Der neue Mr. Dax
Er selbst will sich nicht als neuen „Mr. Dax“ bezeichnen. „Das wäre zu viel der Ehre“, meint Robert Halver. Dabei ist er in den vergangen Tagen mindestens so oft in den Zeitungen und Wirtschaftsnachrichten zu sehen wie Dirk Müller vor drei Jahren nach der Lehman-Pleite. Musste damals stets Müller die passende Stimmung zum Dax-Verlauf personifizieren, so wird derzeit gerne Halver mit missmutigem Gesicht auf dem Parkett abgelichtet.
Doch nicht nur als Statist, auch als Kommentator der Marktverläufe steht der Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank hoch im Kurs. Mit rund 30 Medienvertretern am Tag spreche er im Moment, sagt er. Gestern hatte er schon um halb sieben den ersten Termin mit einem englischen Fernsehteam. In der Tagesschau und im Heute-Journal hat er den Zuschauern auch schon versucht, die Wirren der Finanzmärkte zu erklären. So gut es eben geht, manchmal auch nur mit markigen Sprüchen und knackigen Vergleichen. Der mit der Kneipp-Kur zum Beispiel: Die Finanzmärkte durchliefen ein Wechselbad aus heiß und kalt.
Gerne schimpft Halver auf die Politik. Rettungspakete und Gipfelergebnisse mit einer Halbwertzeit von nicht einmal zwei Wochen verunsicherten die Märkte. Die politischen Leitplanken fehlten. Auf José Barroso und seine Rede vom zu kleinen Rettungsschirm in der vergangenen Woche seien auf dem Parkett immer noch alle wütend.
Letztlich nehme aber jeder, der mit Leib und Seele Börsianer sei, die aktuellen Herausforderungen gerne an, sagt Halver. Aber Spaß mache es derzeit nicht - dafür sei die Verunsicherung zu groß. (kann.)
Der Fondsmanager
Henning Gebhardt hat dieser Tage viel zu tun. „Den Umständen entsprechend“, sagt der Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter DWS, wenn man ihn fragt, wie es ihm geht. „Man versucht, den Überblick zu behalten.“ Dafür telefoniert er auch schon einmal mit mehreren Handys gleichzeitig. Einen kühlen Kopf zu bewahren, nennt er als oberste Aufgabe. Denn wenn Gebhardt und seine 20 Mitarbeiter einen Fehler machen, kostet es Tausende Anleger Geld. Er ist bei der Fondsgesellschaft Leiter für europäische Aktien und managt mehrere bekannte Fonds wie den DWS Aktien Strategie Deutschland, der allein schon nahezu 900 Millionen Euro schwer ist.
Was im Moment an den Aktienmärkten geschieht, bezeichnet Gebhardt als irrational. „Es ist eine Menge Übertreibung im Spiel.“ Von einem Tag zum anderen sei völlig vergessen, dass das Umfeld eigentlich gut sei. Andererseits: Wer wisse schon, wie es mit der Wirtschaft weitergehe? Die Turbulenzen an den Aktienmärkten können auch Folgen für die Realwirtschaft haben, wie Gebhardt meint. Wie aber handelt ein Fondsmanager in solchen Zeiten?
Auf Qualität achten, so lautet das Credo Gebhardts: sich auf Unternehmen konzentrieren, die ordentliche Dividenden zahlen zum Beispiel. Immerhin: Der Fondsverwalter ist schon viele Jahre dabei. Er erlebt nicht zum ersten Mal, wie sich binnen kurzem der Markt dreht und Gewinne dahinschmelzen.
Viele kommen längst nicht mehr mit, wenn von der Finanzwelt die Rede ist. Gebhardt kann das nachvollziehen, er spricht von schnelllebigen Zeiten und davon, dass gerade im Moment vieles nicht nachvollziehbar sei. Nur er selbst kann sich nicht zurücklehnen und auf ruhigere Zeiten warten. Der DWS Aktien Strategie Deutschland hat in den vergangenen drei Monaten 21 Prozent seines Wertes verloren. Da muss Gebhardt jetzt dringend gegensteuern. (mak.)
Der Anlageberater
In der Wetterau, am Rande des Finanzplatzes, geht es dann doch etwas ruhiger zu. Das Geschäftsgebiet der Sparkasse Oberhessen ist riesig, es umfasst zwei Landkreise, und wenn sich die Anleger Sorgen machen, dann setzen sie sich nicht gleich ins Auto, sondern bleiben zu Hause und rufen René Steinadler bloß an. Der Vierunddreißigjährige ist Berater in der Vermögensverwaltung der Sparkasse am Stammsitz in Friedberg. Natürlich, sagt er, seit Freitag häuften sich die Anrufe, und, klar, die Kunden wollten wissen, was er denn so denke über die neuesten Turbulenzen.
Steinadler verlässt sich auf das Research der Landesbank Baden-Württemberg, aber diese Analysen geben im Moment auch wenig Aufschluss, wie er sagt. Hilfreicher als weitschweifende Erklärungen ist der Kundschaft ohnedies der gemeinsame Blick ins Depot. Die Grundregel, das Vermögen breit zu streuen, bestätigt sich in diesen Tagen, wie der Anlageberater meint: Es fallen ja nur die Aktien. Wer auch in Anleihen oder Sparbriefe investiert hat, vielleicht sogar Immobilien besitzt, kann sich damit trösten, dass nur ein Teil seines Ersparten leidet.
Mancher Anleger meint sogar, die einbrechenden Kurse seien eine gute Gelegenheit, sich günstig an Konzernen zu beteiligen. Steinadler berichtet von einem Kunden, der dieser Tage gleich auf einmal Aktien der Commerzbank gekauft hat, von BMW, Eon und Thyssen-Krupp. Das ist aber die Ausnahme, bei der Sparkasse Oberhessen wie auch in anderen Kreditinstituten der Region, aus denen ebenfalls berichtet wird, die Kundschaft sei zwar nervös, von Panik könne aber keine Rede sein. S
teinadler, der nun schon seit 2003 dabei ist und mithin weiß, dass Aktienkurse nicht immer steigen, bleibt denn auch selbst ruhig. Die meisten Kunden hielten die Füße still, resümiert der Anlageberater, und es scheint, das findet er auch richtig so. (mak.)
Der Vermögensverwalter
Frank Naabs Mitarbeiter müssen im Moment viel Beruhigungsarbeit leisten. Immer wieder fahren die Privatvermögensverwalter des Bankhauses Metzler hinaus zu ihren Kunden oder berichten ihnen am Telefon von der Entwicklung der Finanzmärkte aus ihrer Sicht. Naab leitet seit zwölf Jahren das Portfoliomanagement des Privatkundengeschäfts bei Metzler. Jeden Morgen durchforstet er gemeinsam mit seinen Kollegen die Nachrichten aus aller Welt und versucht zu analysieren, ob nun eine Rezession droht, wie stark die Inflation wird und was das alles für Auswirkungen auf die unterschiedlichen Anlageklassen hat.
Die Kunden fürchten vor allem hohe Inflationsraten - und dass die Staatsschuldenkrise im Euroraum weiter um sich greift. Anstrengend sei das Geschäft in solchen Zeiten. „Ich brauche keine Tage mit achtprozentigen Kursschwankungen“, sagt Naab. Aber das gehöre natürlich dazu, und man müsse solche Schwankungen auch aushalten können, wenn man einen guten Job machen wolle. Im Grunde erbringe jeder seine übliche Handwerksleistung.
Die Anlagestrategie, die er seinen Kunden grundsätzlich immer empfehle - das Vermögen breit auf Anleihen, Aktien und Bares aufzuteilen -, zahle sich in solchen Momenten aus. „Wer sein Vermögen in mehrere Klassen aufteilt, der ist auch noch handlungsfähig, wenn eine wegbricht“, sagt Naab.
Mit einer Staatsschuldenkrise hätten viele seit langem gerechnet. Aber dass sie in dem jetzigen Ausmaß eintrete, habe wohl vor zwei Jahren noch niemand gedacht, sagt der Vermögensverwalter. Und nun gehe es auch noch an den Aktienmärkten auf und ab. Wie einige Unternehmen derzeit am Aktienmarkt abgestraft würden, das sei „brutal“.
Aber die Aufgabe seiner Abteilung sei schließlich auch, sich ein eigenes Bild vom tatsächlichen Wert eines Unternehmens zu machen und diesen mit dem aktuellen Börsenwert abzugleichen. „Wenn wir das Gefühl haben, dass ein Unternehmen an der Börse stark unterbewertet ist, dann ist das auch eine Chance einzusteigen“, sagt Naab. Im Moment bestehe aber natürlich ein hohes Risiko, den falschen Tag zu erwischen. Bei der traditionsreichen Privatbank warte man lieber ab, bis sich ein Kurs auf einem gewissen Niveau eingependelt habe. (kann.)
Der Anleihenhändler
Tage wie diese hat Michael Klein an den Märkten noch nicht erlebt. Seit mehr als 20 Jahren handelt er nun schon in der Frankfurter DZ-Bank im Auftrag der Volks- und Raiffeisenbanken mit Staatsanleihen. Doch egal, welche Krise - so stark wie in den vergangenen Tagen haben die Renditen der unterschiedlichen Staatsanleihen noch nie geschwankt, wie er sagt. Wenn er morgens um acht Uhr ins Büro komme, sei er immer wieder überrascht, was sich an den Märkten abspiele.
„Normalerweise galten Staatsanleihen immer als der sichere Hafen“, sagt Klein, der seit 15 Jahren Leiter des Handelsgeschäfts mit Staatsanleihen am Platz der Republik ist. Doch das sei im Moment nicht mehr so. Vielen Kunden gälten inzwischen fast nur noch deutsche Anleihen als sicherer Hafen. Und amerikanische - trotz der Rating-Abstufung von vergangener Woche.
Nicht nur Volks- und Raiffeisenbanken lassen ihre Anleihegeschäfte von Klein und seinen Kollegen erledigen. Auch manche Zentralbank greift auf die Händler der DZ-Bank zurück. Und wenn die Geld anlegen wollen, kommen sie um große Märkte wie die Vereinigten Staaten trotz der Bonitätsabstufung nicht herum. Auch als die Europäische Zentralbank zuletzt Staatsanleihen von Spanien und Italien aufkaufte, ließ sie das zum Teil von Klein und den anderen DZ-Händlern erledigen.
Doch nicht zuletzt durch diese Aufkaufaktion der EZB seien viele Märkte für Staatsanleihen inzwischen vollkommen ausgetrocknet, sagt Klein. „In vielen Anleihen gibt es einfach keine Liquidität mehr.“ Daher haben er und seine sieben Mitarbeiter in diesen Zeiten auch eher weniger als mehr zu tun - abgesehen davon, dass sie abends länger nach Amerika schauen müssen.
Denn auch die Nachfrage sei bei vielen Staatsanleihen zum Erliegen gekommen. Weil viele Banken den Investitionen in manche Staatsanleihen restriktive Grenzen gesetzt hätten, sei in manchen Anleihen kaum noch Handel möglich. „Uns sind mehr oder weniger die Hände gebunden“, sagt der Händler. Die Anleger flüchteten sich in Gold, Silber oder auch in Unternehmensanleihen, die vielen im Moment offenbar sicherer erschienen. Die Kollegen, die sich mit Unternehmensanleihen beschäftigten, hätten daher im Moment die längeren Arbeitstage. (kann.)

