20.05.2010 · Die Hauptversammlung der Commerzbank wird einmal mehr zum Spießrutenlauf für den Vorstandschef. Die Aktionäre schimpfen über den Kauf der Dresdner Bank und trockene Brezeln, einige wünschen sich einen Ackermann.
Von Tim Kanning, FrankfurtRichard Mayer zürnt. Er ist eigens aus München angereist und nutzt nun die zehn Minuten, die man ihm als Aktionär der Commerzbank auf der Hauptversammlung in der Frankfurter Jahrhunderthalle zugesteht, zur Schimpftirade gegen Vorstandschef Martin Blessing. Der Zorn des Bayern ist einige Millionen Euro schwer. Die 400.000 Commerzbank-Aktien, die er nach seinen Worten besitzt, waren zu Blessings Amtsantritt vor zwei Jahren noch um die neun Millionen Euro wert, inzwischen sind es gerade noch 2,4 Millionen. Entsprechend derb schimpft er in Richtung Vorstandspodium. „Totalversager, Kapitalvernichter“, schallt es durch die mit rund 2500 Anteilseignern voll besetzte Halle, und nicht wenige klatschen Beifall.
Wie im vergangenen Jahr hat Mayer seinen Ärger mit einigen Zusatzpunkten für die Tagesordnung bekräftigt, die er zusammen mit zwei weiteren Kleinaktionären eingereicht hat. Dem gesamten Vorstand will er das Vertrauen entziehen lassen und eine Sonderprüfung der Dresdner-Bank-Übernahme erwirken. Außerdem will er das ehemaligen Allianz-Vorstandsmitglied Helmut Perlet aus dem Aufsichtsrat wählen lassen, Mayers Anwalt schlägt in seinem Redebeitrag Mayer als Nachfolger vor. Das wird von der Aktionärsversammlung mit einigem hämischen Gelächter bedacht. Und auch die übrigen Anträge haben angesichts der Mehrheitsverhältnisse auf der Versammlung von vorneherein geringe Erfolgsaussichten.
Heftiger Widerstand
Blessing selbst versucht Zuversicht zu verbreiten. 2010 werde das Jahr des Umschwungs, sagt er. Schon das erste Quartal habe man schließlich wieder mit einem Gewinn abgeschlossen. Immer wieder verteidigt er die Übernahme der Dresdner Bank als strategisch richtig, in vielen Geschäftssparten habe man dadurch erhebliche Marktanteile gewinnen können, letztlich werde man jedes Jahr 2,4 Milliarden Euro sparen können. Besonders umstritten bleibt das Vorhaben, das Vergütungsmodell des Vorstands umzubauen. Zwar hat Aufsichtsratsvorsitzender Klaus-Peter Müller gleich zu Anfang der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass es dabei keineswegs um die Erhöhung der Vorstandsgehälter gehe, sondern lediglich eine Auflage des staatlichen Rettungsfonds Soffin erfüllt werde. Größere Anteile des Gehalts sollen vom längerfristigen Erfolg der Bank abhängen, das Fixgehalt soll dafür aber von der derzeitigen Deckelung bei 500.000 auf 750.000 Euro angehoben werden. All das trete aber frühesten 2011 in Kraft. Und nur dann, wenn die stillen Einlagen des Bundes wieder bedient werden könnten, erläutert Müller.
Doch bei mehreren Aktionären regt sich dennoch heftiger Widerstand. Viel zu früh sei es, eine solchen Gehaltsbeschluss zu fassen, sagt der Frankfurter Anwalt Klaus Nieding, der als Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Stimmrechte vertritt. Es sei eine Frage der Außenwirkung, des Anstands und des guten Geschmacks.
Josef Ackermann würde sich schämen
Bei den Mitarbeitern der Bank bedankt sich Nieding ausdrücklich für ihren „enormen Beitrag“ zur Integration der Dresdner Bank. Viele der Anteilseigner applaudieren. So lange weiter über Personalabbau gesprochen werde, müsse auch für den Vorstand nach wie vor die Deckelung gelten, sagt Nieding weiter. Auch wenn man fürchten müsse, dass die guten Kräfte von Gelb zu Blau, also zur Deutschen Bank, wechseln würden.
Der Seitenhieb mit der Konkurrenz dürfte Blessing besonders schmerzen, und er kommt immer wieder auf. Josef Ackermann würde sich schämen, hätte er Staatshilfe beantragt, sagt einer. Ein Ackermann sei sein Geld wert, Blessing nicht, sagt ein anderer. Gleich mehrere Anleger verweisen einigermaßen neidisch auf die Deutsche Bank, die die Finanzkrise bislang um einiges besser durchstanden hat als die Commerzbank, die durch die Übernahme der Dresdner Bank zum ernstzunehmenden Konkurrenten hatte werden wollen.
Nicht nur Fundamentalkritik
Doch nicht alle Anteilseigner üben Fundamentalkritik. Ein Aktionär aus Schwaben macht eine mangelnde Wertschätzung der Aktionäre daran fest, dass es nur trockene Brezeln ohne Butter gebe. Ein weiterer Münchener beklagt sich, dass seine Filiale keine ungeraden Beträge annehme, sondern nur Scheine.
Immerhin ihm kann Vorstandsmitglied Achim Kassow gleich auf der Hauptversammlung helfen. Ungerade Beträge ließen sich auf der Leopoldstraße und in der Bertholdstraße einzahlen.