04.02.2010 · Von einer generellen Kreditklemme will nach wie vor niemand sprechen. Doch Unternehmer, die derzeit investieren wollen, müssen schon mal die Bank wechseln.
Von Tim Kanning, FrankfurtKlaus-Jürgen Werner hat viele Klinken geputzt im vergangenen Jahr. Eine halbe Million Euro wollte er investieren, in die Zukunft, in den kostengünstigeren Betrieb seines Unternehmens. Doch in Zeiten der Krise ist das gar nicht so einfach, wie er inzwischen konstatiert. Werner hat vor zehn Jahren die MCN Tele.com AG in Bad Homburg mitgegründet. Sie bietet die Technik für Callcenter, Firmen-Hotlines und größere Telefonkonferenzen an. Wenn Fernsehzuschauer bei einem Gewinnspiel oder der Astro-Beratung anrufen, geraten sie oft erst mal in die Rechner der MCN. 20 Millionen Euro Jahresumsatz macht das Unternehmen damit nach eigenen Angaben, 40 Mitarbeiter beschäftigt es.
2009 stand der Kauf eines neuen Vermittlungsrechners an, der alte war nach zehn Jahren nicht mehr auf dem Stand der Zeit, es gibt günstigere, effizientere Geräte, wie Werner erzählt. Doch das neue Gerät für 500.000 Euro zu finanzieren erwies sich als schwierig. Die vergünstigten Kredite der KfW-Bankengruppe mochte ihm seine Hausbank nicht weiterreichen – zu gering war das Volumen. Also entschied sich Werner für ein Leasing, bei dem ein Finanzunternehmen das Gerät beschafft und an seinen Kunden verpachtet – auch eine Art Kredit.
Schnell unter Generalverdacht
20 Leasinggesellschaften habe er abgeklappert, berichtet Werner. Doch immer wieder sei er vertröstet worden, immer seien neue Sicherheiten verlangt worden. Dabei werde sich seine Bilanz 2009 kaum von der des Vorjahres unterscheiden, sagt der Unternehmer. Zwar gebe es in einigen Segmenten weniger Geschäft, aber alles in allem erwarte er wie in den Vorjahren auch einige hunderttausend Euro Gewinn unter dem Strich.
Auch Klaus Heininger weiß, dass es für viele Unternehmen derzeit schwieriger ist, Geld für die Vorfinanzierung von Aufträgen oder neue Investitionen zu bekommen, als in normalen Zeiten. Er leitet den Arbeitskreis Mittelstandsfinanzierung in der IHK Frankfurt und hört immer wieder die Klagen über die strikteren Vorschriften der Banken, höhere Zinsen und das Verlangen nach immer mehr Sicherheiten. Zwar sehe er keine generelle Kreditklemme, sagt Heininger, doch Vertreter einiger Branchen wie Maschinenbau und Personalwesen gerieten schnell unter Generalverdacht.
Auch die Bundesbank verzeichnet inzwischen einen Rückgang der Kreditvergabe
„Banken leben in einer anderen Welt als der Mittelstand“, sagt Erhard Seeger von der CDU-nahen Unternehmervereinigung Wirtschaftsrat Hessen. „Die sehen immer ein Restrisiko, das man auch mit den besten Argumenten nicht ausräumen kann. Und im Moment sagen sich viele: lieber kein Risiko eingehen.“
Auch die Bundesbank verzeichnet inzwischen einen Rückgang der Kreditvergabe. Sie geht allerdings weiterhin davon aus, dass das eher auf eine gesunkene Nachfrage nach Krediten in der Rezession zurückzuführen ist als auf ein eingeschränktes Angebot der Banken.
Flexible Lösungen sind gefragt
Heininger beobachtet, dass viele Mittelständler derzeit von größeren zu kleineren Kreditinstituten wechselten. In der Vergangenheit hätten es viele von ihnen als „schick“ empfunden, Kunde einer möglichst großen Bank zu sein. Doch jetzt in der Krise versuchten viele der großen Kreditinstitute, sich von diesen kleineren Kunden zu trennen – offenbar um die schwerer zu kalkulierenden Risiken aus dem Kreditbuch zu bekommen. In solchen Fällen gebe es aber in der Regel Volksbanken und Sparkassen, die die Kredite übernähmen, bei großen Engagements auch immer häufiger gemeinsam in Konsortien, sagt Heininger.
Für die kleineren und mittleren Unternehmen könnte ein solcher Wechsel aus seiner Sicht von Vorteil sein. Zum einen verzichteten einige der Großbanken teilweise auf bis zu 15 Prozent des Kreditvolumens, wenn sie einen aus ihrer Sicht nicht mehr zu ihnen passenden Kunden vorzeitig aus den Büchern bekommen wollten. Außerdem seien kleinere Häuser auch oft flexibler bei der Risikobewertung. Jüngst habe ihm ein Unternehmer gesagt, er wolle „raus aus dem Gefängnis der Covenants“, also der standardisierten Kreditregeln großer Finanzunternehmen, die sich vor allem an einzelnen Bilanzkennzahlen orientierten. Nach Heiningers Auffassung könnten kleinere Unternehmen mit kleineren Banken auch eher über flexible Lösungen verhandeln. Gerade angesichts der schlechten Bilanzen, die für das Jahr 2009 bei vielen Mittelständlern zu erwarten seien, könnte das wichtig werden.
Doppelt besichern lassen
Bei Klaus-Jürgen Werner von MCN sprang letztlich auch die Hausbank ein. Sie finanzierte den neuen Vermittlungsrechner über einen Leasingvertrag. Im Gegenzug kappte die Bank dem Unternehmen allerdings die Kreditlinie von 1,5 Millionen auf 750.000 Euro. Für Werner ist das in Ordnung, derzeit komme er mit dem Cashflow gut über die Runden.
Seeger vom Wirtschaftsrat sieht das allerdings kritischer. Zwar habe Werner nun seine neue Maschine. Aber die Bank habe sich die Finanzierung gleich doppelt besichern lassen.