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Frankfurter Szeneviertel : Das Brückenviertel wird erwachsen

Kiez-Gefühle: Das Eiscafé Bizziice ist einer der beliebtesten Treffpunkte an der Brückenstraße in Sachsenhausen, hat mächtig viel Leben in das Viertel gebracht und ist ein Glücksfall für die Gegend. Bild: Helmut Fricke

Ein Samstagsmarkt und ein neuer Gewerbeverein sorgen für mehr Leben und Selbstbewusstsein im Frankfurter Szeneviertel. Dieses Wochenende kehrt die Messe Stilblüten zurück.

          Frankfurt. Wenn die Freundin aus Köln zu Besuch und in Einkaufslaune ist, dann heißt es bei der Programmplanung gerne: „Lass uns doch dahin gehen, wo die kleinen, süßen Läden sind.“ Sie meint damit die Brückenstraße in Sachsenhausen samt ihrer Neben-Adern Wall- und Schulstraße. Dort können Freundinnen Samstage wunderbar verbummeln.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Geschäftswelt ist hier anders: kreativer, bunter, lässiger, in jedem Fall individuell. Weshalb auch Stadtpolitiker gerne mit Besuch herumspazieren, um zu zeigen: Seht her, Frankfurt kann nicht nur Banken. Frankfurt kann auch Berlin.

          „Die Brückenstraße ist eine Probierstraße“

          Es stimmt aber auch: Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es eine solche Dichte an kleinen, inhabergeführten Geschäften, unter denen ganz normale Nahversorger wie Bäcker und Metzger sind, die sich wie die Krimi-Buchhandlung schon lange im Viertel befinden, aber auch viele neue Konzepte für Design und Mode. Die Mode kommt von kleinen Labeln oder wird, mitunter im Hinterstübchen, noch selbst produziert. Mit drei Plattenläden kann das Viertel auftrumpfen. Whisky und Apfelwein spielen ebenfalls eine Rolle. Der Charme bunter Altbau-Fassaden, die leider nicht durchgängig zu finden sind, sorgt für zusätzlichen Kuschel-Faktor.

          Es ist inzwischen fast zwei Jahrzehnte her, dass die Straße, an der es Anfang 2000 sehr viel Leerstand gab, aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte. Einige der Pioniere von damals (Jutta Heeg mit „IchwareinDirndl“ und Elena Zenero-Hock mit „Freud“) haben bis heute durchgehalten, andere haben die Segel gestrichen. „Die Brückenstraße ist eine Probierstraße“, meint Myriam Beltz, die mit ihrer Modeboutique vor kurzem an die Fahrgasse umgezogen ist, weil ihr dort eine bessere Fläche angeboten worden sei, wie sie sagt. Sie sei nicht unzufrieden gewesen.

          Freilich, gute Nerven brauchen die Geschäftsleute auf der anderen Seite des Mains. Der Fluss hält viele offenbar davon ab, von hibb- nach dribbdebach zu wechseln. „Es gibt Tage, da ist man froh, wenn einmal am Tag der Postbote vorbeikommt“, sagt Angela Henn, die vor ein paar Jahren mit ihrer Retro-Mode („Peggy Sue“) vom Sandweg an die Wallstraße umgezogen ist. Montags hat im Viertel kaum ein Geschäft geöffnet, und an den anderen Tagen der Woche geht es bei vielen frühestens um elf Uhr los.

          Eiscafé Bizziice - Magnet und Glücksfall für die Straße

          „Die Brückenstraße ist keine hochfrequentierte Einzelhandelslage“, stellt Alessandro Colina vom Makler-Unternehmen MCM fest. „Man muss kämpfen.“ Überleben könnten vor allem Mischkonzepte, also Geschäftsleute, die neben dem Handel noch ein Büro, ein Atelier oder eine kleine Produktion betrieben. So rechne sich auch eine Miete von 800 Euro für 20 Quadratmeter, wie sie Colina für ein zurzeit frei stehendes Geschäft angibt.

          Doch steht kein Geschäft an der Straße lange leer. Vier Wechsel gab es in jüngster Zeit. Neu im Sortiment der Straße sind jetzt auch italienische Schuhe („Nina Francoforte“) und Kleider für große Frauen („Juni“) – beides Konzepte mit einem professionellen Anspruch. Dass das Maklerhaus Engel & Völkers noch keinen Mieter für neu geschaffene Räume an der Wallstraße gefunden hat, dürfte mit an der Größe (360 Quadratmeter über zwei Etagen) liegen und der Tatsache, dass keine Gastronomie und kein Café erwünscht ist.

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          Dafür brummt es nachmittags bei Bizziice gegenüber. Das Eiscafé mit seinem Vintage-Charme ist ein Magnet und Glücksfall für die Straße, weil es Leben ins Viertel bringt. Das macht auch der „Markt im Hof“ in der Halle eines ehemaligen Getränkemarktes an der Wallstraße. Mit seinem Streetfood-Konzept (viel Selbstgemachtes von Erzeugern aus dem Umland) ist der Markt für viele Kunden in Sachsenhausen inzwischen am Samstag ein fester Treffpunkt. Susanne Stahl („Designe Kleine“) und Eiscafé-Inhaber Lorenzo Bizzi haben den Markt vor drei Jahren ins Leben gerufen.

          „Latenight Shopping“: Geschäfte haben bis 24 Uhr geöffnet

          Die beiden Geschäftsleute sind es auch, die im vergangenen Oktober von der Stadt ermuntert wurden, einen Gewerbeverein für das Viertel zu gründen, auch, um einen offiziellen Ansprechpartner zu haben. Das ist nicht bei allen im Viertel gut angekommen, wie zu hören ist. Einige fühlten sich wohl überrollt, zumal Stahl und Bizzi auch den Vorstand bilden. Der zieht nach einem guten halben Jahr eine positive Bilanz. „Man wird ernster genommen mit so einem Verein“, sagt Stahl. „Und es hat schon so manche Wege verkürzt.“

          Das gilt auch für die Vorbereitungen von Modemesse und langer Verkaufsnacht an diesem Wochenende. Die Messe Stilblüten, seinerzeit von Stella Friedrichs mit gegründet, kehrt als kleinere Pop-up-Variante dorthin zurück, wo sie vor zwölf Jahren angegangen hat: in eine Ausstellungshalle an der Schulstraße. Mit eingebunden wird auch der Markt im Hof, der parallel zur Messe ausnahmsweise auch am Sonntag geöffnet ist. Rund 30 Designer und Modemacher stellen ihre Kollektionen vor. Es darf auch gekauft und am Abend getanzt werden. Parallel lädt die Brückenstraße am heutigen Samstag zum „Latenight Shopping“ ein. Die Geschäfte haben bis 24 Uhr geöffnet.

          Info

          Die Verkaufsmesse für Design und Mode, Stilblüten, in den Hallen an der Schulstraße 1A und Wallstraße 9-13 ist heute von 10 bis 22 Uhr und am morgigen Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Geschäfte im Brückenviertel verkaufen heute bis 24 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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