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Demographischer Wandel Der Ansturm der Alten

18.01.2007 ·  Konsumforscher sind sich einig, dass Unternehmen den demographischen Wandel vernachlässigt haben. Und doch gibt es in Frankfurt nur wenige Unternehmen, die ihre Produkte auf den Ansturm der Alten ausrichten.

Von Antonius Kempmann
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Eine prächtige Treppe führt vom Foyer in den ersten Stock zu den Aufenthaltsräumen und dem Billardzimmer. Die wenigsten Bewohner des Hauses werden sie wohl noch erklimmen. „Der durchschnittliche Bewohner zieht mit 83 Jahren bei uns ein“, sagt Jochen Jung, Direktor des „Sunrise-Seniorendomizils“ an der Eschersheimer Landstraße in Frankfurt. Sein Haus richtet sich an eine wohlhabende Klientel. 3500 bis 4300 Euro exklusive Pflege muss man monatlich für ein Appartement bezahlen. Der Luxus erreicht die Altenpflege.

Im jüngst eröffneten „Sunrise“ kümmern sich 39 Angestellte um 16 Bewohner. 80 Appartements stehen noch zur Verfügung. 450 solcher Domizile betreibt „Sunrise“ weltweit, drei weitere sind allein im Frankfurter Umland im Bau. Finanzstarke Senioren gelangen aufgrund stagnierender Löhne bei den jüngeren Deutschen und geburtenschwacher Jahrgänge in den Fokus der Unternehmen.

„Mit 65 Jahren ist man heute noch fit“

Statistisch gesehen hat jeder über 60 Jahre alter Deutsche 20.000 Euro im Jahr zur freien Verfügung, die heftig umworbenen Jugendlichen bis 20 Jahre müssen sich mit 3300 Euro begnügen. Studien der Gesellschaft für Konsumforschung belegen, dass die Leute, die älter als 60 Jahre sind, in Deutschland mit 400 Milliarden Euro jährlich über rund ein Drittel der Kaufkraft verfügen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung fand weiter heraus, dass die Konsumenten der Altersgruppe zwischen 65 und 75 Jahren auch die niedrigste Sparquote haben. Und doch gibt es in Frankfurt nur wenige Unternehmen, die ihre Produkte auf den Ansturm der Alten ausrichten.

„Ich habe Mitte der neunziger Jahre bemerkt, dass es anders als in Amerika bei uns kein akzeptables Internetportal für Senioren gibt“, sagt Alexander Wild, Gründer von „Feierabend.de“. Nicht zuletzt für seine Mutter, die im Alter Interesse am Internet entwickelt habe, schuf der Webdesigner die Internetplattform. Die Seite soll Ratgeber, Unterhalter und Forum in einem sein. Sie finanziert sich durch Werbung. „Ich habe jedoch zugunsten der Senioren auf grelle Animationen verzichtet“, sagt Wild. Bei Banken sei er zunächst mit seiner Geschäftsidee abgeblitzt. Heute ist „Feierabend“ nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Portal für Senioren mit zehn festen Angestellten. Die Anzahl der User der Seite steige täglich. Mehr als 100.000 Senioren klickten vier bis fünf Millionen Mal pro Woche „Feierabend.de“ an. „Mit 65 Jahren ist man heute noch fit, hat viel Zeit und oftmals auch Lust, es sich nach einem Arbeitsleben gutgehen zu lassen“, sagt Wild.

„Senioren wollen ihr Geld nicht verprassen“

Konsumforscher sind sich einig, dass Unternehmen den demographischen Wandel vernachlässigt haben. Erst seit wenigen Jahren sei ein Umdenken zu beobachten. „Ich schaue dem demographischen Wandel mittlerweile gelassen entgegen“, sagt Martina Weiß von der Modelagentur „5und50“. Ihre Models sind nicht mehr die jüngsten – und bei der Werbeindustrie begehrt. Vor allem Banken, Versicherungen und Pharmaunternehmen buchten die Senioren. „Das Interesse an älteren Menschen in der Werbung steigt stetig, die Zielgruppe 50 plus will ernstgenommen werden“, sagt Weiß. Vor drei Jahren gründete sie die erste Agentur für „reife“ Models in Frankfurt. Heute ist ihr ältestes Model ein 93 Jahre alter Mann.

Zu Bernd Heyland kommen Senioren erst ins Geschäft, wenn ihnen das Alter im Alltag zur Last wird. Der Inhaber der „Senio“-Filiale an der Berger Straße führt in seinem Laden alles, was einen die Beeinträchtigung der Körperfunktionen vergessen lässt. Seit 1998 verkauft er Großtastentelefone, überdimensionierte Spielwürfel, deren Augenzahl auch mit schwachem Augenlicht noch abzulesen ist, Uhren, die Uhrzeit und Datum laut ansagen, und Zangen, die das Öffnen von Gläsern und Flaschen erleichtern. Sein besonderer Stolz ist ein Mobiltelefon, das mit wenigen Funktionen, aber großer Übersichtlichkeit aufwartet. „Seniorenprodukte sind die besseren Produkte“, ist sich Heyland sicher, „sie sind logisch, konsequent und einfach.“ Die Nachfrage nach Heylands kleinen Lebenshilfen steige stetig.

Obwohl sie sich über mangelnden Umsatz nicht beschweren, wollen die Frankfurter Unternehmer in die Gesänge über die neue Kauflust der Senioren noch nicht einstimmen. „Ich sehe nicht, dass die Senioren ihr Geld bis zum Lebensende verprassen wollen“, sagt Jochen Jung von „Sunrise“. Auch Bernd Heyland sieht täglich in seinem Geschäft, dass ältere Menschen sich dringend benötigte Lebenshilfen nicht leisten. Zukunftsängste hat jedoch niemand. Ein Blick auf die hessische Bevölkerungsstatistik zeigt: Die stärksten Jahrgänge sind jetzt zwischen 40 und 50 Jahre alt. Der große Ansturm der Zielgruppe „60 plus“ steht erst noch ins Haus.

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