Bisher ist der Aufbau der „Apotheke Europas“ in Frankfurt nicht mehr als eine Vision gewesen. Nun aber nimmt diese Gestalt an. Das Fundament für das House of Pharma am Main, wo die Hoechst AG einst als Kern der „Apotheke der Welt“ galt, kann gelegt werden. „Mit der Nachricht vom Land, dass es unser Vorhaben fördert, sind die Ampeln bei uns auf Grün gesprungen“, sagt Manfred Schubert-Zsilavecz, Vize-Präsident der Goethe-Universität. Schubert-Zsilavecz hat mit dem Pharmakologen Gerd Geisslinger vor gut einem Jahr den Bau des Pharma-Hauses ins Gespräch gebracht – in Anspielung auf das House of Finance an der Goethe-Universität und das House of Logistics and Mobility.
Die Botschaft aus Wiesbaden ist nach seinen Worten für mehrere Arbeitsgruppen das Startsignal gewesen. Das Land Hessen unterstützt mit Geld der Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (kurz Loewe genannt) das Projekt „Anwendungsorientierte Arzneimittelforschung“. Von Anfang nächsten Jahres bis Ende 2014 sollen 7,9 Millionen Euro fließen; 3,4 Millionen Euro davon sind für Geräte vorgesehen. Hinter dem Projekt stehen die Goethe-Universität und die Fraunhofer-Gesellschaft, die größte Forschungsorganisation Europas. Sie wollen aber nicht auf Dauer allein bleiben, sondern mit Arzneimittelherstellern zusammenarbeiten.
Sanofi mit Sitz in Höchst möchte mitmachen
Die Chancen stehen offenbar gut. Der Darmstädter Merck-Konzern unterzeichnete schon vor Jahresfrist eine Absichtserklärung. Die Biotest AG aus Dreieich gibt sich ebenfalls interessiert; sie hat ihr Analyse-Geschäft an Merck verkauft und will sich künftig ganz auf die Arzneimittelentwicklung konzentrieren. Außerdem hat Schubert-Zsilavecz, Professor für Pharmazeutische Chemie in Frankfurt, den Mittelständler Mundi Pharma aus Limburg und den Bad Homburger Fresenius-Konzern auf seiner Seite, wie er sagt. Nicht zuletzt wolle Sanofi Deutschland mit Sitz in Höchst mitmachen.
Sanofi passt immerhin zu einem der Themenschwerpunkte des Loewe-Projekts: Diabetes. Schließlich stammt das weltweit meistverkaufte Medikament für Zuckerkranke aus Höchster Laboren von Sanofi und wird auch dort hergestellt. Zudem produziert das Unternehmen dort weitere moderne Insuline und unterhält im Industriepark im Frankfurter Westen auch die für sein weltweites Diabetes-Geschäft zuständige Einheit.
Inwieweit Sanofi am Pharma-Haus mitbaut, ist noch offen
Sanofi treibt dessen ungeachtet ein Phänomen um, das für die gesamte Branche gilt: Die Kosten für die Forschung steigen – die Zahl der neuen zugelassenen Medikamente sinkt dagegen. Hieß es vor einem Jahrzehnt, bis zur Markteinführung verschlinge die Entwicklung eines Medikaments um die 500 Millionen Dollar, so werden derzeit mehr als 800 Millionen Euro als Richtwert genannt. Um gegenzusteuern, hat Sanofi in den gut zweieinhalb Jahren seit dem Amtsantritt des Vorstandsvorsitzenden Chris Viehbacher nicht nur das amerikanische Biotechnologie-Unternehmen Genzyme für 20 Milliarden Dollar übernommen. Der französische Konzern schließt auch eine Kooperation nach der anderen ab. Im Gegenzug kürzt er den Stellenplan in der eigenen Forschung.
Inwieweit Sanofi am Pharma-Haus mitbaut, ist noch offen. Klar ist derweil schon: Außer mit Diabetes werden sich die an dem Projekt beteiligten Forscher auch mit Entzündungen und Schmerztherapie oder Erkrankungen des Immunsystems befassen; laut Schubert-Zsilavecz unter anderem mit Multiple Sklerose. Arbeiten werden die Forscher in Laboren an der Frankfurter Universität. „Das hat den Vorteil, dass es keine zeitlichen Verzögerungen gibt“, erläutert der Vize-Präsident.
Wissenschaftler können sich früh austauschen
Er erhofft sich vom biomedizinischen Graduiertenkolleg zur Entwicklung von Wirkstoffen an der Goethe-Universität, das von der Bad Homburger Else-Kröner-Fresenius-Stiftung gefördert wird und auch 2012 beginnt, eine Art Überschwappeffekt auf die Fraunhofer-Projektgruppe in Frankfurt. Und zwar in dem Sinne, dass junge Forscher nach Abschluss des Graduiertenkollegs zu der Projektgruppe wechseln, die in ein Institut für Arzneimittelentwicklung münden soll.
„Die Fraunhofer-Projektgruppe wird daran gemessen, wie sie es schafft, an der Schnittstelle von Universität und Wirtschaft Projekte auf den Weg zu bringen“, sagt der Vize-Präsident. Meist gingen dafür drei bis fünf Jahre ins Land – die Frankfurter sollten es aber innerhalb der Loewe-Forschung schaffen, also bis 2015. Ein Vorteil der Zusammenarbeit soll für forschende Arzneimittelhersteller darin liegen, dass sich Wissenschaftler verschiedener Seiten in einem frühen Stadium austauschen und mögliche Fallstricke auf dem Weg zu einem neuen Medikament entdecken.
Mir kommen die Tränen
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- 02.08.2011, 01:12 Uhr

