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Veröffentlicht: 06.06.2015, 12:31 Uhr

Innovative Eis-Manufakturen Neue Ideen für Waffel und Becher

Ananas-Petersilie, Karotte-Ingwer oder Grüne Soße: Eis gibt es in so vielen Varianten wie noch nie. Anbieter mit kreativen Ideen sorgen für Bewegung auf dem von großen Herstellern dominierten Markt.

von Verena Rumpf
© Wonge Bergmann Spontane Existenzgründung: Anke Carduck (links) und Julia von Dreusche haben innerhalb nur einer Woche gelernt, wie man Eis herstellt.

Mit dem Eiswagen an den Baggersee fahren - das war die ursprüngliche Geschäftsidee von Florian Mayr. Doch am See steht der Sechsundvierzigjährige schon lange nicht mehr. Dafür beliefert er jetzt Google, das Fraunhofer Institut, den Deutschen Bundestag und zahlreiche andere Kunden in ganz Deutschland mit seiner Marke „Das Eis“. Gut vier Tonnen Speiseeis in 20 Sorten werden dafür jeden Tag in Wiesbaden-Erbenheim hergestellt. Dort hat die Firma „Healthy Planet“ ihren Sitz. Der gebürtige Frankfurter Mayr hatte sie 2007 mit drei Studienfreunden gegründet, um die von Schöller und Mövenpick dominierte Branche aufzumischen.

„In einem Erdbeereis sollten auch richtige Erdbeeren sein“, sagt Mayr. „Und kein angerührtes Milchpulver.“ Deshalb arbeitet „Healthy Planet“ ausschließlich mit Bioprodukten. Alle Fruchteissorten enthalten echte Stückchen und bestehen zu 76 Prozent aus Frucht. Die Milch für das Eis stammt von der Domäne Mechthildshausen, einem städtischen Landwirtschaftsbetrieb, in dem sozial benachteiligte Jugendliche auf das Berufsleben vorbereitet werden. Er und seine Partner achteten nämlich nicht nur auf „bio“ und „fairtrade“, sondern unterstützten auch soziale Einrichtungen in der Region, sagt Mayr und spricht deswegen lieber von „Vorbildlichkeit“ als von „Nachhaltigkeit“.

Mayrs Eis ist erfolgreich

Ob vorbildlich oder nachhaltig - „Das Eis“ ist vor allem erfolgreich: Vom Magazin „Feinschmecker“ ist es schon 2010 ausgezeichnet worden, und im Februar dieses Jahres sind die veganen Sorten „Vanilla-Blueberry-Applepie“ und „Green Smoothie Sorbet“ auf der Bio-Fach-Messe in Nürnberg als beste neue Produkte prämiert worden. Gerade an diesen veganen Sorten habe man lange herumprobiert, berichtet Mayr. Inzwischen sei die Nachfrage sehr groß - vor allem bei Frauen um die Dreißig.

"Das Eis"  - Die Bio-Eismanufaktur in Wiesbaden stellte deutschlandweit das einzige Fairtrade-zertifizierte Bioeis her. Verena Rumpf spricht mit dem Begründer Florian Mayr. © Wonge Bergmann Vergrößern Erfolgsrezept: Von seinem Produktionsbetrieb in Wiesbaden-Erbenheim aus beliefert Florian Mayr Firmen in ganz Deutschland mit seinem Eis.

Doch nicht nur das Eis von „Healthy Planet“ hat Auszeichnungen bekommen: Im vergangenen Jahr hat die Stadt Wiesbaden der Firma auch einen Umweltpreis zugesprochen, weil die Eisbecher kompostierbar und die CO2-Emissionen bei der Eisproduktion niedrig sind. Eine solche Herstellungsweise habe natürlich ihren Preis, sagt Mayr. Aber für gute Qualität seien die Kunden bereit, auch tiefer in die Tasche zu greifen: Für einen 500-Gramm-Becher müssen sie in Bio- und Feinkostläden mehr als sechs Euro hinblättern. Eine eigene Eisdiele betreibt das Unternehmen nur an der Hasengasse in der Frankfurter Innenstadt. Eine Kugel kostet dort 2,30 Euro.

Obst vom Wochenmarkt, Milch vom Bio-Bauern

Konkurrenz haben die großen Fertigeis-Konzerne in den vergangenen Jahren von vielen Seiten bekommen. „Das Eis“ ist nur eine Marke von vielen. Auch im Rhein-Main-Gebiet gibt es noch andere kleine Hersteller, die dem Trend zu natürlichen Zutaten und innovativen Sortenfolgen wie Mandel-Kardamom oder Honig-Rosmarin. Ihr Obst beziehen diese Eis-Firmen vom Wochenmarkt, die Bio-Milch kommt vom Bauern nebenan, Farbstoffe, Emulgatoren und andere künstliche Zusätze sind verpönt.

Bei Karina Bizzi war es nicht der Baggersee, der sie an Eis denken ließ - sondern ihre Schwangerschaft: Keine Eisdiele konnte damals ihre Heißhungerattacken befriedigen. „Das schmeckte mir alles zu künstlich“, erinnert sie sich. Deshalb gab sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter ihre Stelle in der Werbebranche auf und widmete sich ganz den gefrorenen Leckereien.

Seit 2009 stellt sie zusammen mit ihrem Mann das biozertifizierte „Bizzi-Ice“ professionell her. Zunächst nur für Handel und Gastronomie, seit 2013 wird das Eis aber auch in einer eigenen Eisdiele in Frankfurt-Sachsenhausen verkauft. Das Geschäft läuft so gut, dass sie vergangene Woche einen weiteren Laden an der Koselstraße im Frankfurter Nordend eröffnet haben.

"Bizziice" - Die im Familienbetrieb geführte Eisdiele in Frankfurt stellt Bio-Eis her, das schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Verena Rumpf spricht mit den Inhabern Karina und Lorenzo Bizzi. © Wonge Bergmann Vergrößern 100 Prozent „bio“: Karina und Lorenzo Bizzi verwenden ausschließlich natürliche Zutaten für ihr Eis. Das „Bizzi-Ice“ wurde dafür schon mehrfach ausgezeichnet.

Die große Nachfrage nach veganem Eis hat auch Karina Bizzi schon beobachtet. Ihre Sorbets enthalten deswegen keine Milch, und wurden ebenso wie die Konkurrenzprodukte von „Das Eis“ schon prämiert: Das Orangen-Minz-Sorbet „Marrakech Dream“ hat 2013 beim britischen „Great Taste Award“ Gold bekommen.

Rooibos-Apfel und Grüne Soße

Preise für ihr Eis können Julia von Dreusche und Anke Carduck noch nicht vorweisen. Dafür aber den Gründerpreis des Landes Rheinland-Pfalz. Vor zwei Jahren haben die Frauen am Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt ihre Eisdiele eröffnet. Seither verkaufen sie ihr „N’Eis“ und überraschen mit ungewöhnlichen Kreationen: Je nach Saison gibt es sogar Spargel- und Grüne-Soße-Eis. Und auf der Internetseite der beiden können die Kunden Vorschläge für neue Sorten machen - Rooibos-Apfel soll als Nächstes in die Produktion gehen.

Wie man Eis macht, das mussten die beiden Firmengründerinnen allerdings zu Beginn ihrer Selbständigkeit erst einmal lernen. Denn „die Idee, eine Eisdiele zu eröffnen, kam relativ spontan“, erinnert sich von Dreusche.

In einer Woche machten sie ihr Eis-Diplom

Die beiden Studentinnen der Medienwissenschaft hatten es vor allem auf den Standort abgesehen: Während des Studiums wohnten sie nur zwei Häuser vom jetzigen Laden entfernt. Und als das dort ansässige Handy-Geschäft geschlossen wurde, ergriffen sie die Chance. Ohne richtiges Konzept gingen sie zum Vermieter - und hatten Glück: Der Mainzer Gastronom entschied sich für die jungen Gründerinnen.

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Danach musste alles ganz schnell gehen. Innerhalb einer Woche machten die beiden Frauen im nordrhein-westfälischen Werl ihr Eis-Diplom und lernten in der einzigen Eisfachschule Deutschlands, wie man ohne künstliche Aromen Eis herstellen kann. Dann kam der Praxistest - und das Geschäft lief vom ersten Tag an richtig gut. „An warmen Sommertagen reicht die Schlange den ganzen Gartenfeldplatz hinunter“, sagt von Dreusche.

Angesichts der großen Nachfrage schauen sich die „N’Eis“-Gründerinnen inzwischen sogar nach weiteren Standorten um. An den Baggerseen rund um die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt werden sie in Zukunft zwar nicht anzutreffen sein. Aber in diesen Tagen stehen sie mit ihrem Eiswagen an der Rheinpromenade.

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