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Das Verbraucherthema : Ein teures Schlüsselerlebnis

Ganze Arbeit: Ein Monteur wechselt ein Schloss aus; das ist aber in den meisten Fällen gar nicht nötig. Bild: ddp

Mehr als 1800 Euro für das Öffnen einer Wohnungstür - solche Wucherpreise von Schlüsseldiensten sind die Ausnahme. Doch grundsätzlich müssen Ausgesperrte auf der Hut sein.

          Ein fahriger Moment - und schon ist es passiert. Die Hausbewohnerin steht in voller Montur mit Handtasche vor der geschlossenen Tür, doch der Schlüssel hängt noch drinnen am Haken. Mit Glück hat die Ausgesperrte einen Zweitschlüssel bei einem Nachbarn hinterlegt, andernfalls bleibt ihr nur der Anruf bei einem Schlüsseldienst.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          So war es auch im Fall der 60 Jahre alten Frau aus Weiterstadt. Allerdings musste sie in der Woche vor Ostern aus einem anderen Anlass den Schlüsseldienst rufen: Der Haustürschlüssel ließ sich nicht mehr drehen. Der Monteur kam laut Polizeibericht im Auftrag einer Firma in Oberhausen, baute den Schließzylinder aus, hantierte kurz daran herum, baute das Schloss wieder ein, um der Kundin anschließend eine Rechnung mit dem Betrag von 1812,96 Euro zu präsentieren - ein Vielfaches mehr als üblich.

          Der Monteur drängte die Sechzigjährige dazu, die Rechnung zu unterschreiben und den Betrag per EC-Karte zu zahlen. Ein Kartenlesegerät hatte er dabei. Jetzt ermitteln die Behörden gegen das Unternehmen wegen des Verdachts des Wuchers und der Nötigung. Die Kundin hätte die Zahlung, selbst wenn vor der Arbeit ein Kostenvoranschlag unterschrieben wurde, angesichts der vielfachen Überhöhung des Üblichen verweigern können (siehe unten „Tipps für Ausgesperrte“).

          Unternehmen stellen „A“ dem Firmennamen voran

          Das Beispiel zeigt, wie schnell so ein Notfall finanziell aus dem Ruder laufen kann. Vermutlich hatte die Dame in ihrer Nervosität den erstbesten Anbieter angerufen - einen Schlüsseldienst mit vermeintlichem Sitz in der Region, der aber seine Zentrale in Oberhausen hat und bundesweit tätig ist. Oft werben solche Firmen mit großen Anzeigen in den Gelben Seiten, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind seriösen Handwerksbetrieben ebenso ein Dorn im Auge wie die Unternehmen, die es darauf anlegen, sich mit dem Voranstellen des Buchstabens „A“ im Firmennamen in den Listen nach vorne zu mogeln.

          In Deutschland gebe es vier bis fünf solcher Großunternehmen, die sich den Markt aufteilten, weiß Rainer Böddecker, technischer Berater beim Fachverband Metall Hessen. „Der Kunde denkt, er ruft eine Frankfurter Nummer an, dabei landet er irgendwo bei einem Callcenter in Deutschland.“ Oft arbeiteten die Firmen mit örtlichen Subunternehmern zusammen. „Da kommt dann der Monteur aus Hanau nach Frankfurt“ - mit dem entsprechenden Aufschlag bei den Anfahrtkosten.

          Schlossprofi-Betriebe orientieren sich an Preisliste

          Um zu beweisen, dass Schlüsseldienste auch seriös arbeiten können, wurde in Hessen bereits vor elf Jahren auf Initiative der Frankfurter Industrie- und Handelskammer der firmenübergreifende Notdienst „Der Schlossprofi“ gegründet. Er läuft bis heute als Pilotprojekt des Bundesverbandes Metall. Aktuell sind es landesweit 13 Betriebe, die im Wechsel 24-Stunden-Bereitschaftsdienste übernehmen. Sie arbeiten mit einer zentralen Rufnummer. Die Betriebe sind angehalten, sich an der im Internet veröffentlichten Preisliste zu orientieren.

          Danach liegt die Grundpauschale für die Öffnung einer Tür in einem Ballungsgebiet wie Frankfurt unter der Woche (8 bis 18 Uhr) bei 84 Euro. Nach 18 Uhr sind es mit 126 Euro schon deutlich mehr, in der Nacht (22 bis 8 Uhr) sind es 168 Euro. Der Feiertag schlägt mit 210 Euro zu Buche. Die Fahrtkostenpauschale wird mit 36 Euro beziffert. Auch eine Liste mit Kosten für Material wie Zylinder, Schließbleche und Schlösser ist angehängt.

          Die Preisliste soll den Schlossprofi-Betrieben als Grundlage dienen. Bei einem Zuschlag von mehr als 100 Prozent auf die Preise beginnt laut Böddecker der Tatbestand des Wuchers. Grundsätzlich seien Verbraucher inzwischen jedoch sensibler als noch vor zehn Jahren, meint der technische Berater. Er führt dies auch auf die Aufklärungsarbeit von Verbänden und Kammern zurück.

          Schlüssel beim Nachbarn hinterlegen

          „Die Leute sind vorsichtiger geworden“, bestätigt Rainer Beek, Geschäftsführer der Schlüsseldienst Joseph Becker GmbH am Frankfurter Liebfrauenberg. Viele hätten inzwischen Haustürschlüssel bei Nachbarn und Freunden hinterlegt. Das ist immer noch die beste und günstigste Lösung. Die Zahl der Einsätze des Frankfurter Schlüsseldienstes ist laut Beek in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen. „Früher hatten wir drei bis vier Notöffnungen am Tag.“

          Der Unternehmer, der auch bei den Schlossprofis mitmacht, schaut auf den Schlüsseldienst freilich aus einem anderen Blickwinkel. Nur noch in Ausnahmefällen biete er mit seinem 15-Mann-Betrieb einen Notdienst in der Nacht an. Verbraucher akzeptierten nicht, dass er für Personal, das er rund um die Uhr für die Bereitschaft vorhalten müsse, einen Zuschlag verlange. „Ich bin es leid zu diskutieren“, sagt der Geschäftsführer.

          Die Stiftung Warentest hatte die Schlossprofis 2004 verdeckt in Anspruch genommen und war zufrieden. Der Monteur kam pünktlich und öffnete die zugezogene Tür fachmännisch in wenigen Minuten, dies zu einem Preis von 88 Euro, den die Tester damals für den Einsatz nach 22 Uhr als „sehr moderat“ einstuften.

          Der Schlossprofi in Hessen ist ein firmenübergreifender Notdienst. Beteiligt sind 13 Firmen, die sich an eine auf www.der-schlossprofi.de veröffentlichte Preisliste halten. Der Dienst ist unter der zentralen Nummer 0180 / 501 1551 zu erreichen.

          Tipps für Ausgesperrte

          Wer einen Schlüsseldienst beauftragen muss, sollte dies beachten:

          • Aus dem Branchenbuch nicht den Anbieter mit der größten Anzeige aussuchen, denn die kostet und schlägt sich auf die Preise nieder.
          • Am Telefon danach fragen, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, ob es selbst tätig wird oder mit einem Subunternehmer arbeitet. Wer einen am Ort werbenden Schlüsseldienst beauftragt, muss auch nur für die innerörtlichen Anfahrtskosten zahlen.
          • Den Preis für die voraussichtlich anfallende Arbeit erfragen (Endpreis inklusive Mehrwertsteuer und Nebenkosten einschließlich Anfahrt und Zuschläge für Nacht und Wochenende). Möglichst Festpreis für die voraussichtlichen Arbeiten vereinbaren. Daran muss sich das Unternehmen halten und darf an Ort und Stelle nicht mehr verlangen. Eine Orientierung bei den Preisen bietet die Preisliste unter www.der-schlossprofi.de.
          • Es ist nicht unüblich, dass der Monteur nach der Arbeit die Zahlung der Rechnung in bar verlangt. Handelt es sich um eine überhöhte Forderung, sollte man sich nicht unter Druck setzten lassen, allenfalls nur eine Anzahlung leisten.
          • Grundsätzlich keine Formulare unterschreiben, die dokumentieren, dass der Kunde mit der Ausführung der Arbeiten einverstanden ist und die Höhe der Rechnung anerkennt.
          • Eine Tür, die nur zugefallen und nicht abgeschlossen ist, kann in der Regel mittels Draht geöffnet werden. Nicht selten aber beschädigen die Handwerker die Tür oder das Schloss, um neue Schlösser und Beschläge verkaufen zu können, meist zu überhöhten Preisen. Der Kunde sollte die Arbeit stoppen, wenn er solche Absichten des Monteurs erkennt.

          Quelle: F.A.Z.

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