24.09.2007 · Der hessische Einzelhandel darbt: Trotz guter Konjunktur gehen Umsatz und Beschäftigung zurück. Experten erwarten eine Besserung erst für das nächste Jahr.
Von Julia RoebkeDie deutsche Wirtschaft wächst, und die Arbeitslosigkeit sinkt auf ein Rekordtief von zuletzt 3,7 Millionen Menschen im vergangenen Monat. Doch Freude am Einkaufen mag bei den Deutschen nicht aufkommen. So musste der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in der vergangenen Woche seine Umsatzprognose für das Jahr 2007 nach unten korrigieren – preisbereinigt erwartet der Verband nun einen Umsatzrückgang von 0,5 Prozent.
Auch die Statistik für Hessen zeigt, dass bei der Kundschaft der Einzelhändler keine richtige Kauflaune aufkommen will. Wie das Statistische Landesamt mitteilte, musste der so genannt Handel mit Waren verschiedener Art – hierzu gehören zum Beispiel die Kaufhäuser und Supermärkte – in den Monaten Januar bis Juli mit einem Minus von real fast sechs Prozent deutliche Umsatzverluste hinnehmen. Lediglich der Facheinzelhandel mit Bekleidung, Möbeln und Elektronik sowie der Versandhandel konnte eine leicht positive Umsatzentwicklung verzeichnen. Im Schnitt ermittelten die Statistiker ein preisbereinigtes Minus von einem Prozent.
„Umsatzrückgang bedeutet Beschäftigungsrückgang“
„Wir haben trotz boomender Konjunktur seit etwa einem dreiviertel Jahr real einen Umsatzrückgang im Einzelhandel, das ist ein großes Problem“, sagt Frank Albrecht, Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbandes. Besonders beeinträchtigt seien davon die Kaufhäuser, nur bei den Luxusgütern könnte man den Abwärtstrend nicht feststellen. Umsatzeinbußen habe vor allem die Mehrwertsteuererhöhung bewirkt, die der Handel nicht so einfach weggesteckt habe.
Ebenso sieht er jedoch die Einzelhändler in zunehmender Konkurrenz zur Tourismusindustrie. Auch bewirken höhere Benzin- und Strompreise, dass der Verbandspräsident fürchtet, auch im Gesamtjahr kein Umsatzwachstum ausweisen zu können. In der Tat hat sich nach einer Studie des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels der Anteil des Einzelhandels am privaten Verbrauch mit zurzeit rund 29 Prozent deutlich verringert. Anfang der neunziger Jahre waren es nach Angaben des Verbands noch mehr als 40 Prozent.
„Umsatzrückgang bedeutet in unserem Geschäft automatisch auch Beschäftigungsrückgang“, hebt Albrecht hervor. Im Einzelhandel werde, je nach Branche, mit rund 150.000 Euro Umsatz je Mitarbeiter gerechnet. Wenn die Unternehmen die Planzahlen nicht erreichen könnten, komme es zu Arbeitsplatzabbau, sagt Albrecht. Den Abwärtstrend bei den Beschäftigten im hessischen Einzelhandel bestätigen auch die Erhebungen des Statistischen Landesamtes. In den Monaten Januar bis Juli kam es zu einem Beschäftigungsrückgang um 2,5 Prozent. Im Frankfurter Einzelhandel sind nach einem Bericht des Magistrats die Beschäftigtenzahl von 2001 bis 2005 von 30 800 auf 27 600 gesunken. Allein im zuletzt genannten Jahr liege der Verlust bei den 6099 Einzelhandelsunternehmen in Frankfurt bei rund 1000 Stellen, heißt es in dem Bericht.
Sparen geht zu Lasten des Konsums
„Das zweite Quartal lief nicht besonders berauschend“, sagt Andrea Wicht, Zentrumsmanagerin des Neu-Isenburg Zentrums. Auch dort sucht man nach den Ursachen für die Kaufzurückhaltung der Kundschaft. Der Kunde sei jedoch heutzutage schwer greifbar, äußert Wicht. In ihrem Zentrum meint man jedoch zu erkennen, dass der Trend gerade dahin geht, es „sich heimelig einzurichten“. Wicht ist davon überzeugt, dass der Umsatz in der zweiten Jahreshälfte deutlich steigt. Das vierte Quartal sei mit dem Weihnachtsgeschäft auch grundsätzlich das stärkste Quartal im Einzelhandel.
Auch bei Karstadt in Wiesbaden wartet man schon auf Weihnachten. „Der Aufschwung ist bei uns noch nicht angekommen“, sagt Geschäftsführer Eckhard Schroeder. Insgesamt liege das Haus derzeit beim Umsatz knapp unter dem Vorjahresniveau und habe die Hoffnung für dieses Jahr noch nicht aufgegeben. In Wiesbaden habe Karstadt mit dem Liliencarré zudem noch einen direkten Wettbewerber hinzu bekommen. Eine deutliche Belebung des privaten Verbrauchs erwartet der Analyst Matthias Rubisch von der Commerzbank jedoch erst für das nächste Jahr. Neben der Mehrwertsteuererhöhung habe vor allem die Zurückhaltung bei der Lohnerhöhung den Einzelhandel bislang vergeblich auf höhere Umsätze hoffen lassen. „Der zugrunde liegende Trend bei den Einkommen ist sehr verhalten“, sagt Rubisch.
Die Löhne seien in diesem Jahr nominal um rund ein Prozent gestiegen, bereinigt um die Inflation ergebe sich sogar eine negative Entwicklung. Zudem sei die Sparquote zu Lasten des Konsums im ersten Halbjahr um weitere 0,5 Prozentpunkte auf 10,9 Prozent gestiegen. Für das nächste Jahr erwartet Rubisch jedoch, dass der Preisanstieg deutlich niedriger ausfällt und es zu höheren Neuabschlüssen bei den Lohnverhandlungen komme. „Unsere Prognose sieht zwei Prozent Wachstum des privaten Verbrauchs vor“, äußert der Analyst. Einzig der Ölpreis sei noch ein Risikofaktor.
Kein Geld?
R. Clemens (ZyNik)
- 26.09.2007, 11:25 Uhr