04.10.2006 · Bei Siemens stellt der Vorstand die Gehaltserhöhung erst einmal zurück. Solche Fälle hat es auch im Rhein-Main-Gebiet schon gegeben - mit unterschiedlichem Erfolg.
Von Christian SiedenbiedelGanz so großzügig, wie es am Anfang klang, war das Angebot des Siemens-Chefs dann doch nicht: Der Vorstand unter Klaus Kleinfeld verzichtet nicht auf die Gehaltserhöhung um 30 Prozent - er verschiebt sie nur um ein Jahr. Aber immerhin, dadurch sollen rund fünf Millionen Euro für einen Hilfsfonds für Beschäftigte zusammenkommen, die bei der früheren Siemens-Handysparte Ben-Q Mobile ihre Stelle verlieren. Damit reagierte Kleinfeld offenbar auf den nicht unerheblichen öffentlichen Druck.
Gehaltsverzicht im Vorstand: Gerade in den schwierigen Zeiten, die der Finanzplatz Frankfurt durchgemacht hat, war das oft ein Thema. Stand in den Banken mal wieder ein Stellenabbau an, forderten Betriebsräte und Gewerkschafter einen Beitrag der Großverdiener. Aber auch die Aktionäre auf so mancher Hauptversammlung wurden nicht müde, einen Sparbeitrag von ihren hochbezahlten Angestellten zu verlangen, wenn der Kurs an der Börse nicht die gewünschte Entwicklung genommen hatte.
Der öffentliche Druck wirkt
Die Fälle, in denen so etwas in der Praxis vorkam, scheinen bislang gleichwohl eher rar gewesen zu sein - sieht man von automatischen Mechanismen wie erfolgsabhängigen Boni oder Aktienoptionen einmal ab. Für Aufsehen sorgten vor zwei Jahren die persönlich haftenden Gesellschafter des Frankfurter Bankhauses Hauck & Aufhäuser, Jörg-Engelbrecht Cramer, Peter Gatti, Dirk Drechsler und Alfred Junker. Sie reagierten auf den etwas verhalteneren Verlauf des Geschäfts nicht mit Stellenabbau, sondern verzichteten zur Kostensenkung selbst auf zehn Prozent ihrer festen Bezüge. Junker stimmte damals der „ungehaltenen Rede“ des früheren West-LB-Chefs Ludwig Poullain zu: Er würde sich in einem Unternehmen nicht wohl fühlen, in dem Kostenreduzierung nur bedeute, Mitarbeiter zu entlassen, und die Gehälter der Führungskräfte immer weiter nach oben geschraubt würden.
In diesem Sinne unter öffentlichen Druck geraten war damals der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Auf der Hauptversammlung 2004 forderte ein Aktionärsvertreter einen Verzicht Ackermanns auf 30 bis 50 Prozent seines Gehalts, aus Solidarität mit den Arbeitnehmern - und um des Images des Unternehmens willen. Ackermann wiegelte ab. Er sagte unter anderem, er habe in Frankfurt eine halbe Million Euro für Kindergärten geben wollen. Berater hätten ihm jedoch gesagt: „Tun Sie das nicht, das führt nur zu Häme.“
Bei der Lufthansa ist der öffentliche Druck gleich zweimal so groß geworden, daß der frühere Vorstandschef Jürgen Weber sich für einen Gehaltsverzicht entschied. Vor fünf Jahren setzte der Vorstand ein Zeichen, als nach den Terroranschlägen des 11. September das Geschäft der Fluglinie drastisch zurückging. Weber und seine Vorstandsmannschaft verzichteten auf zehn Prozent ihres Grundgehalts, verhandelten allerdings gleichzeitig mit der Belegschaft über recht weitreichende Zugeständnisse.
Sparprogramme für Manager
Als Weber später in den Aufsichtsrat der Kranich-Airline wechselte, gab es noch einmal öffentliche Diskussionen über die Bezüge, diesmal dieses Gremiums. Während den meisten Mitarbeitern zu jener Zeit immer noch Sparvorgaben zugemutet wurden, sollten die Grundbezüge der Aufsichtsratsmitglieder auf 20.000 Euro verdoppelt werden. Um den Diskussionen ein Ende zu setzen, verkündete Weber, er werde das Geld für wohltätige Zwecke spenden. Bei der Dresdner Bank gab es im Juni 2002 eine Entscheidung, auch hochrangige Manager in Sparprogramme einzubeziehen. Damals wurde unter anderem beschlossen, die Fahrer für ehemalige Vorstandsmitglieder einzusparen. Zu den Betroffenen soll seinerzeit neben Heinz-Jörg Platzek und Gerhard Barth auch der heutige Präsident der Frankfurter Industrie- und Handelskammer, Joachim von Harbou, gehört haben.
„Kostenreduzierung - einmal anders“: Unter diesem Motto berichtete bei einem Forum im Atrium der Dresdner Bank in Frankfurt der Manager Volker Wagner von European Data Systems (EDS) von den Sparmaßnahmen seines Unternehmens: Der Konzern, der seinen Deutschland-Sitz in Rüdesheim hat, habe in der schwierigen Zeit weltweit ein Dutzend Privatjets und Hubschrauber für Vorstandsmitglieder abgeschafft. Außerdem seien die Dienstwagen für mittlere Führungskräfte wie Abteilungsleiter gestrichen worden. Immerhin wirbt der IT-Dienstleister damit, Unternehmen zu helfen, ihre Kosten in den Griff zu bekommen - indem er etwa Teile ihrer EDV übernimmt.
Weltweit für Schlagzeilen gesorgt hatte im vorigen Jahr der Chef des amerikanischen Automobilkonzerns und Urenkel des Firmengründern, Bill Ford. Der Siebenundvierzigjährige hatte verkündet, er werde fortan auf jegliches Gehalt verzichten, bis das Unternehmen wieder in den schwarzen Zahlen sei. Dabei soll es sich um rund 1,5 Millionen Dollar Bargehalt sowie rund 22 Millionen Dollar in Aktien gehandelt haben. Doch auch dieser Schritt hatte offenbar nicht den gewünschten Erfolg: Im September dieses Jahres ist Ford vom Amt des Vorstandschefs zurückgetreten.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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