16.11.2009 · Die Finanzwelt kommt wieder zur Euro Finance Week zusammen. Standen vor einem Jahr noch alle unter dem Schock der Lehman-Pleite, wird jetzt an der Zukunft gefeilt.
Von Tim KanningDie Stunde der Wirtschaftsforscher scheint gekommen. Zwei Ziele gilt es unter einen Hut zu bringen. Zum einen sollen die Banken und Finanzmärkte reguliert und stabilisiert werden, so dass möglichst keine Blasen mehr entstehen können, wie sie schließlich in den großen Krisen zerplatzen. Zum anderen soll die Wirtschaft aus der Rezession befördert werden, ihr zartes Wiederaufleben durch Kredite zu neuem Wachstum angefeuert werden.
Wie man die beiden Ziele in Einklang bringen könne, ohne dass schärfere Regeln die Vergabe von Krediten behinderten, das sehe er noch nicht, bekannte der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), als er die zwölfte Euro Finance Week im Frankfurter Congress-Center an der Messe eröffnete. Doch Frankfurt sei der richtige Ort, um solche Fragen zu diskutieren. Schließlich sei etwa das House of Finance an der Goethe-Universität so weit gestärkt worden, dass die Diskussionen auch auf eine intellektuelle Basis gestellt werden könnten.
Ackermanns Mahnung
Nichts Geringeres als die Neuordnung der internationalen Finanzstruktur hat Organisator Nader Maleki den rund 500 Rednern, die im Laufe der Woche sprechen und diskutieren werden, zum Thema gegeben. Stand vor einem Jahr, kurz nach der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers noch die akute Katastrophenhilfe im Mittelpunkt der Kongresswoche, so will sich die deutsche und europäische Finanzwelt diesmal ganz der Aufarbeitung widmen, und Wege finden, neue Krisen zu verhindern.
Zum Auftakt versuchten sich daran mit Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Hans-Dieter Brenner von der Landesbank Hessen-Thüringen und Wolfgang Kirsch von der DZ-Bank die Chefs von gleich drei Frankfurter Großbanken. Der Zielkonflikt zwischen Finanzstabilität auf der einen und der Förderung der Wirtschaft auf der anderen Seite zeichnete sich dabei immer wieder ab.
So warnte Ackermann davor die neuen Regeln für Banken allein an dem Leitsatz auszurichten, dass es keine Häuser mehr geben dürfe, die zu groß seien, als dass sie pleite gehen dürften. Große, international aufgestellte Banken seien nach wie vor wichtig für eine Volkswirtschaft, um ihre global handelnden Unternehmen bei grenzüberschreitenden Geschäften zu unterstützen. Ackermann hob hervor, dass Forderungen nach maßvoller Regulierung kein „Lobbying für Banken, sondern Lobbying für das Gedeihen der Realwirtschaft“ seien. Letztlich litten die Unternehmen darunter, wenn Banken weniger Freiräume hätten.
Wo liegt das „New Normal“?
Dass Häuser wie die Deutsche Bank derzeit wieder Gewinne machten und fast alle Anlageklassen sich positiv entwickelten, liegen unter anderem daran, dass einige aus den Märkten ausgeschieden seien. Die große Frage sei nun, wo das „New Normal“, also das neue Normal, liege.
Auch Bundesbankpräsidnet Axel Weber warnte davor, dass die Krise noch nicht durchgestanden sei. Die schlechte Geschäftslage vieler Unternehmen durch die Krise werde sich unweigerlich in deren Bonitätsbewertung widerspiegeln, was sich wiederum bis in die Bilanzen der Banken durchschlagen werde. Solche zyklischen Effekte – wenn also Unternehmen schwerer an Kredite kommen, wenn es ihnen schon schlecht geht – müssten durch eine antizyklische Regulierung verhindert werden, sagte Weber, indem etwa in guten Zeiten Puffer für schlechte aufgebaut werden müssten.
Auch der Bundesbankpräsident mahnte zu Vorsicht bei der Umstrukturierung der Bankenaufsicht – und nahm dabei sein eigenes Haus nicht aus. Überraschend zurückhaltend äußerte er sich zu dem Vorhaben der neuen Bundesregierung, die Bankenaufsicht in der Bundesbank zusammenzufassen, die sie sich bislang mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungaufsicht in Bonn teilt. Die Bundesbank habe die Zusammenarbeit nie beanstandet.
DZ-Chef für „Anlegerschutz mit Maß“
Oberstes Ziel der Bundesbank müsse die Preisstabilität bleiben. Die politische Unabhängigkeit des Hauses dürfe nicht dadurch gefährdet werden, dass sie auch noch für die Finanzmarktstabilität sorgen solle. Weber sagte weiter, dass die Krise allein nicht mehr der Antreiber sein dürfe. Jetzt gehe es darum, die richtigen Strukturen zu bilden, um künftige Krisen zu verhindern. Er zeigte sich überzeugt davon, dass der Finanzstandort Frankfurt gestärkt aus der Krise gehen könne, wenn es gelinge, langfristige Regulierung international zu etablieren.
DZ-Bank-Chef Kirsch sagte, dass auch der Anlegerschutz mit Maß verbessert werden müsse. Natürlich sei es wichtig, die Privatkunden auf alle Risiken eines Anlageprodukts hinzuweisen. Er gab aber zu bedenken: Wenn die Beratung etwa dadurch komplizierter werde, dass ein zwanzig Seiten umfassendes Beratungsprotokoll verfasst werden müsse, könne dies auch dazu führen, dass die Kunden weiter zum Online-Banking abwanderten. Dort bekämen sie dann aber überhaupt keine Beratung.