18.03.2005 · Sie geht auf eine Idee zurück, die der SPD-Politiker Leber in den sechsziger Jahren ausbrütete. Sie begann als kleine Klitsche im Frankfurter Bahnhofsviertel. Mittlerweile ist die ING-Diba die größte deutsche Direktbank. 4.000 Konten eröffnet sie täglich.
Es klingt fast etwas nach Spott. "Die Sparkassen und Volksbanken denken über eigene Direktbanken nach", sagt Ben Tellings. "Wir empfinden das nicht als Kampfansage. Sondern als Kompliment." Wie gut ein Geschäftsmodell sei, zeige sich spätestens dann, wenn Wettbewerber es kopieren wollten, meint der Vorstandsvorsitzende der ING-Diba.
Die Frankfurter Direktbank hat einen beispiellosen Erfolgsweg hinter sich. Gegründet 1965 als kleine Klitsche am Frankfurter Hauptbahnhof auf Anregung des SPD-Politikers und Gewerkschaftsfunktionärs Georg Leber, wuchs sie unter dem unkonventionellen Bankchef Bernhard Hafner zur größten Direktbank Deutschlands. Vor zwei Jahren wurde sie von der niederländischen Finanzgruppe ING übernommen, der Nummer 13 unter den Banken weltweit.
Der Aufstieg ging weiter. Als sich die Situation vieler Geldinstitute krisenhaft zuspitzte, baute die Diba kräftig aus und arbeitete profitabel. Und stellte ein, bis selbst das neue Gebäude an der Frankfurter Messe wieder zu klein wurde. 2088 Mitarbeiter waren zum Ende des abgelaufenen Geschäftsjahres bei der ING-Diba tätig. Im Jahr 2000 waren es 584 gewesen. Der Personalbestand stieg um fast 260 Prozent, während die Großbanken Tausende von Arbeitsplätzen abbauten. In diesem Jahr will das Unternehmen wieder 70 bis 100 Mitarbeiter einstellen.
Was ist das Geheimnis der Diba? Seit Hafners Zeit lockt sie mit hohen Zinsen auf Tagesgeldkonten. Mit drei Prozent hatte man 1999 angefangen. 2001 gab es einmal kurze Zeit 4,5 Prozent, dann 3,5 Prozent, 3,0 Prozent. Seit Juli 2003 liegt der Zinssatz bei 2,5 Prozent - ein vergleichsweise hoher und stabiler Wert, wie eine Untersuchung der FMH-Finanzberatung in Frankfurt bestätigte, die verschiedene Tagesgeldkonto-Anbieter miteinander vergleicht. Die Diba sei nicht ständig auf dem Spitzenplatz - aber anders als so mancher Lockvogelanbieter verändere sie den Zinssatz nicht laufend.
Das sprach sich rum, unterstützt von Fernsehwerbung. Allein im vergangenen Jahr kletterte die Zahl der Tagesgeldkonten bei der Diba um 823000 auf 3,4 Millionen. Für dieses Jahr rechnet die Bank mit 500000 neuen Kunden. Allein im Januar und Februar dieses Jahres gab es keinen Arbeitstag, an dem die Diba nicht mindestens 4000 neue Konten eröffnete - ein Phänomen. Das Geld auf diesen Konten stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr um 33 Prozent auf 42,2 Milliarden Euro. Damit lag sie nach Unternehmensangaben bei den Spareinlagen privater Kunden auf Platz eins in Deutschland. Bei der Zahl der Kunden sieht man sich auf Platz vier in Deutschland nach der Postbank, der Deutschen Bank und der Dresdner Bank, noch vor der Commerzbank.
Was macht die Diba mit dem vielen Geld? "Uns gehört halb Portugal", pflegte der frühere Vorstand Bernhard Hafner gern zu sagen. Einen Großteil der Einlagen legt die Diba einfach wieder am Kapitalmarkt an - zum Beispiel in portugiesischen Staatsanleihen. Aktuell sind von den 46 Milliarden Euro, die Tagesgeldkonten, Girokonten und sonstige Einlagen ins Haus brachten, laut Diba 79,8 Prozent am Kapitalmarkt angelegt. Der Rest ist zu rund 80 Prozent als Baudarlehen an Kunden ausgegeben, zu 20 Prozent als Konsumentenkredite. Bislang kann die Diba von diesem Modell offenbar gut leben, weil ihre Kosten als Direktbank vergleichsweise niedrig sind. Sie betreibt keine teuren Filialen, nur die Zentrale in Frankfurt, ein Callcenter in Hannover und ein Wertpapierzentrum in Nürnberg, das man vom Onlinebroker Entrium übernommen hatte. Der Jahresüberschuß vor Steuern lag im vergangenen Jahr bei 55,7 Millionen Euro, 66 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zu börsennotierten Banken ist das eine bescheidene Rendite, aber der Muttergesellschaft in den Niederlanden scheint das zu reichen. Ihr geht es offenbar zunächst vor allem um den Gewinn von Marktanteilen in Deutschland. Und da erledigt die Diba ihr Geschäft gut. Neben dem Tagesgeld baut sie das Geschäft mit Baugeld aus, sieht sich da auch schon in einer Klasse mit BHW und Postbank/DSL. Jetzt will man verstärkt auch Fonds vertreiben. Zehn Typen, darunter Klassiker wie den Adig Fondak, bietet sie ohne Ausgabeaufschlag und Depotgebühren an.
Eine Angst dürfte die Diba haben, sagt man am Finanzplatz: Was ist, wenn die Zinsen steigen? Nicht nur, daß die Bank dann auf ihre Wertpapiere vermutlich Abschreibungen vornehmen müßte. Sie könnte auch Schwierigkeiten bekommen, noch Kunden für ihr Tagesgeldkonto zu finden, wenn die Zinsen etwa für Spareinlagen bei Konkurrenzinstituten dann auch wieder höher wären. In der Diba-Zentrale an der Frankfurter Messe gibt man sich zu dieser Frage gelassen. Die unmittelbaren Risiken durch eine Zinsänderung habe man durch "Hedging", Optionen zum Kaufen und Verkaufen von Papieren, abgesichert. "Wir rechnen wöchentlich 40 Zinsänderungs-Szenarien durch und sichern uns praktisch für jeden Fall ab", sagt Diba-Finanzvorstand Hermann Zeilinger, Jahrgang 1953, ein Rechnungswesen-Spezialist aus dem Verbraucherbanksektor.
Die Kunden bei der Diba pflegten anfangs gelegentlich zu murren, daß man telefonisch nicht immer durchkomme. Das soll sich deutlich gebessert haben. Bleibt die Frage mit den Geldautomaten. Während die Diba anfangs allen ihren Kunden eine Visacard mit unentgeltlichem Zugang zu sämtlichen fremden Geldautomaten zur Verfügung stellte, ließ sich diese Kostenfreiheit auf Dauer nicht durchhalten. Statt dessen kaufte die Diba 800 Geldautomaten vor allem an Aral-Tankstellen von der Bank Girotel. Dort können die Diba-Kunden nun unentgeltlich Bargeld abheben, alle anderen müssen zahlen, und zwar kräftig. Zwischenzeitlich konnte man auch in vielen Kaufhof-Filialen Automaten der Diba benutzen. Diese Kooperation wurde allerdings nun aufgekündigt.
Die ING-Diba denkt darüber nach, Mitglied in einem der großen Geldautomaten-Verbünde zu werden. Das müsse man allerdings, was die Kosten für die Bank betreffe, "sehr genau durchrechnen", sagt Tellings. Schließlich will die Diba ihre günstige Kostenstruktur behalten. Als man den Online-Broker Entrium übernommen hatte, verkaufte man die Filialen auch wieder, an die Postbank. Schließlich wollte die Direktbank die ihrer Idee entstammende Schlankheit behalten. christian siedenbiedel