02.11.2005 · Frankfurt als Metropole der Region? Manchmal ist es die Stadt im besten Sinne. Der Streit um die Frage, ob am ersten Advent die Geschäfte öffnen sollen, wird in der größten Stadt des Ballungsraums derzeit mit ungewöhnlicher Heftigkeit und gleichsam stellvertretend für alle Orte ausgetragen.
Frankfurt als Metropole der Region? Manchmal ist es die Stadt im besten Sinne. Der Streit um die Frage, ob am ersten Advent die Geschäfte öffnen sollen, wird in der größten Stadt des Ballungsraums derzeit mit ungewöhnlicher Heftigkeit und gleichsam stellvertretend für alle Orte ausgetragen. Schon die Stadtregierung tat sich schwer, dem Ansinnen nachzugeben. Die SPD war nicht überzeugt, weil sie sich um die Verkäuferinnen sorgte, und auch in der CDU gab es kritische Stimmen, weil an der Sonntagsruhe gerüttelt wird. Doch als hartnäckigste Gegner des Vorhabens haben sich die Kirchen erwiesen. Schon vor Wochen riefen die Katholiken dazu auf, den verkaufsoffenen Sonntag am 27. November zu boykottieren. Nun wollen beide Kirchen gemeinsam sogar das Große Stadtgeläut am Vorabend verhindern, bei dem gemeinhin die Glocken von zehn Innenstadtkirchen auf die Weihnachtszeit einstimmen.
Doch während in Frankfurt noch gestritten und an den Plakaten für eine Protestkundgebung gemalt wird, zeichnet sich ab, daß der erste Advent an vielen Orten zum Einkaufstag wird. Im vergangenen Jahr hatte es den Präsidenten des hessischen Einzelhandelsverbands, den Frankfurter Frank Albrecht, mächtig geärgert, daß zwar in Orten wie Kronberg, Sulzbach und im Stadtteil Höchst die Geschäfte öffnen durften, nicht aber in der Innenstadt der Mainmetropole. Nachdem in diesem Jahr nun früh bekannt wurde, daß sich diesmal der Frankfurter Magistrat zu einer Erlaubnis für den Einkauf am ersten Advent auch auf der Zeil durchringen würde, setzte umgekehrt im Umland heftiges Überlegen ein, wie diesem Vorhaben zu begegnen sei. Denn auch wenn an verkaufsoffenen Sonntagen die meisten Menschen ohne Einkaufszettel in die Stadt fahren und nur von Geschäft zu Geschäft schlendern, finden sich am Abend doch stolze Beträge in den Kassen. Im vergangenen Jahr hatte Albrecht die Befürchtung geäußert, den Frankfurter Einzelhändlern gingen Umsätze in Höhe von 40 Millionen Euro verloren, wenn lediglich die Geschäfte im Umland geöffnet seien. An Bedeutung steht mithin ein verkaufsoffener Sonntag einem langen Samstag kaum nach. So möchten sich die Einzelhändler, die seit Jahren mit sinkenden Umsätzen leben müssen, an jenem Sonntag sozusagen einen fünften langen Vorweihnachtssamstag gönnen - zusätzlich zu denjenigen an den vier Samstagen vor dem ersten bis vierten Advent.
Im einzelnen sind verkaufsoffene Sonntage am ersten Advent außer in Frankfurt in Darmstadt, Offenbach, Hanau, Aschaffenburg, Bad Homburg, Oberursel, Usingen, Sulzbach, Neu-Isenburg, Gelnhausen, Erbach, Michelstadt, Babenhausen und Seligenstadt geplant. Eine abgeschlossene Liste ist das aber nicht. In Bad Homburg etwa hatte die Stadt einen Antrag der Kaufleute zunächst abgelehnt, nach dem Bekanntwerden der Pläne in Frankfurt und Oberursel aber vor kurzem doch genehmigt. Von den großen Städten der Region fehlt gleichwohl nur Wiesbaden. Dort hatten die Stadtverordneten den Plan zu einer Öffnung am ersten Advent abgelehnt. Stattdessen sollen die Geschäfte in der Innenstadt am Tag zuvor ausnahmsweise erst um 20 Uhr schließen. Üblich ist in der Landeshauptstadt, daß die Ladentüren an Samstagen um 16 Uhr abgeschlossen werden.
Daß die Geschäfte am ersten Advent überhaupt öffnen dürfen, haben sie einer speziellen Regelung im Ladenschlußgesetz zu verdanken. Als der Bundesgesetzgeber zuließ, daß in jedem Ort vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr erlaubt werden können, hatte er die Vorweihnachtszeit schützen wollen. Er tat dies aber, indem er derlei Veranstaltungen nicht etwa für die vier Adventssonntage untersagte, sondern für den Dezember. In diesem Jahr aber fällt wie 2004 der erste Advent noch in den November. 2006 ist dies anders. Der letzte Sonntag in November ist dann der Totensonntag. Angeblich bestehen Pläne in Frankfurt für eine Öffnung auch an diesem Tag.
MANFRED KÖHLER