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Drogerien Schlecker will wie DM und Rossmann sein

24.09.2009 ·  Der Drogeriemarktführer Schlecker versucht den Imagewechsel. Kleine enge Filialen weichen großen und schönen. Am schlechten Ruf als unfairer Arbeitgeber hat sich aber noch nichts geändert.

Von Jochen Remmert
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Anton Schleckers alte Strategie funktioniert nicht mehr. Zwar gilt das Drogerie-Imperium des schwäbischen Metzgermeisters, was den Umsatz und die Zahl der Filialen betrifft, nach wie vor als die Nummer eins der Branche in Deutschland, vor DM und Rossmann. Doch Schleckers Ehrgeiz, an fast jeder Straßenecke vertreten zu sein, hat ihm zwar den Spitzenplatz eingebracht, aber auch ein enormes Kostenproblem.

Das versucht der Marktführer nun seit einem Jahr mit der Schlecker-XL-Idee zu ändern. Darunter sind Filialen mit einer für Schlecker bislang untypisch großen Fläche von 400 Quadratmetern und mehr zu verstehen. In Hattersheim ist gerade eine solche Filiale des neuen Typs eröffnet worden, in Niedernhausen tritt ein solcher Markt an die Stelle einer Filiale des insolventen Billigkaufhauses Woolworth.

Strategiewechsel

Kosten sparen die Schwaben allerdings nur dann, wenn sie parallel zur Neueröffnung auch kleine, unrentable Märkte schließen. Ein Unternehmenssprecher wollte auf Nachfrage allerdings nicht bestätigen, dass die XL-Märkte systematisch solche Filialen ersetzen sollen. Es könne sein, dass sich das im Einzelfall ergebe, grundsätzlich agiere aber die Schlecker XL GmbH unabhängig vom Haupthaus.

Gleichwohl bezweifelt niemand in der Branche, dass Schlecker an einem Strategiewechsel arbeitet. Dessen ist sich auch Verdi-Gewerkschaftssekretär Horst Gobrecht aus Darmstadt sicher. Als Gewerkschafter interessiert ihn allerdings noch mehr als der Wechsel von kleinen zu größeren Filialen, dass Schlecker dabei offenbar versucht, auch die Personalkosten drastisch zu senken – durch Stellenabbau, Stundenreduzierung der Beschäftigten und dadurch, dass neue Mitarbeiter für die XL-Märkte nicht mehr nach dem Einzelhandelstarifvertrag bezahlt werden. So sei Schlecker auch in Hochheim verfahren, wo einer von vier Schlecker-Märkten zum XL-Laden umgewidmet worden sei.

Wirkt billig, ist es aber nicht

Achim Neumann, Einzelhandelsexperte der Verdi-Bundeszentrale, berichtet davon, dass Schlecker inzwischen für die neuen Märkte eigens eine Zeitarbeitsfirma in Zwickau gegründet habe. Dort gelte dann ein mit einer Christlichen Gewerkschaft geschlossener Tarifvertrag für Leiharbeiter, der deutlich niedrigere Löhne festlege als der Einzelhandelstarifvertrag, nach dem Schlecker in seinen bisherigen Filialen zahle. Eine Verkäuferin mit voller Stelle verdient Verdi zufolge so nur rund 1600 statt 2100 Euro brutto. Der Schlecker-Sprecher widerspricht dem Vorwurf des Lohndumping. „Die Arbeitsbedingungen bei der Schlecker XL GmbH bewegen sich vollkommen im Rahmen des allgemein Üblichen und entsprechen darüber hinaus in jedem Fall den geltenden Bestimmungen.“

Die XL-Filialen sollen nicht einfach nur ein größeres Sortiment bieten, sondern das Unternehmen auch vom schlechten Image der kleinen, engen und bis unter die Decke mit Ware vollgepfropften Stützpunkte befreien, die billig wirken, es aber tatsächlich im Vergleich zur Konkurrenz oft nicht sind, wie Marktforscher sagen.

Im Vergleich schwächer

Und Schlecker hat allen Grund, die erfolgreichen Ladenkonzepte der Konkurrenz zu kopieren. DM hat 2008 in Deutschland einen Umsatz von 3,36 Milliarden Euro erzielt, was einem Plus von 11,4 Prozent entspricht. Die Nummer drei der Drogerieketten, Rossmann, hat den nationalen Umsatz im vergangenen Jahr um 6,2 Prozent auf 2,9 Milliarden erhöhen können. Schlecker hat 2008 einen Umsatz von 5,12 Milliarden erwirtschaftet – nach Schätzungen der Frankfurter Marktforscher von Trade Dimensions ein Minus von gut fünf Prozent.

Dabei ist noch etwas von besonderer Bedeutung: DM hat das gute Ergebnis mit rund 1000 Filialen geschafft, Rossmann mit 1500. Schlecker dagegen hat rund 10.000 und damit zehn Mal so viele Filialen wie DM bewirtschaften müssen, um auf die etwas mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz zu kommen. Das bedeutet, der Aufwand für Mietzins, Logistik und Personal ist sehr viel höher, selbst wenn man berücksichtigt, dass Schlecker praktisch nie sehr gute Lagen belegt.

„Schlecker versucht sich gesundzuschrumpfen“

Der Marktführer hat bislang sogar in Kauf genommen, dass ein guter Teil der Dependancen, die mit durchschnittlich 200 Quadratmetern nicht einmal halb so groß sind wie die von DM, kein Geld einbringen, sondern welches kosten. Rentable Standorte müssen unrentable mittragen, wie Herbert Kuhn, Handelsexperte von Trade Dimensions, sagt. Das will Schlecker mit der XL-Strategie beenden oder zumindest eindämmen. Hunderte kleiner Filialen sind schon geschlossen.

Kuhn geht davon aus, dass es inzwischen nur mehr etwa 9500 Filialen gibt. Er bezweifelt seit Jahren, dass Schleckers Rechnung, durch schiere Größe mit immer mehr Dependancen die Konkurrenten aus dem Feld schlagen zu können, aufgeht. Jetzt sieht sich der Experte bestätigt: „Schlecker versucht sich gesundzuschrumpfen“, sagt er.

„Es ist zumindest schwer vorstellbar, dass das noch klappt“

Von Armut bedroht sind der milliardenschwere Konzernchef und Sportwagensammler Anton Schlecker und seine Gattin Christa deshalb nicht. Aber es muss sich zeigen, was mittelfristig von Schleckers enormen Markt- und Einkaufsmacht übrig bleibt, wenn das Unternehmen nicht mehr den Umsatz vor allem dadurch steigert, dass es immer neue Filialen eröffnet. Denn der neue Kurs birgt erhebliche Risiken: „Wenn Schlecker zu viele kleine Filialen schließt, drückt das den Umsatz und die Macht im Einkauf. Schließt er zu wenig, hat er nach wie vor ein Kostenstrukturproblem“, sagt Thomas Roeb, Professor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Dozent für Handelsbetriebslehre.

Seiner Ansicht nach hat Schlecker den Strategiewechsel sehr spät begonnen. „Es ist zumindest schwer vorstellbar, dass das noch klappt“, sagt er. Tatsächlich spricht nicht viel dafür, dass Schlecker alle unrentablen Märkte alsbald loswerden und mit den neuen XL-Märkten die entstehende Umsatzlücke schließen kann. Zwar hat man die Losung ausgegeben, dass es Ende nächsten Jahres 1000 der neuen Märkte in Deutschland geben soll. Im Moment gibt es aber erst etwa 100 davon, darunter umgebaute eigene alte Filialen und Standorte der 2008 zugekauften Kette „Ihr Platz“. Auch mit den 71 Ladenlokalen der insolventen Woolworth-Kette, die sich Schlecker gesichert hat, wird sich das ehrgeizige Ziel kaum erreichen lassen.

Ungern als Mieter

Und selbst wenn es doch gelingen sollte, wird es das Unternehmen kaum allein mit größeren schickeren Läden schaffen, die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Denn die hat nicht nur, was die Qualitätsanmutung betrifft, ein sehr viel besseres Image bei den Kunden als Schlecker, sondern inzwischen auch, was das Preis-Leistungs-Verhältnis angeht. Das bestätigen die Marktforscher der Kölner Yougov Psychonomics AG und beziehen sich dabei auf ihren Markenmonitor Brandindex. 1000 Personen werden dabei täglich zu Marken befragt. Ihren Angaben zufolge gibt es nur wenige Marken, die einen noch schlechteren Ruf bei Kunden haben als Schlecker. Woolworth ist eine davon.

Die Akzeptanz beim Kunden wird zunehmend auch durch das Image des jeweiligen Hauses als Arbeitgeber beeinflusst. Und da schneidet Schlecker nach wie vor sehr schlecht ab, wie es bei Psychonomics weiter heißt. Der Ärger um die XL-Märkte trägt wohl kaum dazu bei, das zu ändern.

Ganz anders bei DM. Das Image der Kette ist nicht nur deshalb besser, weil das Sortiment bis zu Premium- und Bioprodukten reicht, sondern eben auch, weil die Karlsruher als faire, verantwortungsvolle Arbeitgeber gelten. Eine Folge davon ist, dass Fachmarktzentren DM oder Rossmann als Mieter lieber nehmen als Schlecker. Der sei ein Frequenznutzer, aber gewiss kein Frequenzbringer, resümiert Handelsexperte Roeb.

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Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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