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Einzelhandel : Der Buchhandel vor dem 8. November in kollektiver Erregung

  • Aktualisiert am

Schlägt alle Rekorde - auch im Merchandising Bild: AP

Es ist tatsächlich so, daß Harry Potter zaubern kann. Wer sonst als ein Magier hätte es geschafft, daß die Post, trotz ihrer Umwandlung in eine Aktiengesellschaft nach wie vor ein bürokratisches Wesen, ...

          Es ist tatsächlich so, daß Harry Potter zaubern kann. Wer sonst als ein Magier hätte es geschafft, daß die Post, trotz ihrer Umwandlung in eine Aktiengesellschaft nach wie vor ein bürokratisches Wesen, alle festgefügten Grundsätze über den Haufen wirft und bereit ist, dicke Umschläge mitten in der Nacht auszutragen? Vom 7. auf den 8. November soll dies geschehen: Wer bei Verlagsgruppe Weltbild in Augsburg das Buch "Harry Potter und der Orden des Phönix" bestellt, kann ihn auf Wunsch am Erstverkaufstag, eben dem übernächsten Samstag, schon zur Geisterstunde zwischen 0 und 2 Uhr ins Haus geliefert bekommen. Allein in Frankfurt haben sich mehr als 100 Mitarbeiter der Deutschen Post AG mit Ortskenntnissen bereit erklärt, die Bücher zu nachtschlafender Zeit auszutragen, wie ein Sprecher berichtet. Selbstredend, sonst wäre die Post ja nicht die Post, wird genau darauf geachtet, daß nur jene Kollegen eingesetzt werden, die nicht am nächsten Morgen auf ihrer Routine-Runde Briefe und Karten austragen müssen - Tagarbeit gleich nach Nachtarbeit darf nicht sein.

          Wie viele Bestellungen für die Nachtlieferung bereits eingegangen sind, ist bei der Verlagsgruppe Weltbild nicht zu erfahren. Der Sprecherin läßt sich lediglich der Satz "Wir sind recht zufrieden" entlocken. Sicher ist hingegen, daß die Geschichte rund um den Jungen mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten nicht nur den Augsburger Versand, sondern auch den Buchhandel in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Denn Einnahmequellen sind bitter nötig: Nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels sind die Umsätze im vergangenen Jahr um 2,8 Prozent gesunken, nachdem sie schon 2001 um 0,1 Prozent zurückgegangen waren - was an Aussagekraft gewinnt, wenn man sich vor Augen hält, daß die Branche zuvor Zuwachsraten von mehr als fünf Prozent (1998 und 2000) oder wenigstens 3,0 Prozent gewohnt war. Ende August 2003 lag der Umsatz um nicht weniger als 4,9 Prozent niedriger als im Vorjahr, auch mit Harry Potter und einem guten Weihnachtsgeschäft werde es übers ganze Jahr auf ein Minus in Höhe von zwei Prozent hinauslaufen, heißt es beim Börsenverein.

          So haben sich auch Buchhandlungen im Rhein-Main-Gebiet allerhand einfallen lassen, um am Harry-Potter-Rummel zu partizipieren. Die Darmstädter Gutenberg-Buchhandlung veranstaltet in der Nacht zum 8. November gemeinsam mit der Buchhandlung Schlapp einen Kinoabend mit anschließender Lesung in der Stadtbibliothek, Mitarbeiter der Steinmetz'schen Buchhandlung in Offenbach gehen in die Aula des Leibniz-Gymnasiums, um nächtens aus den Bänden eins bis vier zu lesen, die Carolus-Buchhandlung in Frankfurt setzt auf Gewinnspiele am Samstag vorm Haus, Hugendubel einige Schritte weiter auf eine Mitternachtsparty. Der Berufsstand des handlungsreisenden Zauberers hat in jener Nacht Hochsaison, in der sich nur jene, die den Geschichten von Joanne Rowling nicht verfallen sind, fragen können, was ein Leser eigentlich davon hat, wenn er das Buch schon um Mitternacht kauft statt am nächsten Morgen.

          Der Rummel um den fünften Harry-Potter-Band zeigt freilich auch, wie umstellt die herkömmlichen Buchhändler inzwischen von Konkurrenz sind, die sie noch vor Jahren nicht oder nur kaum kannten. Selbstredend läßt sich das Buch auch via Internet ordern, und zwar nicht nur bei Amazon, sondern höchstwahrscheinlich auch bei Schlecker, wo der Leser gleich auch noch Persil im Sonderangebot bestellen kann. Und natürlich will auch der Bertelsmann-Buchclub ein Stück vom großen Kuchen - in der Filiale an der Frankfurter Bleidenstraße hieß es allerdings einschränkend, der Band würde nur an Mitglieder verkauft. Immerhin wird der neue Harry Potter dort zum üblichen Buchhandelspreis in Höhe von 28,50 Euro angeboten und nicht, wie vor kurzem das neueste Machwerk von Dieter Bohlen, zu einem Sondertarif, was die Branche, die dank der Buchpreisbindung vor allzu hartem Wettbewerb gemeinhin verschont bleibt, in Aufruhr versetzte.

          Zu den Konkurrenten der alteingesessenen Buchhändler zählen aber auch die Kaufhäuser. Der Fachzeitschrift Buchreport zufolge ist der Karstadt-Konzern nach den Ketten Thalia, Hugendubel und Weltbild der viertgrößte Buchhändler in Deutschland, und so überrascht es nicht, daß auch das Haus an der Frankfurter Zeil zu nächtlicher Stunde ins Kino lädt, wie Geschäftsführer Achim Grunwald berichtet.

          Schon jetzt zeichnet sich ab, daß Harry Potter zu einem guten Geschäft wird. Ivo Hoffmann von der Gutenberg-Buchhandlung in Darmstadt berichtet von 250 Vorbestellungen. Helena Fischer, Geschäftsführerin der Steinmetz'schen Buchhandlung in Offenbach, hat etwa 80 gezählt, was so viele sind wie zuletzt nur beim vierten Band und davor bei Archipel Gulag von Alexander Solschenizyn. Fischer berichtet, daß die Umsätze seit den Sommerferien angezogen hätten, was vor allem an der Frankfurter Buchmesse liege. Michael Lemling, Geschäftsleiter der Carolus-Buchhandlung in Frankfurt, hofft, in diesem Jahr zumindest den gleichen Umsatz erzielen zu können wie im vergangenen.

          Vor allen anderen aber wird der Verein Frankfurter Armutsaktie an Harry Potter verdienen, dessen Zeitschrift "Soziale Welt" zu jenen Obdachlosenblättern gehört, welche das erste Kapitel vorab veröffentlichen dürfen. Das Blatt, das aus einer Zeitschrift von Bewohnern des früheren Obdachlosenheims an der Ottostraße hervorging, wird von heute an von 30 Verkäufern in Frankfurt angeboten, die vom Verkaufspreis in Höhe von 1,50 Euro 90 Cent behalten dürfen. Stolz berichtet Chefredakteur Dieter Weigert, daß der Verein die Auflage des Hefts extra auf 12000 verdoppelt habe. Manfred Köhler

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