27.11.2003 · Wenn dieser Tage Aldi-Nord, und demnächst wohl auch -Süd, die Bibel für 11,99 Euro anbietet, ist das sicher keine Reaktion auf den immer größer werdenden Druck von seiten des konkurrierenden Discounters Lidl.
Wenn dieser Tage Aldi-Nord, und demnächst wohl auch -Süd, die Bibel für 11,99 Euro anbietet, ist das sicher keine Reaktion auf den immer größer werdenden Druck von seiten des konkurrierenden Discounters Lidl. Die als gläubige Katholiken geltenden Brüder Theo und Karl Albrecht haben schon öfter zur Vorweihnachtszeit das "Buch der Bücher" angeboten. Ein wenig göttlichen Beistand wünschen sich die hochbetagten Brüder, beide mehr als 80 Jahre alt, vielleicht trotzdem, denn die Strategie, mit der Lidl versucht, Aldi von Platz eins unter den Discountern zu verdrängen, gilt als äußerst aggressiv und nicht aussichtslos. Lidl-Gründer Dieter Schwarz, gelernter Kaufmann aus Neckarsulm, hat zudem nie ein Geheimnis aus seiner Absicht gemacht, Aldi auf die Plätze zu verdrängen, seit er vor 30 Jahren seinen ersten Markt eröffnete.
Eine Facette der Lidl-Taktik ist es, auch dort Filialen zu plazieren, wo Aldi ausgezogen ist, weil beispielsweise die eingeschränkte Grundfläche oder zu wenig Parkplätze den Ertrag unter eine bestimmte Marge drücken, so geschehen an der Frankfurter Stiftstraße. "Lidl ist sich eben auch dafür nicht zu schade", sagt Herbert Kuhn, Leiter der Handelsforschung Deutschland bei dem Frankfurter Beratungs- und Marktforschungsunternehmen M+MEurodata. Die Filiale Stiftstraße ist eine von derzeit 22 Lidl-Dependancen im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, Aldi liegt hier mit 28 Filialen vorn. Zur Zeit noch, muß man sagen, denn Lidl gibt sich durchaus auch mit einem geringeren Ertrag zufrieden, um seine Präsenz zu steigern, wie es in der Branche heißt. Die Renditen sollen im Hause Aldi Süd beispielsweise bei fünf Prozent, bei Lidl nur bei 3,5 Prozent liegen. Diese Tendenz bestätigt Thomas Roeb, Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg und in den achtziger Jahren auch für das Rhein-Main-Gebiet zuständiger District Manager bei Aldi: "Die Lidl-Strategie ist schon ziemlich aggressiv, und man hat den Eindruck, bei Aldi sind die Leute etwas müde und schlapp geworden."
Der Vorsitzende des Frankfurter Einzelhandelsverbands, Frank Albrecht, hält die Discounter für wertvolle "Frequenzbringer", von denen in vielen Fällen auch andere Einzelhändler profitieren könnten und die inzwischen wichtig für die Nahversorgung seien. Als Beispiel nennt er den zunächst im Ortsbeirat umstrittenen Aldi an der Ecke Glauburgstraße/Eckenheimer Landstraße. Es sei inzwischen "nun einmal nicht mehr unanständig", bei Aldi oder Lidl einzukaufen. Ein Preisvergleich mit dem übrigen Lebensmitteleinzelhandel lohne sich gleichwohl, denn es sei keineswegs sicher, daß die Discounter immer die billigsten Anbieter seien, so Albrecht.
Da sowohl Aldi als auch Lidl kaum Auskünfte über Geschäftsverlauf und Strategie geben, gibt es auch hinsichtlich des Umsatzes nur Schätzungen: Demnach erzielte die Aldi-Gruppe im vorigen Jahr mit etwas mehr als 5800 Filialen einen Umsatz von europaweit gut 34 Milliarden Euro. Andere Schätzungen beziffern den Umsatz auf 37 Milliarden, etwa 25 Milliarden davon in Deutschland. Der Lidl-Umsatz soll europaweit bei 15,9 Milliarden Euro liegen mit mehr als 5200 Filialen. In Deutschland soll Lidl im reinen Discount 9,5 Milliarden Euro umgesetzt haben. Hinzu kommen beim Lidl-Konzern noch die weniger spartanisch ausgestatteten Geschäfte unter dem Namen Handelshof sowie die SB-Warenhäuser "Kaufland", die im Osten Deutschlands als Marktführer gelten und auch in der Slowakei und in Tschechien aktiv sind. Der Umsatz des gesamten Schwarz-Konzerns wird auf 30 Milliarden Euro geschätzt.
Zum klassischen Repertoire des Konkurrenzkampfes gehört es auch, neue Standorte möglichst in unmittelbarer Nähe zum Mitbewerber zu suchen: Die Homburger Landstraße in Preungesheim ist ein Beispiel. Dabei, so Insider, ist Lidl durchaus auch bereit, wesentlich höhere Beträge für ein Grundstück zu zahlen als Aldi es tun würde. Um die Attraktivität zu steigern, werde auch mal ein Nachbargebäude gekauft und abgerissen, weil es den Blick auf eine neue Filiale versperren könnte.
Angesichts der nach Ansicht Roebs "wesentlich schlechteren Kostenstruktur im Inland" liegt die Vermutung nahe, daß Lidl sich mit seiner aggressiven Aufholjagd über kurz oder lang übernimmt. Doch das muß nicht so sein, weil Lidl im Auslandsgeschäft vielerorts schon lange gelungen ist, was der Aldi-Verfolger im Inland mit nahezu allen Mitteln versucht, nämlich den Konkurrenten zu überflügeln: Sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien ist Lidl längst größer als Aldi. Einige Dependancen von Aldi in Australien und in den Vereinigten Staaten werden dies kaum ausgleichen können. Lidl hat außerdem die skandinavischen Länder für sich entdeckt. Mit Ausnahme von Dänemark zieht es Aldi dagegen überhaupt nicht in den Norden. Mit einer Kriegskasse, die sich durch Auslandsgeschäfte fülle, lasse sich der Kampf um die Discounter-Krone in Deutschland noch eine Weile durchhalten, heißt es in der Branche.
In einem Einzelhandelsumfeld, das zumindest durch Stagnation oder gar deutliche Umsatzeinbußen geprägt ist, konnte Lidl nach Branchenschätzungen den Umsatz in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres um etwas mehr als 14 Prozent steigern, Aldi um knapp fünf. Daß Lidl also höhere Zuwächse verbuchen kann, ist aus Sicht von Wolfgang Twardara, Discount-Experte bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg, nicht verwunderlich: "Aldi deckt mit seinen Filialen die Bundesrepublik beinahe voll ab. Lidl ist noch nicht soweit und kann noch wachsen." Mehr als 80 Prozent der Deutschen könnten die nächste Aldi-Filiale innerhalb von zehn Minuten zu Fuß erreichen, und 85 Prozent der Deutschen kauften zumindest auch bei Aldi ein. Lidl sei längst noch nicht soweit, setze allerdings beinahe alles daran, dies zu ändern - auch auf Kosten des Profits. Gelegentlich, so berichten Lidl-Insider, sei vom "finalen Endkampf" die Rede, der demnächst bevorstehe. Diesem martialischen Tonfall entsprechen auch die Berichte über den rüden Umgang der Lidl-Gruppe mit ihren Lieferanten, der sich deutlich vom insgesamt fairen Stil bei Aldi unterscheide. Bei Lidl sei außerdem das Angebot an Frischfleisch längst etabliert, während man bei Aldi noch im Versuchsstadium sei. Akut gefährdet ist aus Twardaras Sicht die Marktführerschaft von Aldi, der immerhin schon seit dem Jahr 1961 als Discounter am Markt ist, nicht. "Aldi ist inzwischen selbst zu einer Marke geworden", meint er - die stehe für Billiges in vernünftiger Qualität.
Ein Vorteil von wachsender Bedeutung ist nach übereinstimmender Expertenmeinung die größere Auswahl und ein sehr viel größeres Angebot an Markenprodukten bei Lidl: Das Aldi-Sortiment umfaßt lediglich zwischen 650 und 800 Artikel, bei Lidl sind es zirka 1300, darunter viele Markenartikel. "Damit bekommen sie natürlich auch solche Kunden ins Geschäft, die eigentlich nicht zum Discounter gehen", sagt Twardara. "Und Nutella oder Ritter Sport sind nun einmal zugkräftige Marken." Auf solche Marken setzen auch andere Aldi-Verfolger wie Plus (Tengelmann-Gruppe) oder Penny (Rewe-Gruppe). Insgesamt haben Discounter am Lebensmitteleinzelhandel einen Anteil von 35 Prozent, Tendenz steigend. 2002 entfielen davon 47,5 Prozent auf Aldi und 18 Prozent auf Lidl.
Nach Erkenntnissen von Discounter-Forscher Roeb unterscheiden sich die Warensortimente von Lidl und Aldi nicht nur im Hinblick auf Markenware. Auch bei den hauseigenen Handelsmarken habe eine in Arbeit befindliche Studie erbracht, daß man zwar weitgehend dieselben Sortimentblöcke anbiete, innerhalb dieser aber beinahe durchweg Produkte, die sich allenfalls auf den ersten Blick glichen. Tatsächlich bekomme man etwa bei dem einen Anbieter Schokopudding mit Sahne im 200-Gramm-Becher, beim anderen nur einen Haselnußpudding ohne Sahne und unter Umständen in kleinerer Packung. Ein realistischer Preisvergleich sei auf diese Weise kaum möglich. In vielen Fällen werde der Unterschied dem Verbraucher nicht bewußt. Sogar Experten ließen sich mit diesem "Trick" täuschen, und behaupteten, das Sortiment sei - ausgenommen die Marken - weitgehend deckungsgleich. Als vergleichsweise sicher kann dagegen gelten, daß auch in einer Bibel, die Lidl anböte, in der Substanz dasselbe stünde wie in der von Aldi Nord. Jochen Remmert