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Demografieberater : Damit die Belegschaft nicht vergreist

Im Einsatz gegen die „Welle der Veralterung”: Demografieberater Clemens Volkwein Bild: Marcus Kaufhold

In der 91.000 Mitarbeiter zählenden hessischen Chemieindustrie rollt die „Welle der Veralterung“. Damit die Unternehmen rechtzeitig gegensteuern können, hat der Arbeitgeberverband einen Demografieberater eingestellt, der den Altersaufbau der Belegschaften analysiert.

          In der Chemieindustrie hat seit Wochen vor allem die Kurzarbeit Konjunktur, da bildet Hessen mit dem Rhein-Main-Gebiet als Herz der Branche keine Ausnahme. Betriebe suchen Arbeit – und keine Mitarbeiter. Vielmehr stehen beim Frankfurter Farbenhersteller Dystar und dem Kunststoffproduzenten Ticona in Kelsterbach sogar Stellen auf der Kippe. Gleichwohl beschäftigen sich Unternehmen schon heute mit ihrer Belegschaft von übermorgen. Sie müssen es schlicht nach dem 2008 ausgehandelten Tarifvertrag „Lebensarbeit und Demografie“, der bisher seinesgleichen sucht. Vor allem ist eine sogenannte Demografie-analyse gefragt, die bis Ende des Jahres vorliegen muss.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was das im Einzelnen bedeutet, bringt Clemens Volkwein einem Unternehmen näher. Der Sozialwissenschaftler zeichnet als Demografieberater des Arbeitgeberverbands Hessen-Chemie mit Sitz in Wiesbaden und sieht den Tarifvertrag als „Augenöffner“ an. Das Regelwerk hole ein seit langem durch Talkshows geisterndes Thema in die Betriebe, sagt er.

          Noch erst ein Fünftel über 50

          Angesichts der Nebelwand, vor der sich die mehr als 91.000 Mitarbeiter zählende chemische Industrie in diesen Tagen erklärtermaßen sieht, weit in die Zukunft schauen zu sollen leuchtet nicht jedem Personaler auf Anhieb ein, wie Volkwein berichtet. Doch ein Blick auf den Altersaufbau der Branche verdeutlicht den Sinn: Der Schwerpunkt der Chemiebeschäftigten verschiebt sich nach hinten. Hatte 2004 ein gutes Fünftel der Mitarbeiter den 50. Geburtstag hinter sich, so wird es 2015 fast die Hälfte sein. Auf 45,1 Prozent beziffert Volkwein den Anteil der Frauen und Männer, die ein halbes Jahrhundert oder älter sein werden. Die Quote derjenigen über 65 Jahre dürfte von weniger als einem Prozent auf beinahe ein Zehntel in die Höhe schießen – und die Zahl der Mitarbeiter unter 30 Jahren übersteigen, wenn der aktuelle Altersaufbau der Belegschaften fortgeschrieben wird.

          Dies sind jedoch Durchschnittswerte, die sich nicht einfach auf Unternehmen übertragen lassen. Volkswein misst einzelne Betriebe an dieser „Branchen-Benchmark“ und zeigt die Unterschiede auf. Aus seiner Analyse leitet er dann ab, wie die Unternehmen am besten ihre Beschäftigten arbeitsfähig erhalten, was sie selbst für die Gesundheitsvorsorge und lebenslanges Lernen tun sollten, wie sie den Wissenstransfer von älteren auf jüngere Arbeiter und Angestellte organisieren und wie sie frühzeitig die Nachfolge für ausscheidende Kräfte planen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nicht jeder Standort eines Unternehmens den gleichen Altersaufbau aufweist. Auch entsprechen Umfeld und Arbeitskräftepotential selten dem des jeweils anderen.

          Bewusstseinswandel im Gange

          Mit solchen Detailfragen beschäftigt sich der Demografieberater nicht von ungefähr. Der Tarifvertrag schreibt Firmen vor, Pläne für die Qualifizierung der Mitarbeiter über das gesamte Erwerbsleben hinweg zu machen, den Arbeitsprozess in den Betrieben altersgerecht zu gestalten und dabei die Gesundheit zu berücksichtigen. Nicht zuletzt sollen sich die Unternehmen überlegen, wie sie den gleitenden Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand ermöglichen, der noch die Ausnahme ist, dies aber künftig nicht mehr sein dürfte: „Diesen Bewusstseinswandel vollziehen wir in der chemischen Industrie gerade“, meint Volkwein.

          Und dabei wird es nicht bleiben, wenn es nach der Einschätzung von Hessen-Chemie geht. So werde sich angesichts der sinkenden Zahl junger Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen werden, der Druck auf die Unternehmen erhöhen, auf einzelne Lebensphasen mehr Rücksicht zu nehmen. Etwa auf die Frage, wie man einem Mitarbeiter Freiraum zur Pflege Angehöriger verschaffen könne.

          Hessen-Chemie will dabei mit gutem Beispiel vorangehen. So hat der Verband Volkwein schon angestellt, bevor es den Demografie-Tarifvertrag überhaupt gab. Als erster Arbeitgeberverband sind die Wiesbadener dem vom Bundesarbeitsministerium angestoßenen Demografie-netzwerk von Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und Wissenschaftlern beigetreten.

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