Home
http://www.faz.net/-gzj-si80
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsche Bank Breuers Niedergang

03.04.2006 ·  Eine Ära lang hat Rolf Breuer das Geschehen am Finanzplatz Frankfurt maßgeblich mitbestimmt. Bei aller Internationalisierung hielt er stets noch Tuchfühlung mit der Stadt.

Von Christian Siedenbiedel
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Es ist ein seltsames Zusammentreffen. Rolf Breuer, der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, erklärt seinen Abschied von seinem letzten großen Amt, und Werner Seifert, der geschaßte Vorstandschef der Deutschen Börse, stellt seine Memoiren vor, in denen er mit den als „Heuschrecken“ titulierten Hedge-Fonds abrechnet.

Zwei Männer, die mitten im Zentrum des Finanzplatzes Frankfurt standen und mit ihrer Internationalisierungsstrategie in ihren jeweiligen Unternehmen zu dem beigetragen haben, was der Historiker Paul Nolte in seinem jüngsten Buch den „neuen Kapitalismus“ nennt: Deutsche Börse und Deutsche Bank sind heute deutlich leistungsorientierter, internationaler und in einem gewissen Sinne marktwirtschaftlicher organisiert als vor dem Antritt der beiden. Sie haben sich, erfolgreicher als viele der Konkurrenten, einer Welt angepaßt, die sich immer schneller zu drehen scheint.

Der Finanzplatz Frankfurt erfährt mit dem Abschied zunächst Seiferts und jetzt Breuers eine deutliche Zäsur. Seiferts Nachfolger Reto Francioni hat dessen Lebensaufgabe, den symbolträchtigen Griff nach der Londoner Börse, zugunsten einer pragmatischen Hinwendung nach Frankreich zur Fünfländerbörse Euronext aufgegeben.

Kein neuer „Mister Finanzplatz“ in Sicht

Für Breuer gibt es zwar einen Nachfolger als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutsche Bank: Clemens Börsig, der bisherige Finanzvorstand, gilt als Zahlenmensch und sorgfältiger Kontrolleur, der künftig allerdings vor der schwierigen Aufgabe stehen wird, seinen bisherigen Chef Josef Ackermann zu beaufsichtigen.

Für Breuer als „Mister Finanzplatz“ jedoch ist kein Nachfolger in Sicht. Der Mannheimer Betriebswirt Börsig ist bisher in der Öffentlichkeit wenig in Erscheinung getreten. Ackermann hat seine Charme-Offensive für Frankfurt aus dem vorigen Jahr wieder abgebrochen - vielleicht, weil er befürchtete, ohnehin zu stark zu polarisieren. Seit die Dresdner Bank zur Allianz in München gehört, kann ihr Chef den „Mister“-Titel kaum mehr beanspruchen:

Schon der Versuch der Gründung einer Finanzplatzinitiative durch den früheren Vorstandsvorsitzenden Bernd Fahrholz stieß bei den Mitbewerbern aus solchen Gründen auf sehr grundsätzliches Mißtrauen. Bliebe höchstens Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller - der sich ja nicht nur als Namensgeber für das neue Fußballstadion in Frankfurt zunehmend engagiert.

Abschied von der Macht

Der Zeitpunkt für Breuers Abtritt kam für viele überraschend. Nach der Teilniederlage im Kirch-Prozeß habe Breuer vor allem ein Debakel auf der Hauptversammlung am 3. Mai vermeiden wollen, wird kolportiert. Es habe schon Anzeichen für eine Nichtentlastung gegeben. Außerdem werde so ein Vergleich erleichtert, hieß es. Der frühere Medienunternehmer Leo Kirch hatte die Deutsche Bank und ihre Organe im In- und Ausland mit Prozessen überzogen, nachdem Breuer mit Äußerungen zu Kirchs Kreditwürdigkeit nach dessen Auffassung den Zusammenbruch des Medienkonzerns befördert hatte.

Wie bei seinem Vorgänger Hilmar Kopper, dem die Äußerungen von den „Peanuts“ ewig anhängen dürften, war auch Breuers Rückzug ein schrittweiser Abschied von der Macht. 2002 überließ er seinem Nachfolger Ackermann den Posten als Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Schon nach der gescheiterten Fusion zwischen Deutscher und Dresdner Bank und im Zusammenhang mit Schadensersatzforderungen nach der Holzmann-Pleite war der selbstbewußte Rheinländer erheblich unter Druck geraten - hatte die Situation aber stets zu seinen Gunsten entscheiden können.

Frankfurt hätte Breuer am liebsten einen ganzen Stadtteil hinterlassen und war deshalb manchmal ein wenig betrübt, wenn er aus dem Fenster seines Büros in den Zwillingstürmen schaute: Seine Pläne für ein futuristisches Messeviertel auf dem früheren Güterbahnhofsgelände scheiterten an Bedenken der Frankfurter Kommunalpolitik, in der man die stadtplanerische Hegemonie eines einzelnen Geldinstituts befürchtete.

Strategie der internationalen Öffnung

Als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank zog der heute Neunundsechzigjährige weiter die Fäden. In Frankfurt engagierte er sich in zahlreichen Beiräten und kulturellen Fördervereinen, wofür er unter anderem von Roland Koch (CDU) mit dem Hessischen Verdienstorden ausgezeichnet wurde. Er stapfte auch mal mit Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) zu Fuß durch die Stadt, wenn es für eine aus seiner Sicht gute Sache zu werben galt. Selbst in der Politik mischte Breuer mit: viele Jahre als Fraktionsvorsitzender der CDU in Karben - ohne allerdings je aus der Opposition herausgekommen zu sein.

Bei der Deutschen Börse war Breuer bis zum vorigen Jahr Aufsichtsratsvorsitzender. Wie Vorstandschef Seifert mußte er den Posten auf Druck der Hedge-Fonds abgeben, weil diese mit der Strategie nicht einverstanden waren. Anders als Seifert ging Breuer jedoch nie so weit, aus dem persönlichen Nachteil durch das Engagement der Hedge-Fonds eine allgemeine Kritik an solchen Finanzinvestoren zu formulieren - oder gar eine stärkere Regulierung derselben zu verlangen. „Im Gegenteil“, hat Breuer einmal gesagt, die Erfahrungen mit der Deutschen Börse ließen ihn eher noch stärker als früher grundsätzlich an die Richtigkeit der Strategie einer internationalen Öffnung glauben.

Nachfolger Clemens Börsig

Viel spekuliert worden ist über das Verhältnis zwischen Breuer und Ackermann. Wie man hört, wird in der Bank eher nicht geglaubt, daß Breuers Ausstieg auch das Ergebnis eines Machtkampfes zwischen ihm und Ackermann sei. Als Ende vorigen Jahres die Wiederaufnahme des Mannesmann-Prozesses bekannt wurde, zitierte eine Zeitung Breuer mit den Worten, er habe für die Suche nach einem Nachfolger für Ackermann bereits die „Denkkappe“ auf.

Es hieß, es werde ein interner Kandidat favorisiert. Am nächsten Tag war dann bei der Deutschen Bank von „bösen Verdrehungen“ die Rede, man wies alles weit von sich. Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Pikante Pointe dieser Episode um die mögliche oder unmögliche Nachfolgersuche: Ebenjener Clemens Börsig, von dem es im vorigen Jahr aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen geheißen hatte, Breuer könnte ihn möglicherweise zumindest für eine Übergangszeit als Ackermanns Nachfolger installieren, wird jetzt der Nachfolger Breuers.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr