03.01.2007 · Mit immer neuen Sonderangeboten versucht der Einzelhandel, die Mehrwertsteuererhöhung vergessen zu machen. Dass es auf Dauer nicht bei Tief-, Tiefer- und Tiefstpreisen bleiben wird, gibt der Handel ohne Mühen zu.
Von Manfred KöhlerNatürlich steigen die Preise. Wenn nicht heute, dann morgen. Und wenn nicht im Januar, dann im Februar. Angesichts der niedrigen Margen im Einzelhandel können die Unternehmen gar nicht anders, als zumindest einen Teil der Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte an die Kundschaft weiterzugeben. Aber darüber redet man nicht so gerne. Vielmehr versucht der Handel derzeit, mit allerhand Rabatten die Mehrwertsteuererhöhung vergessen zu machen. Und so hat das neue Jahr mit einem Feuerwerk an Sonderangeboten begonnen, das seinesgleichen sucht.
Dass Rabatte von einem Teil der Konsumenten tatsächlich als eine Art Handlungsanweisung begriffen werden, ließ sich in der Saturn-Filiale an der Frankfurter Zeil beobachten: Tagelang hatte die Kette auf allen Kanälen wissen lassen, dass 19 Prozent jedenfalls bei ihr bedeuteten, einen Teil ihrer Waren um 19 Prozent zu verbilligen. Am Dienstag schlug sich das in beachtlichen Schlangen bepackter Menschen vor jeder Kasse nieder. Immerhin waren auch am frühen Nachmittag noch genügend Wasserkocher für drei Euro vorrätig - als von Saturn vor längerer Zeit einmal Kaffeemaschinen zum Dumping-Preis unters Volk gebracht worden waren, hatte es erst tumultuarische Szenen und vom späten Vormittag an nur noch lange Gesichter gegeben.
Schlussverkauf statt Steuererhöhung
Auf der Goethestraße ließ sich erkennen, dass der Wir-überspielen-die-Steuererhöhung-Rabatt zugleich ein Wir-fangen-schon-einmal-mit-dem-Schlussverkauf-an-Rabatt ist, sitzen doch die Textilgeschäfte dank des fortdauernden milden Sommers nach wie vor auf Winterware in großer Zahl. 30 Prozent bei Knecht, 50 Prozent bei Picard, 70 Prozent bei Pfüller, so verkündeten es die Schilder in den Schaufenstern. Nur bei Möller & Schaar, wo sonst die größten Prozentzahlen kleben, klebte gestern nichts, dort war Inventur. So wird es also ein langer Schlussverkauf, denn eigentlich soll der erst am 22. Januar beginnen.
Das jedenfalls hatte der Hauptverband des deutschen Einzelhandel Mitte Dezember unbekümmert wissen lassen, als richte sich in der Branche noch irgendwer nach irgendwas, seit es den gesetzlichen Schlussverkauf nicht mehr gibt. Bei Kaufhof ist seit gestern „Saisonräumung“, bei Karstadt wird das 125-Jahre-Jubiläum einfach im 126. Jahr weitergefeiert, und bei P & C ist schlicht „Sale“. Bei Tchibo, wo es tatsächlich in einer Ecke noch Kaffee gibt, hatte das „Prozente-Gestöber“ bei Textilien schon vergangene Woche begonnen.
Ein schwieriges Jahr
Dass es nicht auf Dauer bei Tief-, Tiefer- und Tiefstpreisen bleiben wird, gab der Hauptverband des deutschen Einzelhandels ohne Mühen zu. Nach einer Übergangszeit werde es unumgänglich sein, zumindest ein Drittel der Steuererhöhung weiterzugeben. Vorsichtshalber wurde auch bekräftigt, dass 2007 für den Einzelhandel ein schwieriges Jahr werde.
Tatsächlich ist das Erhöhen eines Preises nicht so einfach wie gedacht. Das liegt nicht nur daran, dass es genügend Preisfüchse gibt, die derlei sogleich merken und weitererzählen, sondern auch an dem psychologischen Trick, viele Preise auf 99 enden zu lassen. Undenkbar, für einen Artikel künftig statt 99 Cent 1,01 Euro zu verlangen oder 1,02. Bei Grundnahrungsmitteln gilt ohnedies der ermäßigte Mehrwertsteuersatz. Anderswo aber wurde die Mehrwertsteuererhöhung ohne viel Federlesens weitergegeben - bei Energieversorgern etwa und bei den Tankstellen. Benzin ist seit Neujahr dem ADAC zufolge durchschnittlich fünf Cent teurer.
Spannend wird es hingegen sein, wie die Möbelkette Ikea verfährt, die derzeit groß plakatiert, bei ihr sei die Steuererhöhung auf Februar verschoben. Ob in vier Wochen Plakate mit dem Schriftzug „Steuererhöhung - jetzt!“ zu lesen sein werden?
Rabattschlacht ist reine Täuschung
Andreas Wessels (PhunkyData)
- 03.01.2007, 13:32 Uhr
Rabatt nicht überall
Roland Schönthaler (RolandSchoenthaler)
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