15.07.2009 · Es ist derzeit das ganz große Spiel der regionalen Energieversorger: Sollte der Eon-Konzern seine Tochtergesellschaft Thüga verkaufen, könnte die Landschaft der Branche neu geordnet werden. Frankfurt und Wiesbaden wollen dann dabei sein - Darmstadt wohl nicht.
Von Manfred KöhlerNicht jeder kennt die Thüga AG. Denn obwohl sie einer der wichtigeren Spieler in der Branche der Energieversorger ist, steht der Name nicht auf den Rechnungen der gemeinen Strom- oder Erdgaskunden. Doch in der Branche beflügelt das Unternehmen mächtig die Phantasie, seit der Düsseldorfer Eon-Konzern angekündigt hat, den Verkauf seiner Münchener Tochtergesellschaft zu prüfen. Denn in der Thüga – der Name stand einst für „Thüringer Gasgesellschaft“ – hat Eon Beteiligungen an regionalen Energieversorgern gebündelt.
110 Stadtwerke sind es, über ganz Deutschland verteilt, von der Stadtwerke Heide GmbH unweit der Nordsee bis zur Stadtwerke Lindenberg GmbH im Allgäu. Die Thüga deckt damit ungefähr 20 Prozent des Erdgas- und sechs Prozent des Strommarkts ab. Die wichtigsten Beteiligungen im Rhein-Main-Gebiet sind die an der Mainova AG in Frankfurt, der Heag Südhessische Energie AG in Darmstadt und der Eswe Versorgungs AG in Wiesbaden. Durchweg sind es Minderheitsbeteiligungen – Mehrheitseigentümer sind zumeist die jeweiligen Städte oder Kreise.
Der Plan für den Verkauf ist Folge politischen Drucks. Kartelle, die von der Erzeugung bis zum Vertrieb reichen, sollen aufgebrochen werden. Hinzu kommt der Plan von Eon, sich neu auszurichten und auf die Erzeugung zu konzentrieren. Mancher sagt auch, die Düsseldorfer bräuchten schlicht dringend Geld. „Eon legt Tempo vor“, heißt es.
Kaufinteressenten treiben verschiedene Motive
Zumindest die Manager in den größeren regionalen Energieversorgern wollen aber nicht untätig zusehen, bis der Thüga-Anteil an irgendwen weitergereicht ist. Sie wollen den Spieß umdrehen und selbst einen namhaften Teil der Thüga kaufen. In der ersten Reihe steht dabei die Mainova, gemeinsam mit der Stadtwerke Hannover AG, die neudeutsch flott als Enercity firmiert, und der N-Ergie AG, das ist das heutige Gewand der Stadtwerke Nürnberg. Für ihre Pläne haben sie ein Unternehmen namens Integra GmbH gegründet.
Daneben hat sich ein loses Bündnis kleinerer und mittlerer Thüga-Beteiligungen unter Federführung des Freiburger Energieversorgers Badenova AG formiert, zu dem auch die Eswe aus Wiesbaden zählt. Die Gruppe firmiert als Kom 9, tatsächlich zählen inzwischen 40 bis 50 Unternehmen dazu, mit unterschiedlich starkem Interesse. Lange hieß es, die Integra würde wohl 45 Prozent übernehmen, Kom 9 etwa 20 bis 30 Prozent.
Als Dritter im Bunde war die Dong-Gruppe im Gespräch, ein dänischer Energiekonzern in Staatsbesitz. Inzwischen ist zu hören, dass sich Dong zurückgezogen hat, womöglich in eine Warteposition, vielleicht auch endgültig, während unter den Deutschen überlegt wird, die Anteile entsprechend aufzustocken. Die Mehrheit läge dann, sofern sich am Verhältnis der beiden Bündnisse zueinander nichts änderte, bei der Integra. Nur juristische Laien, nicht aber Fachleute stört es, dass damit Tochtergesellschaften Anteile an ihrer Mutter hielten.
Es wäre ein Kraftakt. Denn der Wert der Thüga wird auf drei bis vier Milliarden Euro taxiert. Doch ließe sich das Geld als Kredit beschaffen und mit dem Ertrag der Thüga abstottern. Die Kaufinteressenten werden von verschiedenen Motiven getrieben. Sie wollen nicht, dass Fremde künftig bei der Thüga und damit in ihrem Haus das Sagen haben, sie hoffen auf Einspareffekte durch einen solchen Verbund, der im Idealfall etwa beim Einkauf von Strom oder Erdgas bessere Preise herausschlagen könnte, und ein wenig treibt sie wohl auch der reizvolle Gedanke um, dass sich ein fünfter großer Energieversorger in Deutschland schmieden lässt, in gebotenem Abstand zu den vier ganz großen zwar, aber doch mit kräftigem Einfluss.
Es kann auch alles anders kommen. Denn mit der Thüga erwirbt man keinen herkömmlichen Konzern, so eine strubbelige Beteiligungslandschaft. Da die Münchener stets in der Minderheit sind, müssen sie sich überall mit örtlichen Funktionären einigen. Wer Abläufe straffen, womöglich zentralisieren will, kann da schnell auf Hindernisse stoßen.
Praktische Folgen
In Wiesbaden hat man nun als erstes die Weichen gestellt. Der Magistrat hat beschlossen, die Landeshauptstadt solle sich mit 100 Millionen Euro an der Thüga beteiligen. Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) sieht so die Chance, dass die Eswe wettbewerbsfähig bleibt; auch er verweist auf die Chancen eines gemeinsamen Einkaufs. Investierte man das Geld umgekehrt, um dem Eon-Konzern die Thüga-Anteile an der Eswe abzukaufen, stünde man im Wettbewerb alleine da. Müller erwartet von der Thüga eine Rendite von sechs bis sieben Prozent, um den Kredit finanzieren zu können, mit dem der Kaufpreis finanziert werden soll. In Frankfurt will man ähnlich vorgehen. Stadtkämmerei Uwe Becker (CDU) hatte schon 2008 geäußert, eine Beteiligung an der Thüga eröffne der Mainova große Chancen. Frankfurt hält 75,2 Prozent an der Mainova, 24,4 Prozent liegen bei der Thüga. Anders als in Wiesbaden heißt es in der Frankfurter Kämmerei, die Entscheidung sei alleine Sache des Mainova-Aufsichtsrats.
Darmstadt hingegen wird wohl einen anderen Weg gehen. Gespräche mit Vertretern von Integra und Kom 9 wurden geführt, jedoch ohne Ergebnis. Die Stadt will ihr Vorkaufsrecht nutzen. Derzeit hält die Thüga 40 Prozent an der Heag Südhessische Energie, 52,9 Prozent liegen bei der Heag Holding AG, die wiederum zu 94,99 Prozent der Stadt Darmstadt gehört. Immerhin scheint die Tür noch nicht zugeschlagen. „Die Kollegen gehen zunächst ihren Weg allein weiter“, sagte Albert Filbert, der Chef des Darmstädter Energieversorgers, kürzlich. „Wir sind aber weiter gesprächsbereit.“ Die Darmstädter sind mit ihrer Zurückhaltung nicht allein. Aus dem Rennen ausgeschieden sind auch die Kölner Rheinenergie und die MVV aus Mannheim. Sollte es dabei bleiben, zerschlagen sich zumindest an dieser Stelle zugleich auch Hoffnungen, dass Mainova und MVV aneinanderrücken. Davon war in den vergangenen Jahren immer wieder die Rede gewesen – ohne dass es je Ergebnisse gegeben hätte.
Das Vorhaben der Thüga-Töchter, ihre Mutter zu kaufen, gilt als Rekommunalisierung. Das stimmt – und stimmt auch wieder nicht. Richtig ist, dass Eon in privater Hand – weitgehend in Streubesitz – ist, was damit auch für die Thüga gilt. Dieses Unternehmen würde künftig von einem Kreis größerer und kleinerer Versorger dominiert, die ihrerseits weitgehend oder vollständig Städte und Kreisen gehören. So weit stimmt der Begriff der Rekommunalisierung. Doch hat eine solche Thüga mit einem Kommunalbetrieb alter Prägung, der sich um die Daseinsvorsorge in den Gemarkungsgrenzen kümmert, nichts mehr gemein. Am Markt wäre auch die neue Thüga nur ein Teilnehmer unter vielen. Eher schon lohnte sich die Debatte, ob sich Städte durch solche Beteiligungen, wie sinnvoll sie vorderhand auch scheinen mögen, Risiken aufbürden, die mit ihren ureigenen Aufgaben nichts mehr zu tun haben.
Doch selbst wenn der Thüga-Verkauf am Ende gar nicht zustande kommen sollte, so hat er doch schon praktische Folgen gezeigt. Die Gaswerksverband Rheingau AG, an der die Thüga bisher 49 Prozent der Anteile hielt, ist im Vorgriff auf größere Ereignisse zum 1. Juli mit der Eswe aus Wiesbaden verschmolzen worden. Die Konsolidierung der Branche schreitet voran – in großen Schritten oder eben in kleinen.