30.11.2004 · Betreiber setzt auf junge Kundenund Nischenanbieter /In den oberen Stockwerken sind die Ladenlokale billiger
Mit einem Drahtseilakt quer über die Zeil hatte es im September 1992 begonnen, und ein solcher ist der Betrieb der Zeilgalerie in Frankfurt lange geblieben. Nun aber meldet Sabine Jeitler, Mitarbeiterin der Immobiliengesellschaft Atis Real Müller Retail Services und seit Mitte 2002 Managerin der vertikalen Einkaufspassage neben dem Kaufhof, daß die 11.150 Quadratmeter Verkaufsfläche zum ersten Mal seit zwölf Jahren fast vollständig vermietet seien.
Die Zeilgalerie hofft auf eine junge Kundschaft. Diese Strategie, mit der das Haus auf Dauer erfolgreich sein soll, ist durch die beiden großen Mieter Hennes & Mauritz und Benetton vorgegeben, wie Jeitler sagt. Die beiden Moderiesen dominieren in der Galerie die Ebenen null bis zwei. Für die Nobelklasse a la Goethestraße ist hier nicht der Ort. Im Angebot sind Trendkleidung, also etwa Schlabberhosen, Turnschuhe und große Basketballerhemden, ferner Skateboards und die Mode, die die Jugend auf diesen Brettern zu tragen pflegt. Im Poster- und T-Shirt-Shop findet sich neben Replikationen von Sporttrikots der DDR das legendäre Elternschreck-Poster der siebziger Jahre, das den exzentrischen Musiker Frank Zappa zeigt - lächelnd und textilfrei auf einer Toilette sitzend. Etwas weiter die Serpentinen hinauf gibt es Räucherstäbchen und Wasserpfeifen zu kaufen. Zwischen derlei exotischen Angeboten finden sich ein Kartenvorverkauf, zwei Uhrenläden, ein Spiele- und ein Schmuckgeschäft. Daneben Handy-Läden, die ebenfalls besonders bei jüngeren Käufern beliebt sind und als umsatzstark gelten.
Doch nicht alles richtet sich an Jugendliche. Gleich dreimal ist "Artversum" im Center vertreten, mit Holzfiguren und anderem Kunsthandwerk aus aller Welt, mit Silberschmuck und sonstigen Geschenkartikeln. "Auch die Zeilgalerie ist in solchen Zeiten keine Goldgrube", sagt Betreiber Georg Thiessen. Gleichwohl sei sie als Standort "hervorragend". "Schleifenlassen", so sagt er weiter, "darf man natürlich nichts."
Daß Geschäfte, die Nischenprodukte anbieten, gewiß nicht in der Lage sind, einen ähnlichen Mietzins zu entrichten, wie dies die finanz- und umsatzstarken Textilfilialisten und vielleicht auch noch "Pizza Hut" im Untergeschoß können, weiß auch Zentrumsleiterin Jeitler. Und sie ist sich auch der Tatsache bewußt, daß sich der Einzelhandel in Deutschland eigentlich ebenerdig abspielt, die Kundenfrequenz mit der Zahl der Stockwerke abnimmt. Deshalb sind die Mieten in der Galerie auch gestaffelt: je höher, desto geringer, lautet die Regel. "Marktgerecht", sagt Jeitler. Genauer will sie nicht werden. Die Managerin bietet außerdem Mietverträge an, die Neueinsteiger nicht für die sonst in Einkaufszentren üblichen fünf oder zehn Jahre binden, sondern nur für zwölf Monate. Um ganz oben in und auf der Galerie, wo einst ein Kino für Belebung sorgte, wieder Anziehungspunkte für Besucher zu schaffen, splittete man die dortige Gastronomiefläche so auf, daß nun Cafe-, Bar- und Restaurantbetreiber, auf drei kleineren Flächen und mit geringeren Kosten, ihr Glück versuchen können. Mit dieser Strategie ist es augenscheinlich gelungen, die Flächen der Zeilgalerie zu füllen. Nur eine einzige sei noch nicht vergeben, heißt es. Einen sichtbaren Leerstand gibt es in dem Einkaufszentrum nicht. Noch vor zwei Jahren waren rund 30 Prozent der Verkaufsfläche nicht vermietet.
Tatsächlich berichten Geschäftsinhaber erleichtert von einer gestiegenen Besucherfrequenz - auch in den "Höhenlagen". Gerade verbuchte man mit 31000 Menschen an einem Tag einen neuen Rekord in der Galerie. Bei Michael Loebl hat sich die Besserung auch im November-Umsatz bemerkbar gemacht. Er ist im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen, wie der Betreiber eines Sportgeschäfts sagt. Dem Management bescheinigt er: "Die Mieten sind realistisch, und die Zusammenarbeit funktioniert auch." Mit seinem Geschäft ist Loebl von Beginn an dabeigewesen - zuerst auf 70 Quadratmetern im vierten Stockwerk und nun auf mehr als 400 im fünften. Er hat die utopischen Vorstellungen des später wegen Betruges verurteilten Immobilienspekulanten Jürgen Schneider am eigenen Mietzins ablesen müssen. Loebl kennt die alten Überlegungen, die Vertikalpassage an die Galeria Kaufhof gänzlich anzuschließen - bisher besteht eine Verbindung nur im Untergeschoß und über das Dach -, genau so wie die etwas jüngere Idee, die Zeilgalerie zum auf dem ehemaligen Telekom-Areal geplanten Einzelhandelszentrum hin zu öffnen, das das niederländische Immobilienunternehmen MAB dort bauen will. Obwohl informierte Kreise zu wissen meinen, daß es auch zu diesem Anschluß nicht kommen werde, sehen Loebl wie auch Jeitler Vorteile für die Galerie, wenn der neue Nachbar eines Tages öffnet: mehr potentielle Käufer und zusätzliche Parkplätze in der Nähe - ganz ohne eigene Investitionen.
Die Eigentümerin, die niederländische Immobiliengesellschaft Rodamco Europe, sei nun zufrieden, heißt es dem Vernehmen nach. Kurz nach dem Kauf der Zeilgalerie Mitte 2001 war bei Rodamco, die zu den größten börsennotierten Immobilieninvestment-Gesellschaften in Europa gehört, die Rede davon, daß man mit einer Eingangsrendite von 7,5 Prozent rechne. Die Rodamco hatte der Deutschen Bank im Juni vor drei Jahren gerade einmal 94 Millionen Mark (etwa 48 Millionen Euro) für das schmale Haus neben der Galeria Kaufhof gezahlt. Ein gewaltiges Verlustgeschäft für die Bank. Denn der einstige Immobilienpleitier Schneider, zu dessen Projekten die Zeilgalerie - damals noch elegant "Les Facettes" genannt - gehörte, hatte sich in einem dubiosen Gutachten einen Verkaufswert von 600Millionen Mark ausweisen lassen. Unter anderem dieses Papier hatte dazu gedient, bei der Bank Kredite in Höhe von 415 Millionen Euro zu erschwindeln. Schneider hatte die Deutsche Bank damals auch erfolgreich glauben gemacht, es handle sich um 20000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Tatsächlich war es nicht einmal die Hälfte. JOCHEN REMMERT