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Einzelhandel Das ist doch eine Gaudi

13.06.2006 ·  Der Ladenschluß ist gefallen - für die vier Wochen der WM. Die Wal-Mart-Filiale ist das erste Geschäft in Hessen, das seit dem Auftaktspiel rund um die Uhr geöffnet ist.

Von Manfred Köhler
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Eigentlich müßten sich hier, am Wal-Mart in Wiesbaden, und jetzt, zu mitternächtlicher Stunde, die Liberalen aller Länder die Klinke in die Hand geben. Sich triumphierend vor der Ladentür postieren. Ganz zeitgemäß in einem Autokorso mit blau-gelben Fähnchen auf dem Dach über den Parkplatz donnern. Was haben sie nicht gekämpft für den Fall des Ladenschlußgesetzes. Rückschläge hingenommen, Zwischenlösungen ertragen. Und jetzt: Der Ladenschluß ist gefallen - jedenfalls für die vier Wochen der WM, jedenfalls an Werktagen, und die Wal-Mart-Filiale ist das erste und angeblich einzige Geschäft in Hessen, das seit dem Auftaktspiel rund um die Uhr geöffnet ist, von Montag früh bis Samstag abend ohne Unterlaß. Das gab es in Deutschland noch nie.

Vor dem Supermarkt ist nachts um halb eins dann aber doch kein siegestrunkener Liberaler zu sehen, nicht einmal ein müdes Grüppchen demonstrierender Gewerkschafter. Die Revolution wird nicht gefeiert. Auch Wal-Mart verzichtet auf jede reißerische Werbung. Es sind einfach nur die Türen offen. Amerikanische Verhältnisse, verwirklicht von einem amerikanischen Handelskonzern: Immerhin sind sich die wenigen Besucher, die in der Nacht von Montag auf Dienstag auf dem Parkplatz an der Äppelallee die freie Wahl haben, des geschichtlichen Moments bewußt.

Zwischen 3 und 5 Uhr ist doch sehr ruhig

„Das ist doch eine Gaudi“, sagt ein Mann in kurzen Hosen, der mit seiner Freundin gerade den Wocheneinkauf erledigt hat. „Das muß man unterstützen“, meint ein anderer, der seinen Einkaufswagen zum Auto schiebt. Zwei Frauen kommen gerade von der „Main-Arena“ in Frankfurt, wo sie sich das Italien-Spiel angesehen haben, eine Stewardess eilt durch den Laden und davon. Vier von 30 Kassen sind geöffnet, Kunden und Kassiererinnen plaudern miteinander - sonst undenkbar hier.

Geschäftsleiter Uwe Herrmann legt Wert darauf, daß am Wochenende mehr los gewesen sei: „In den ersten drei Nächten haben uns die Kunden überrannt.“ Unter denjenigen, die sich um Mitternacht auf Einkaufstour begeben, sind auffallend viele junge Pärchen, die meisten interessieren sich nur für die Lebensmittelabteilung. Klar, während bei Aral an der A 66 die Tiefkühlpizza mindestens 3,49 Euro kostet - bei gerade sieben verschiedenen Sorten zur Auswahl -, gibt es im Supermarkt gleich 63 Variationen, die billigste für weniger als zwei Euro.

Das Personal in der Nacht kommt Herrmann zufolge vorwiegend von Fremdfirmen, um die Stammbelegschaft nicht über Gebühr zu belasten. Die Kundschaft sieht nun auch das, was sie sonst nie zu sehen bekommt: die fleißigen Frauen und Männer, die in großer Zahl stets zu später Stunde die Regale bestücken. Zwischen 3 und 5 Uhr sei es dann aber doch sehr ruhig, sagt Herrmann. Wegen des technischen Aufwands sei es aber teurer, das Geschäft für zwei Stunden zu schließen, als es offenzuhalten. Außerdem weiß man ja nie. In den ersten Nächten lernte selbst der erfahrene Geschäftsleiter wieder das Staunen über seine Kundschaft: Einmal kaufte jemand um 2 Uhr einen Fernseher. Ein anderes Mal nahm jemand gegen 3 Uhr in der Früh ein Fahrrad mit.

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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