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Diät-Produkte Unwissenheit gefährlicher als Zucker

16.09.2010 ·  Diät-Produkte sind in Verruf geraten. Bringen sie doch mehr Schaden als Nutzen, wie Ärzte sagen. Aufschriften wie „Für Diabetiker geeignet“ müssen nun innerhalb von zwei Jahren von den Verpackungen verschwinden.

Von Mona Jaeger
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Einfach in den Supermarkt gehen, zu dem greifen, auf das man Appetit hat und nach Lust und Laune kochen: Für Diabetiker ist das ein unerfüllbarer Wunsch. Deswegen kaufen sie oft Kekspackungen und Sektflaschen mit der Aufschrift „Für Diabetiker geeignet“ oder „Diätisches Lebensmittel“. Zahlreiche Wissenschaftler und Ärzte einig sich derweil darüber einig, dass diese speziellen Lebensmittel unter Umständen mehr schaden als nutzen. Nun hat der Ausschuss des Bundesrats für Agrarpolitik und Verbraucherschutz einstimmig eine Reform der Diätverordnung beschlossen, wonach solche Aufschriften in Zukunft nicht mehr erlaubt sind, weil sie irreführend sind.

Der Industrie wird eine Übergangsfrist von zwei Jahren zur Umstellung ihrer Produktpräsentation gewährt. Doch eine richtige Hilfe ist das für die Diabetiker nicht. Denn nur die Kennzeichnung wird verboten, nicht die Lebensmittel an sich. Mit anderer Verpackung dürfen sie auch künftig in den Regalen von Supermärkten und Reformhäusern angeboten werden.

„Verordnung vollkommen veraltet“

Dennoch heißt Erhard Siegel die Entscheidung des Bundesrats gut. Er steht der Landesgruppe Hessen der Deutschen Diabetes Gesellschaft vor, die schon lange die Abschaffung von Diabetikerlebensmitteln fordert: „Die Verordnung, die jetzt gekippt wurde, ist aus den sechziger Jahren und vollkommen veraltet.“ Früher ging man davon aus, das Diabetes eine reine Zuckerkrankheit ist, Patienten also nur auf industriell hergestellten Zucker verzichten bräuchten, um den Blutzuckerspiegel im Griff zu haben.

Genau darauf basieren die Diabetikerprodukte: statt Saccharose, dem üblichen Zucker, enthalten sie Ersatzstoffe wie Fruktose, Mannit oder Isomalt. Diese süßen nicht so stark und verleiten daher dazu, mehr von ihnen zu essen. Zudem enthalten die Produkte oft mehr Kalorien und Fett, als die Produkte aus dem Nicht-Diabetiker-Regal. Seit den neunziger Jahren ist bekannt, dass Fett für Diabetiker ebenso gefährlich ist wie Zucker. Die meisten Diabetiker, etwa siebeneinhalb der acht Millionen Patienten, haben Typ-2-Diabetes, der meistens wegen Übergewicht und Bewegungsmangel auftritt. Sie haben nicht nur einen gestörten Zuckerhaushalt, auch der Fettstoffwechsel ist beeinträchtigt. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Siegel. „Die Produkte sind mehr Problem als Hilfe.“

„Minus Z“-Produkte in Planung

Mit ihnen lässt sich aber viel Geld verdienen. Norbert Pahne, Geschäftsführer des Bundesverbands der Hersteller von Lebensmitteln für eine besondere Ernährung, beziffert den Jahresumsatz mit den etwa 2000 Diätlebensmitteln hierzulande fauf 500 Millionen Euro. Wobei etwa 380 Millionen Euro auf zuckerfreie Getränke entfielen, zu denen auch Nicht-Diabetiker greifen. Den geringeren Zuckeranteil lassen sich die Hersteller gut bezahlen: Diabetikerschokolade kostet bis zu 50 Prozent mehr als das normale Produkt.

Für Pahne kam die Entscheidung des Bundesratsausschusses, der das Plenum Ende September vermutlich folgen wird, nicht überraschend, da es eine Diskussion in diese Richtung schon lange gegeben habe. Auf die Unternehmen kämen keine besonders großen Veränderungen zu: „Ich gehe davon aus, dass die meisten Produkte auch weiterhin angeboten werden. Die Hersteller werden eben die Verpackungen ändern und vereinzelt die Rezepturen.“ Die Hersteller werden sich vermutlich etwas einfallen lassen, um an diesem lukrativen Markt auch weiterhin gut verdienen zu können. Pahne erzählt von einem Hersteller, der „Minus Z“-Produkte plane, in Anlehnung an „Minus L“-Produkte für Kunden mit Laktoseintoleranz.

Diabetikerprodukte „kein Allheilmittel“

Pahne befürchtet, dass nun der Eindruck entstehe, Diabetiker könnten alles essen und bräuchten nicht auf ihre Ernährung achten. Er warnt: „Das ist überhaupt nicht so. Die Diabetikerlebensmittel sind ja nicht grundsätzlich schlecht. Nur sind sie eben kein Allheilmittel.“

Manche Patienten griffen zu diesen Produkten, als seien sie Medikamente, sagt Siegel von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Nach einer Untersuchung des Verbands greift jeder zweite Diabetiker regelmäßig zu diesen Produkten. Das werde auch in Zukunft so bleiben, glaubt er. „Jetzt kommt zwar das Verbot, aber die Realität ist eine andere.“ Den schwarzen Peter will er nicht nur der Industrie zuschieben. Viele Patienten seien schlecht informiert, wüssten nicht genau, was sie essen dürften und was nicht und hätten Ärzte, die das Thema auch nicht überblickten. „Wenn der Diabetiker dann zu einem Diätprodukt greift, meint er etwas Gutes für sich zu tun.“ Unwissenheit, nicht Zucker sei daher die größte Gefahr für den Blutzuckerspiegel. Eine wirkliche Hilfe wären umfangreiche Nährwerttabellen, die neben Brennwert, Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett auch Angaben zu den Arten von Zuckern und Fetten und zudem den Salzgehalt machen würden.

„Auch ein Stück Kuchen ist in Ordnung“

Um diese dann richtig anwenden zu können, werden von fast allen, seien es Ärzteverband, Patientenvereinigungen oder von Herstellern, Patientenschulungen gefordert. Am Ende einer solchen Schulung stehe für viele Diabetiker die Erkenntnis, dass sie fast alle herkömmlichen Lebensmittel essen könnten, sagt ein Frankfurter Diabetologe. „Auch ein Stück Kuchen ist in Ordnung.“ Der Diabetiker müsse nur darauf achten, dass sein Zuckerspiegel relativ konstant bleibe.

Softdrinks sind allerdings auch weiterhin tabu, weil ihr Zucker besonders schnell in den Blutkreislauf gelangt. Mit mehr Aufklärung und ohne Diabetikerprodukten könnten auch Familienfeiern in Zukunft schöner werden, sagt Siegel. Denn ein Diabetikerkuchen schmecke nicht nur scheußlich. „Er sieht auch ganz furchtbar aus.“

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