kurznachrichten fast nichts, was es nicht gibt. Passend zur Urlaubszeit bietet etwa die katholische Kirche einen Reisesegen per SMS an. Wer eine Kurzmitteilung mit dem Wort „Reisesegen“ an die Nummer 01 77 / 1 78 52 59 schickt, erhält diesen umgehend ohne zusätzliche Kosten, wie die Fernseharbeit der Deutschen Bischofskonferenz mitteilte. Das liest sich dann so: „Gott segne Dich und alle, die mit Dir reisen. Seine Engel mögen dich wohlbehalten nach Hause führen. Amen.“

Einige Banken bieten Kontoauszüge per SMS an. Die Sparda-Bank Hessen berichtete von einer stark wachsenden Zahl von Interessenten. Die Bahn nutzt die Technik in Frankfurt für das Buchen ihrer Mietfahrräder. Auch beim Handyticket des Rhein-Main-Verkehrsverbunds wird sie eingesetzt – allerdings nur ergänzend zur Verbindung mit dem Internet.

SMS beschäftigen Gerichte immer häufiger, auch als Tatmotiv bei Beziehungsstraftaten. So wurde vor dem Landgericht Frankfurt unlängst ein Mann vernommen, der angeklagt war, seine Frau im Bett ermordet zu haben. Und zwar aus Eifersucht, wie es hieß, weil sie einen anderen in mehreren SMS „Sonnenschein“ und „Prinz“ genannt hatte, wie er auf ihrem Handy habe lesen können.

Kunst des schnellen Tippens

Teil der Handykultur sind auch die Klingeltöne, von denen es manche bis in die Charts geschafft haben – obwohl sie beispielsweise als Erkennungsmelodie für eingehende SMS stets nur wenige Sekunden ertönten. Schnelltippen gehört wie Blindtippen zu den Künsten rund um die SMS. In Amerika gilt als Rekordhalter der 18 Jahre alte Ben Cook aus Utah.

Bei einem Wettbewerb brauchte der junge Mann für den Satz „Ich bin unterwegs. Komme in 30 Minuten an“ 16 Sekunden, während ein Konkurrent mit einem sogenannten Texterkennungssystem T 9 auf mehr als eine Minute kam. Geschlagen wurden beide allerdings von einem Spracherkennungssystem für Handys, das den Satz in weniger als acht Sekunden korrekt entgegengenommen haben soll.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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