07.07.2006 · Seit 2003 ist der Marktanteil von Discountern bei Mineralwässern von 22 Prozent auf mehr als 38 Prozent gestiegen. Branchenkenner erwarten fortgesetztes Wachstum zu Lasten von traditionellen Sprudelanbietern, auch von Brunnen in der Wetterau.
Von Thorsten WinterSolche Temperaturen brauchen sie. Je weiter die Quecksilbersäule über die 25-Grad-Marke hinaus steigt, je stärker die Menschen schwitzen, desto besser läuft gemeinhin das Geschäft der Mineralbrunnen. Die Unternehmen können anhaltend warmes Wetter auch gut gebrauchen, wie es zum Beispiel bei der H. Kroner GmbH & Co. KG in Bad Vilbel heißt. Schließlich hat die Branche mit einem langen und strengen Winter zu kämpfen gehabt, der die Verkäufe nicht förderte. Auch die erste Juniwoche hat die Quellen keineswegs besonders stark sprudeln lassen.
Zudem laufen die Verbraucher erfahrungsgemäß nicht gleich scharenweise in Getränkemärkte und kaufen Sprudel, wenn es nur ein paar Tage sehr warm ist. Ein weiterer Grund kommt hinzu, warum die Mineralwasserhersteller auf einen Hitzesommer hoffen: Discounter wie Lidl und Aldi sind bei einem zuletzt stagnierenden Jahresabsatz auch auf diesem Markt weiter vorgerückt und sorgen für starken Preisdruck, den eine Reihe traditioneller Marken spürt.
Hassia: „Preise wurden nur marginal erhöht“
An den Anbietern aus der Wetterau, wo rund 15 Prozent der deutschen Mineralwässer abgefüllt werden, geht dieser Trend nicht vorbei. Ullrich Schweitzer, Geschäftsführer Marketing von Hassia Mineralquellen GmbH & Co. KG, sieht eine „sehr starke Discount-Orientierung bei der Nachfrage“. Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg untermauern seine Aussage: Demnach vereinten die Discounter 2002 und 2003 jeweils einen Anteil von knapp 22 Prozent am Sprudelmarkt auf sich. 2004 waren es dann 30 Prozent und im vergangenen Jahr sogar 38,1 Prozent. Damit nicht genug: Bis Ende Mai dieses Jahres haben Lidl & Co. 16 Prozent mehr Mineralwässer abgesetzt als von Januar bis Anfang Juni 2005 und dabei 21,5 Prozent mehr umgesetzt, während bei Supermärkten die Erlöse mit Sprudel um knapp 13 Prozent gesunken sind, wie das Marktforschungsinstitut AC Nielsen ermittelt hat; diese Zahlen beziehen Aldi nicht einmal ein.
Dabei ist der zu verteilende Kuchen in den vergangenen drei Jahren nicht größer geworden - sondern kleiner. Wurden 2003 aufgrund des „Jahrhundertsommers“ hierzulande 9,67 Milliarden Liter Sprudel unters Volk gebracht, so waren es zuletzt 9,16 Milliarden Liter, wie es beim Verband Deutscher Mineralbrunnen in Bonn heißt, der erhebliche Veränderungen im Markt feststellt.
Dies ist nicht ohne Folgen für die Preispolitik der traditionellen Mineralbrunnen geblieben. H. Kroner hat nach eigenen Angaben seit fünf Jahren keinen Aufschlag mehr durchsetzen können, weil der Getränkeeinzelhandel nicht mitgemacht habe. Der zur Radeberger Gruppe aus Frankfurt zählende Anbieter Selters hat seit 2000 einmal die Preise erhöht: 2003 um jeweils fünf Prozent für 0,7-Liter- und Dreiviertelliterflaschen. Mehr sei derzeit nicht durchsetzbar, sagte Sprecherin Renate Wrobel. „Wir haben im Rahmen des immer stärker werdenden Verdrängungswettbewerbs die Preise nur marginal erhöht“, sagt Schweitzer von Hassia, das sich mit Marken wie Rosbacher, Bad Vilbeler Urquelle und Elisabethenquelle grundsätzlich im oberen Preissegment tummelt und kräftig wirbt.
Schere zwischen Markenwässern und Discount-Angeboten
Andere Anbieter können sich solch ausgeprägtes Marketing nicht leisten. Was auch daran liegen mag, daß sie außer mit dem von Discountern entfachten Preiskampf auch mit gestiegenen Kosten zurechtkommen müssen. So ist Strom vom Jahr 2000 bis Ende 2005 um annähernd ein Viertel teurer geworden - und im Verlauf dieses Jahres nicht billiger. Zum Vergleich: Der Zwölfer-Kasten Sprudel kostete zum jüngsten Jahreswechsel lediglich sieben Prozent mehr als zur Jahrtausendwende - und das ist die Durchschnittszahl, nicht der Regelfall.
Da ist es für die Anbieter nur ein schwacher Trost, daß die Preise für Nahrungsmittel hierzulande im selben Zeitraum mit 5,8 Prozent noch schwächer geklettert sind. Zudem müssen die 65 hessischen Mineralwasserunternehmen, die in der Umsatzsteuerstatistik auftauchen, wie die überregionalen Mitbewerber ihre Produkte auch und gerade mit Lastwagen vertreiben, seit 18 Monaten die Lkw-Maut schultern. Hinzu kommen noch Lohn- und Gehaltssteigerungen.
Mißlich für viele Anbieter: Eine Reihe von Marken vor allem aus dem mittleren Preissegment müssen trotz des Drucks auf Preise und Margen aufpassen, daß die Schere im Vergleich zu den Discountern sich nicht weiter öffnet, wie ein Branchenkenner meint. Deren Anteil am Markt werde ohnehin noch weiter wachsen, auch wenn sich die aufwärts weisende Kurve offenbar abflache. Kein Wunder, wenn eine Flasche Markensprudel 40 bis 50 Cent kostet, während dieselbe Menge bei einem Discounter für 13 Cent zu haben ist. „Da muß man schon gut sein, um den Verbrauchern den Mehrwert eines Markenmineralwassers klarzumachen“, so der Branchenkenner.
Lohnnebenkosten sind nicht Schuld
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 07.07.2006, 03:22 Uhr