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Das Verbraucherthema : Eine Frage der Haltung

Noch im Glück: Gänse auf der Weise von Bauer Thomas Mann in Groß-Zimmern Bild: Rainer Wohlfahrt

Mit dem heutigen Martinstag beginnt offiziell die Gänsebraten-Saison. Geflügelhalter in Hessen stehen parat und haben die Tierschützer auf ihrer Seite.

          Der Vogel ist gefragt. Die Verabredung zur Martinsgans gehört für viele Familien- und Freundeskreise inzwischen zum festen Herbst-/Winterprogramm. Von November bis Dezember boomt das Geschäft in darauf spezialisierten Restaurants. Plätze werden lange im Voraus gebucht. Die Speisekammer in Heddernheim etwa hat aktuell laut Reservierungsplan nur noch an zwei Sonntagen im November Kapazitäten, im Dezember sieht es auch nicht viel besser aus. Wer es sich zutraut und die Arbeit nicht scheut, schiebt selbst eine Gans in den Ofen. Oder aber er bestellt in einer Hotelküche und lässt liefern - Gans bequem.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Knapp 27 000 Tonnen Gänsefleisch wurden nach Angaben des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft im vergangenen Jahr in Deutschland verspeist, nur knapp ein Viertel davon stammt von heimischen Gänsen. Überwiegend werden Gänse aus Polen und Ungarn importiert. Sie vor allem dominieren das Sortiment in Tiefkühltruhen von Discountern und Supermärkten. Die billigste Tiefkühlgans - eine aus polnischer Hafermast - fanden wir in der vergangenen Woche bei Rewe für 2,99 das Kilogramm. Das Kilo deutsche Freilandgans aus Dithmarschen kostete bei Rewe und Kaufhof 9,99 Euro.

          Stopfmast in Ungarn erlaubt

          Verbraucher- wie Tierschützer warnen regelmäßig vor sehr billigem Gänsefleisch aus dem Ausland, da dies nicht für Qualität und eine artgerechte Haltung der Gänse spreche. So ist etwa die Stopfmast, bei der Gänsen mehrfach täglich durch ein Metallrohr Futterbrei direkt in den Magen geschoben wird, in Ungarn erlaubt - anders als in vielen europäischen Ländern. In Polen etwa ist Stopfmast wie in Deutschland verboten. Das gilt aber nicht für die Einfuhr solcher Gänse hierzulande.

          Stopfmast ist wirtschaftlich deshalb attraktiv für Geflügelhalter, weil die Gänse schneller schlachtreif sind. Außerdem können die Bauern durch den Verkauf der Stopfleber (Foie gras), die als Delikatesse gilt, das Fleisch quasi quer subventionieren, die Gänse also deshalb so günstig verkaufen.

          Auch mit dem sogenannten Lebendrupf - für die Gänse eine schmerzhafte Prozedur - können Züchter ihren Profit steigern. Die Federn wachsen in diesem Fall nach, und die Gänse können mehrfach Daunen liefern. Lebendrupf ist laut dem Zentralverband der Geflügelwirtschaft zwar auch in Deutschland nicht per se verboten, nahezu 90 Prozent der im Bundesverband Bäuerliche Gänsehaltung organisierten Landwirte verzichteten jedoch darauf.

          Deutsche Gänse meist in Freiland

          Wer eine deutsche Gans kauft - egal ob tiefgefroren oder frisch -, ist damit beim Tierschutz schon mal auf der sicheren Seite. In der Regel werden die Gänse hauptsächlich zur Fleischgewinnung gehalten, meistens in Freiland oder in kombinierter Stall-/Auslaufhaltung und „damit vergleichsweise tiergerecht“, wie der Deutsche Tierschutzbund anmerkt. Wo eine Gans aufgezogen und geschlachtet wurde, muss inzwischen auf der Verpackung stehen, etwa mit der Bezeichnung „Ursprung Deutschland“ oder den drei Buchstaben „D-D-D“. Bei der Kennzeichnung der Haltung sollten sich Verbraucher nicht von irreführenden Bezeichnungen wie „vom Bauernhof“ oder „Landkorngans“ täuschen lassen, warnen die Tierschützer. Verlass sei dagegen auf Bezeichnungen wie „Auslaufhaltung“, „bäuerliche Auslaufhaltung“, „bäuerliche Freilandhaltung“.

          Knapp 27 000 Tonnen Gänsefleisch wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verspeist
          Knapp 27 000 Tonnen Gänsefleisch wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verspeist : Bild: dpa

          Frische Gänse im Handel kommen meistens aus der Region. In Rhein-Main herrscht kein Mangel, auch wenn es in Hessen keine Großbetriebe wie in Niedersachsen gibt. Klaus Mann aus Groß-Zimmern bezeichnet sich selbst als „kleiner großer Bauer“. Er ist Geflügelhalter in vierter Generation, hält und schlachtet jedes Jahr einige hundert Gänse. Von Mai bis Oktober, zum Teil auch bis Dezember, dürfen die Tiere auf der Wiese Gras fressen und Äpfel, die vom Baum herunterfallen. Getreideschrot wird in Maßen zugefüttert, wenn das Gras knapp wird, auch mal Zuckerrüben. „Wir machen das noch so wie zu Großvaters Zeiten“, sagt der Landwirt, der freitags und samstags auch einen Stand in der Kleinmarkthalle in Frankfurt betreibt. Das Kilo kostet bei ihm 16 Euro.

          25,90 Euro das Kilo für die Bio-Gans

          Für eine Bio-Gans, die mehr Auslauf hat, müssen Kunden noch ein paar Euro drauflegen. Für die Gans in Bioland-Qualität verlangt die Domäne Mechtildshausen in Wiesbaden 20,40 Euro das Kilo. Der städtische Betrieb bringt es jede Saison auf 1000 Gänse. Knapp ein Drittel der Gänse werden in der eigenen Gastronomie des städtischen Tochterbetriebs gebrutzelt, der Rest wird im Hofladen verkauft. Der Dottenfelderhof in Bad Vilbel bezieht seine Bio-Gänse aus Uelzen. Kunden müssen daher vorbestellen und zahlen für Demeter-Bio-Qualität 25,90 Euro das Kilo.

          Frischfleisch: Thomas Mann verkauft Gänse in seinem Hofladen und in der Kleinmarkthalle in Frankfurt
          Frischfleisch: Thomas Mann verkauft Gänse in seinem Hofladen und in der Kleinmarkthalle in Frankfurt : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Wie es der Discounter Aldi Süd schafft, frische Gänse für 4,29 das Kilo anzubieten - am vergangenen Samstag gab es eine  Martinsgans-Aktion in den Filialen -, ist für die hessischen Geflügelzüchter ein Rätsel. Nach Angaben einer Unternehmenssprecherin kommen die Gänse aus ungarischer Freilandhaltung, hatten mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, auch sei natürliches Grünfutter zugefüttert worden.

          Wie hält es die Gastronomie?

          Bleibt die Frage, wie es die hiesige Gastronomie mit den Gänsen hält. In diesem Fall gilt: einfach fragen. Die Speisekammer bezieht die Tiere aus Polen, das Döpfner’s im Maingau aus dem Elsass, aber nicht aus Stopfmast, wie es heißt. Die Villa Kennedy vertraut seit zehn Jahren auf einen Lieferanten mit Diethmarscher Gänsen. Auch Klaus Mann beliefert einen Gastwirt. Für ihn steht fest: „Eine gute Gans in der Gastronomie muss 150 Euro kosten, sonst ist es keine deutsche Gans.“

          Quelle: F.A.Z.

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