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Einzelhandel Ein Textilgeschäft nach dem anderen stirbt

01.03.2004 ·  Auf den langen Gängen der "Zeil-Galerie" in der Frankfurter Innenstadt sieht man gleich an mehreren Schaufenstern Plakate "Insolvenz - Räumungsverkauf". In der Boutique "Camera" wird auf diese Weise auf mögliche Schnäppchen hingewiesen, wenige Meter weiter beim Jeansshop "Jean Pascale" ebenfalls.

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Auf den langen Gängen der "Zeil-Galerie" in der Frankfurter Innenstadt sieht man gleich an mehreren Schaufenstern Plakate "Insolvenz - Räumungsverkauf". In der Boutique "Camera" wird auf diese Weise auf mögliche Schnäppchen hingewiesen, wenige Meter weiter beim Jeansshop "Jean Pascale" ebenfalls. Beide Textilgeschäfte gehören zum Modekonzern Kenvelo AG in Norderstedt bei Hamburg, der ein Insolvenzverfahren beantragt hat. "Der Name wird verschwinden, auch wenn wir uns um eine Weiterführung des Unternehmens bemühen", sagt der vorläufige Insolvenzverwalter, Hans-Jürgen Beil. Die Ware würde ein möglicher Investor vermutlich sowieso nicht übernehmen, meint er, darum heiße es Ausverkauf, bis alles weg sei.

Kein Einzelfall: Nach Monaten, ja Jahren der Konsumzurückhaltung der Kunden, einem schlechten Geschäft im heißen Sommer 2003, einem harten Preiskampf vor Weihnachten und beim Schlußverkauf sterben die Textilgeschäfte "wie die Fliegen", wie es in der Branche heißt. "Wir machen uns Sorgen", sagt Frank Albrecht, der Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbands. Durchschnittlich sei der Umsatz der Textilgeschäfte im vorigen Jahr um acht Prozent zurückgegangen, bei einzelnen Geschäften sogar um 30 bis 40 Prozent. Für kleinere Geschäfte sei schon ein Rückgang um zehn Prozent kaum zu verkraften. In diesem Jahr habe sich die Entwicklung kaum gebessert. "Die Insolvenzen kommen nicht unerwartet. Es steht zu befürchten, daß es weitere treffen wird", sagt Albrecht.

"Spektakulärster Fall" sei "Mey & Edlich" am Steinweg unweit der Frankfurter Goethestraße: ein Traditionsunternehmen, und, anders als beispielsweise "Jean Pascale", durchaus ein Haus mit einer gehobene Zielgruppe. Die Münchner Modefirma hat am 18.Februar das Insolvenzverfahren beantragt. Nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters Michael Jaffe soll das 1867 gegründete Geschäft weitergeführt werden. Wenn es im Augenblick reduzierte Ware gebe, so habe das nichts mit einer möglichen Schließung zu tun, versichert man in der Frankfurter Filiale.

An der Goethestraße selbst hat Escada zugemacht. Nach Angaben von Geschäftsführerin Bettina Walter lohnte sich das Geschäft einfach nicht mehr. Die Kette mit Sitz in Aschheim bei München hat ihr Netz bundesweit stark reduziert. Im Rhein-Main-Gebiet ist der Anbieter von Luxusmode jetzt nur noch mit zwei Geschäften in Wiesbaden vertreten. Am Goetheplatz hat schon im vorigen Jahr "Joop" aufgegeben. Die Firma gehörte zum Textilkonzern Wünsche AG, den die Turbulenzen am Bekleidungsmarkt in die Insolvenz getrieben haben, genauso wie die Tochter Cinque. Joop wurde an ein Konsortium unter Beteiligung des Lederwarenkonzerns Egana-Goldpfeil verkauft. Das Goetheplatz-Geschäft wurde an den (ursprünglich italienischen) Jeanshersteller Diesel abgetreten.

Auch in den Einkaufszentren in und um Frankfurt sieht man Spuren der schweren Zeit für die Textilbranche - auch wenn die Centermanager argumentieren, im Vergleich zu anderen Standorten gehe es den eigenen Geschäften noch "gold". Im Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach beispielsweise konnte man beobachten, daß mehrere kleine Textilgeschäfte Räumungsverkäufe ansetzten. Im Hessen-Center in Bergen-Enkheim hat nach Angaben von Centermanagerin Brigitte Schmitt die Modekette "Oui" (Damenoberbekleidung) ihr Geschäft geschlossen. Es handelte sich nach Konzernangaben um einen Franchisenehmer, insgesamt berichtet der Konzern noch von "steigenden Umsatzzahlen". Im Hessen-Center heißt es weiter, habe man außerdem "einen Insolvenzfall", bei dem die rechtliche Situation allerdings noch nicht geklärt sei - weshalb man keinen Namen nennen und auch keine weiteren Angaben dazu machen wolle.

Centermanagerin Schmitt meint, in den Einkaufszentren könne man im allgemeinen noch rechtzeitig reagieren, wenn sich Schwierigkeiten bei einem Mieter andeuteten. Man könne die Mieter "stützen und beraten", etwa bei der Art der Präsentation. "Es liegt ja nicht nur an der allgemeinen wirtschaftlichen Lage", sagt sie. "Es sei auch wichtig, was für Mode angeboten werde: "Schwarz und Weiß haben die meisten Frauen halt schon im Schrank." Schmitt beobachtet Schwierigekeiten vor allem im mittleren Preissegment. Während teure Kleidungsstücke vergleichsweise konjunkturunabhängig ihre Kundschaft fänden, hätten Geschäfte aus dem mittleren Segment schon im Oktober und November 2003 starke Preisnachlässe auf die Wintermode gewährt. "Da gab es zu diesem frühen Zeitpunkt bereits Rabatte von bis zu 30 Prozent", sagt sie. Dadurch seien die Kunden "verunsichert" worden: Es habe sich eine Erwartungshaltung herausgebildet, die nicht mehr realistisch gewesen sei. "Eine vergleichbare Preispolitik hat es weder im oberen noch im unteren Preissegment gegeben."

Im "Isenburg-Zentrum" in Neu-Isenburg ist man im großen und ganzen bislang von der Pleitewelle verschont geblieben, wie Rüdiger Dany vom Centermanagement sagt. In den vergangenen acht Monaten habe man eigentlich nur eine Schließung aus der Textilbranche verkraften müssen: Ein Hamburger Filialist, der in der Region drei Geschäfte hatte, habe sich "aus logistischen Gründen" zurückgezogen. In seine Räume sei das Schuhgeschäft "Görtz 17" (Zielgruppe: "junge Verbraucher") eingezogen. "Wir hatten auch Bewerber aus dem Textilhandel", sagt Dany. Seiner Ansicht nach gibt es aber keinen Trend, daß in der Krise die Schuhgeschäfte die Herren- und Damenausstatter verdrängten. "Kleidung und Schuhe - das hängt doch eng zusammen", meint er. Beide Branchen entwickelten sich zyklisch: "Wenn die Damen kein Geld mehr für ein neues Kostüm haben, kaufen sie sich doch auch keine passenden Schuhe dazu".

Die wirklich großen "Player" des Textileinzelhandels der Region präsentieren ihre Waren an der Frankfurter Zeil. Dort gibt man sich bedeckt mit Informationen über den regionalen Geschäftsverlauf. Während Hennes & Mauritz, die allein an der Zeil drei Geschäfte betreiben, weltweit von einem "Rekordgewinn" berichten, neue Geschäfte eröffnen wollen und die Kette "Gap" übernommen haben, sollen Peek&Cloppenburg und C&A dem Vernehmen nach auch unter der Konsumflaute gelitten haben.

Verbandspräsident Albrecht warnt: 60 Prozent des Umsatzes der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil seien vom Textilhandel abhängig. Der Politik könne es daher nicht egal sein, wie es dieser Branche gehe. Man solle sich daher sehr genau überlegen, welche Auswirkungen etwa die Ausweisung neuer Standorte für großflächigen Einzelhandel im Stadtgebiet und am Stadtrand haben könne. Gefahren habe etwa die Einzelhandelsstudie aufgewiesen, die unter anderem im Auftrag seines Verbandes erstellt worden sei, sagte Albrecht. "Man muß sich einmal überlegen, wie die Entwicklung weitergeht, wenn 40000 Quadratmeter Verkaufsfläche und mehr im sogenannten Urban Entertainment Center auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände ausgewiesen werden. Das ist doch Wahnsinn." Albrechts (pessimistische) Prognose: In den nächsten acht Jahren würden noch einmal rund 30 Prozent aller Frankfurter Einzelhändler aufgeben müssen. CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

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