06.11.2006 · Es muß nicht immer Frankfurt sein. Ob der Langstreckenflug nun via Frankfurt verläuft oder über das Emirat Dubai, ist von New York oder Neu-Delhi aus gesehen kaum ein Unterschied. Die Luftverkehrswirtschaft in Dubai wächst zur ernsthaften Konkurrenz heran.
Von Jochen RemmertEs muß nicht immer Frankfurt sein. Ob der Langstreckenflug nun via Frankfurt verläuft oder über das Emirat Dubai, ist von New York oder Neu-Delhi aus gesehen kaum ein Unterschied - eine geringfügig andere Route, mehr nicht. Und die Luftfahrtbranche in Dubai, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört, wächst mit so großer Geschwindigkeit, daß auch die deutsche Konkurrenz, ob den Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport AG oder die Deutschen Lufthansa AG, dabei eine gewisse Unruhe befällt.
Da ist vor allem der neue Flughafen, der innerhalb von fünf Jahren in Dubai aus dem Nichts entsteht. Noch während die Bauarbeiten andauern, sollen die ersten Maschinen 2007 landen. Der Flughafen wird eine Kapazität von 120 Millionen Passagieren im Jahr haben - Frankfurt zählt zur Zeit gut 50 Millionen im Jahr. Doch damit nicht genug. Eng verbunden mit dem Flughafenbau ist die Expansion der Fluggesellschaft Emirates.
Eric Heymann, Luftverkehrsexperte der Deutschen Bank, sieht in den Anstrengungen Dubais und der Airline eine Gefahr für Frankfurt, aber auch für die anderen großen europäischen Luftdrehkreuze London, Paris und Amsterdam. Heymann verweist zum Beispiel auf die beeindruckenden Order-Zahlen: Die Fluggesellschaft Emirates hat allein 43 Großraumflugzeuge des Typs Airbus 380 bestellt - dreimal so viele wie die Lufthansa. Zudem gehe die Fluggesellschaft mit niedrigeren Preisen in den Markt, gerade auch in den deutschen.
Keinerlei Beschränkungen wie ein Nachtflugverbot
Längst fliegen die Emirates außer Frankfurt auch Hamburg, Düsseldorf und München an. Weitere deutsche Städte werden folgen, wie Experten erwarten. Indem die Araber immer mehr Flüge von europäischen Airports der zweiten Kategorie - beispielsweise Hamburg, Berlin, Manchester, Barcelona oder Lyon - nach Dubai anbieten, können sie Frankfurt und den anderen europäischen Hubs Verkehr entziehen, wie Heymann meint. Einen Marktvorteil für Dubai sieht er darin, daß es dort keinerlei Beschränkungen wie ein Nachtflugverbot gibt. Für einen Erfolg der Expansionsstrategie spricht aus Sicht des Fachmanns ferner, daß von Dubai aus alle wichtigen Wirtschaftszentren der Erde mit Direktflügen zu erreichen sind. Reisende müssen auf ihrem Weg von Nordamerika nach Indien eben nicht zwangsläufig in einem europäischen Hub zwischenlanden - der Weg über Dubai ist nur unwesentlich länger. Gerade auf diese Fernverbindung haben es die Araber bei den Langstrecken abgesehen.
Mindestens zehn Jahre wolle die Airline Umsatz und Kundenzahl noch um jeweils 20 Prozent steigern, hieß es jüngst aus dem Vorstand der Emirates Group. Der Konzern erwirtschaftete mit 22.000 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von 5,5 Milliarden Euro.
Wie ernst die deutsche Luftverkehrswirtschaft die Konkurrenz nimmt, ist auch daran abzulesen, daß sie derzeit vom Darmstädter European Center for Aviation Development untersuchen läßt, was passiert, wenn die Strategie voll aufgeht und Dubai tatsächlich das Weltluftdrehkreuz wird, von dem am Persischen Golf gerne gesprochen wird. Uwe Klingauf, Leiter des Instituts und Professor an der TU Darmstadt, will noch keine Details der Untersuchungsergebnisse verraten. Die Gefahr, daß Europa Verkehr an Dubai verliert, steht aber auch für ihn außer Zweifel. Internen Schätzungen zufolge rechnet Fraport alleine mit bis zu 1,3 Millionen weniger Umsteigern. Klingauf gibt allerdings zu bedenken, daß die deutsche Luftverkehrswirtschaft durchaus auch vom rasanten Wachstum in Dubai profitiere. Das gelte nicht zuletzt für die Flugzeugbauer von Airbus mit ihren Zulieferern.
Ziel: „World Central International Airport“
Welches strategische Ziel Dubai mit dem Bau des Flughafens verfolgt, kann die Konkurrenz jedenfalls schon am Namen ablesen: „World Central International Airport“. Diesen Worten will die Planung gewaltige Zahlen folgen lassen: Auf einer Fläche von 140 Quadratkilometern soll der neue Flughafen mit zunächst sechs Start-und-Lande-Bahnen inklusive Fracht- und Logistikzentrum, Industrieansiedlungen und Golfplatz entstehen. Drum herum wird derweil die „Jebel Ali Airport City“ wachsen mit mehreren hundert Hochhäusern, Kaufhäusern, Gastronomie und touristischen Angeboten aller Art, wie es heißt. Eine dreiviertel Million Menschen soll dort leben und arbeiten.
Mit Planfeststellungsverfahren und ähnlichem beschäftigt man sich in den Emiraten nicht. „Wir brauchen zwölf Jahre für 2,8 km Landebahn in Frankfurt, wir ,planfeststellen' uns zu Tode, derweil entstehen in Dubai zwei Großflughäfen“, kommentierte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber gestern in Berlin die Entwicklung. Mit dem zweiten Großflughafen meinte der Konzernchef den bestehenden Dubai International Airport, der gerade auf eine Kapazität von 75 Millionen Passagieren im Jahr erweitert wird.
Anders als bei den europäischen Hubs ist in Dubai aber bislang das lokale Verkehrsaufkommen noch nicht von Bedeutung. In Frankfurt waren von 52,2 Millionen Fluggästen 2005 immerhin 46 Prozent keine Umsteiger. Rund 35 Millionen potentielle Passagiere leben Fraport zufolge im Umkreis von 200 Kilometern um den Frankfurter Flughafen. „In Dubai ist da eben viel Sand“, heißt es bei Fraport. Das spricht auch Heymann zufolge zur Zeit zumindest noch dagegen, daß Dubai in Kürze Frankfurt den Rang ablaufen könnte. Ein ganz anderes Bild ergibt sich aber Fraport zufolge, wenn etwa in Frankfurt die Kapazitätsengpässe so groß würden, daß sich der Interkontinentalverkehr andere Wege suche. Dann rechnen auch die Frankfurter mit einer tatsächlich ernsthaften Konkurrenz aus den Emiraten.