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Gärtnereien Hoffen auf die Balkonien-Urlauber

19.03.2009 ·  Winter ade. Jetzt kommen die Gartenfreunde zum Zuge. Den Verkäufern von Büschen und Blumen stehen die heißen Wochenenden bevor. Die Krise fürchten sie nicht. Wichtiger ist das Wetter.

Von Tim Kanning
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Am Wochenende ging beim Garten-Center Sunflower unweit der A 661 in Frankfurt gar nichts mehr. Bis auf die Straße Am Martinszehnten stauten sich die Fahrzeuge, so voll war der Parkplatz. Kaum zeigen die ersten Krokusse ihre Blüten, so scheint es, kommen auch die Gartenbesitzer heraus. Spätestens zum Frühlingsanfang am Freitag beginnt für die 2500 hessischen Gartenbaubetriebe die Hochsaison – sofern sich die Kundschaft von der Wirtschaftskrise nicht doch noch die Pflanzlaune verderben lässt.

Bislang habe er noch keine Kaufzurückhaltung feststellen können, sagt Viktor Märcz, Gründer, Eigentümer und Geschäftsführer der Sunflower GmbH. Im Schnitt habe jeder Kunde im Januar und Februar 27 Euro ausgegeben – wie eh und je. Und die Zahl der Kunden hänge vielmehr vom Wetter ab als von der Konjunktur. Die Zuversicht eint die Grün-Verkäufer. Auch Frank Müller, der die Frankfurter Staudengärtnerei Müller & Pfützner leitet, sagt, sein Betrieb habe bislang von Krisen eher profitiert. Sein bestes Geschäftsjahr bisher sei 1994 gewesen – da stieg die Arbeitslosenquote erstmals nach der Wiedervereinigung auf mehr als zehn Prozent. Wenn die Kunden den teuren Urlaub verkürzten oder strichen, machten sie es sich eben im Garten oder auf dem Balkon gemütlich.

„Niemand spart an den Stiefmütterchen“

Auch ein Sprecher der Baumarktkette Hornbach, die ebenfalls große Gartensortimente anbietet, ist sich sicher, dass die Menschen vielleicht Großanschaffungen wie Autos und neue Heizkessel aufschieben werden. „Aber es spart niemand an den Stiefmütterchen.“ Er spricht vom „Trend zum Cocooning“. Sprich: Wenn es am Arbeitsplatz ungemütlich wird, machen es sich die Menschen eben zu Hause gemütlich, dazu gehört auch der Garten.

Und dabei geht es nicht nur um Blumen. Auch der Anbau von Obst und Gemüse werde immer beliebter, ist von allen Pflanzenverkäufern zu hören. Freilich nicht, weil die Wirtschaftskrise die Leute zurück zur Selbstversorgung treibe, wie Staudengärtner Müller scherzt, sondern einfach, weil gerade junge Familien mit Salat und Tomaten aus dem eigenen Garten einen Bezug zur Natur finden wollten. Seiner Ansicht nach ist das Wetter der entscheidendere Faktor für das Jahresgeschäft im Gartenhandel als die jeweilige Konjunktur. In den vergangenen Jahren sind Palmen und Zitrusbäumchen in Mode gekommen, die früher als nicht winterfest galten. In dem besonders strengen Winter, der jetzt zu Ende geht, dürften viele dennoch Schaden genommen haben, denkt Müller, so dass die Kundschaft hier Nachpflanzbedarf haben könnte.

Doch der Markt ist hart umkämpft. Die Baumärkte mit ihren großen Flächen machen Garten-Centern und Gärtnereien das Leben schwer. Laut einer gerade veröffentlichten Studie der Kölner BBE Retail Experts decken Bau- und Heimwerkermärkte mit 30 Prozent den größten Teil des Garten-Markts ab, der mit 14,9 Milliarden Euro von der Schnittblume bis zum Rasenmäher äußerst unterschiedliche Produktgruppen umfasst. Auf Blumenfachhandel und sogenannte Endverkaufsgärtnereien fallen demnach 19 Prozent des Marktes und auf die Fachgartencenter 13. Die anderen Vertriebswege – Blumensaat gibt es selbst im Drogeriemarkt – haben jeweils nur geringe Marktanteile. Horst Brandenburg, Autor der Studie, erwartet, dass auch künftig vor allem die Baumärkte, aber auch Gartencenter-Filialisten wie Dehner oder Pflanzen-Kölle Marktanteile gewinnen werden.

Grillabteilung neben den Buchsbäumchen

Staudengärtner Müller hält den Verdrängungswettbewerb indes schon für Vergangenheit. In den neunziger Jahren hätten viele kleinere Betriebe schließen müssen. Die verbliebenen Gärtnereien und Baumschulen teilten sich jetzt die obere Kundenschicht. Nach Ansicht von Märcz kann es für sein Garten-Center in der Krise sogar zum Vorteil werden, dass er zum großen Teil von der kaufkräftigen Kundschaft aus dem Taunus und dem nahe gelegenen neu entstehenden Stadtteil Riedberg lebt. „Die haben auch in Zukunft noch Geld“, sagt Märcz. Die relativ neuen Nachbarn Hornbach und Ikea sieht er ebenfalls eher als Vorteil denn als Nachteil an. Schließlich zögen sie Kunden mit Haus und Garten in seine Nähe.

Um die Klientel zu sich zu ziehen, legt er sich ins Zeug. Denn seine einfach These lautet: „Wer besser ist als die Konkurrenz, braucht sie nicht zu fürchten, sondern kann sich über sie freuen.“ Man dürfe eben nur nicht austauschbar sein. Und so bieten er und seine 80 Mitarbeiter neben Geranien und Buchsbäumchen auch eine große Grillabteilung, eine Gartenmöbeletage und ein Wellnesscenter an – nach Betriebsschluss kann man hier nach Anmeldung zum Probebaden in die ausgestellten Whirlpools.

Seinen Frischemarkt, in dem es schon jetzt von der Kaktusfeige über zig Kartoffel- und Tomatensorten bis hin zum Friséepilz die exotischsten Leckereien gibt, will Märcz im August zu einer 1000 Quadratmeter umfassenden Kleinmarkthalle ausbauen. Den Bonus, dass Blumen auch am Sonntag verkauft werden dürfen, nutzt der findige Kaufmann, der sein Handwerk in zehn Jahren bei Neckermann gelernt hat, um sein ganzes Center für Kunden zu öffnen. Im angegliederten Restaurant gibt es dann Frühstück mit Kaffeehausmusik. Selbst heiraten kann man hier. Und auch das Parkplatzproblem will Märcz lösen. Bis 2011 will er eine Tiefgarage gebaut haben.

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Jahrgang 1982, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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