Die Aussteiger
Ende des Jahres ist für Franz Scheidel Schluss. 57 Jahre ist er dann alt. Eigentlich kein Alter für einen Bankangestellten, aber das Angebot zum Vorruhestand, das ihm die Commerzbank gemacht hat, war das Beste, was ihm passieren konnte, wie er sagt. Der Sozialplan sieht vor, dass er 70 bis 75 Prozent der bisherigen Bezüge bekommt, Scheidel sieht sich durch die Regelung finanziell ausgesprochen gut gestellt.
Doch Wehmut bleibt. 30 Jahre lang hat Scheidel bei der Dresdner Bank gearbeitet, sein ganzes Berufsleben ist quasi grün. Angefangen hat er als Systembediener in der EDV, seit 14 Jahren setzt er sich als Betriebsrat für die Mitarbeiter der Zentrale in Frankfurt ein. Seine Abteilung, die IT, hatte die Dresdner Bank schon vor Jahren ausgegliedert, „meine Wurzeln sind also schon weg“. Dass nun aber die ganze Marke bis Ende 2010 untergehen soll und ausgerechnet im einstigen Rivalen Commerzbank aufgeht, das schmerzt ihn schon.
Abbau von 2.200 Arbeitsplätzen
Am Montag ist es ein Jahr her, dass Commerzbank-Chef Martin Blessing sich mit dem Vorstandsvorsitzenden der Allianz, Michael Diekmann, auf die Übernahme der Dresdner Bank geeinigt hat. „Wir haben exzellente Wachstumsperspektiven“, sagte Blessing damals. Doch seitdem ist viel passiert. Zwei staatliche Finanzspritzen von insgesamt 18,2 Milliarden Euro waren nötig, um den Zusammenschluss durchzuziehen. Der Staat hält jetzt ein Viertel der Anteile an der neuen Commerzbank. Die EU-Kommission hat ihr eine Schrumpfkur verordnet, so dass sie bis 2013 ohne ihre Eschborner Immobilientochter Eurohypo nur noch genauso groß sein wird wie vor der Übernahme der Dresdner Bank.
Und auch die Zahl der Mitarbeiter wird deutlich zusammengestaucht. Wie Scheidel haben sich bereits weit mehr als 1.000 Mitarbeiter der beiden Häuser für Vorruhestand oder Altersteilzeit entschieden, weitere 600 hatten das Haus bis zum April schon verlassen. Für die Frankfurter Zentrale der Commerzbank, die zusammen mit der der Dresdner Bank und ihrer Investmenttochter Dresdner Kleinwort rund 11.400 Mitarbeiter zählt, ist ein Abbau von 2.200 Arbeitsplätzen vorgesehen.
Die Aufsteiger
Doch für die, die bleiben, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Viele Vorstände, Abteilungsleiter und Teamführer leiten nun zusammengeführte Einheiten und haben somit deutlich mehr Mitarbeiter, Kunden und Verantwortung als zuvor. Günter Tallner zum Beispiel. Er führt das Firmenkundengeschäft der Gebietsfiliale Frankfurt, die neben Hessen auch noch die Region Aschaffenburg umfasst. Die Zahl seiner direkten Mitarbeiter ist durch die Übernahme von 120 auf 180 hochgeschnellt, statt 5.000 Firmen betreut seine Abteilung nun rund 8.000.
„Die Frequenz im Terminkalender hat sich natürlich deutlich erhöht“, sagt Tallner. Sowohl mit seinen Mitarbeitern als auch den Kunden muss er ein Einzelgespräch nach dem anderen führen. Wie fühlen sie sich in der neuen Situation? Welche Auswirkungen hat sie für die Kundenbeziehung? Wie kommt es bei den Kunden an, wenn jetzt die Berater der Dresdner und der Commerzbank zusammen bei ihnen auflaufen? Nach Tallners Ansicht finden die meisten Unternehmer den Zusammenschluss gut. Auf ein Rundschreiben an 4.000 seiner Kunden hätten nur zwei geantwortet, dass sie mit ihrer Beratung derzeit nicht zufrieden seien. Ein großer Erfolg, findet Tallner.
Tallner: „Große Fluktuation“
Auch im neuen Vorstand war Platz für Aufsteiger. Aus der Spitze der Dresdner Bank befindet sich heute niemand mehr im Führungsgremium. Auch einige Commerzbank-Vorstände verließen ihre Plätze – nicht zuletzt wegen der Gehaltsbeschränkungen nach dem Staatseinstieg. Ulrich Sieber leitet seit Juni das Personalressort in der Konzernspitze, nachdem er in den drei Jahren zuvor Chef der Personalabteilung der Commerzbank gewesen war. An diese Stelle rückte Albert Reicherzer auf. Jochen Klösges ist zur gleichen Zeit Vorstand für Realkredit und Staatsfinanzierung geworden. Sowohl Sieber als auch Klösges haben geraume Zeit im Dienste der Dresdner Bank gestanden.
Auch Tallner kennt viele der Mitarbeiter, die er nun in die gelbe Welt führen soll, aus seiner Zeit in der Frankfurter Prunkfiliale der Dresdner Bank im Fürstenhof. Entlassen musste er noch niemanden, jeder werde gebraucht, sagt er. Erst im nächsten Jahr werde man sehen müssen, ob die jetzige Größe die richtige sei. „Aber durch die Nähe zur Zentrale haben wir ohnehin immer große Fluktuation“, sagt Tallner. Kündigungen werde es daher wohl nicht geben.
Gelb- oder grünlastig
In der Zentrale ist man schon weiter als in den Filialen. Für Gabriele Seum beginnt am Montag die schwierigste Phase. Sie leitet den Betriebsrat in der Zentrale. Durch die Übernahme ist sie nicht mehr für 7.000, sondern für gut 11.400 Beschäftigte zuständig. Nachdem die Gruppen- und die Teamleiter in den Zentralen bestimmt seien, gehe am Montag die Zuordnung der Mitarbeiter los, berichtet sie. „Bislang war jeder Bereich noch für sich, jetzt müssen die Menschen zueinander finden.“ Die Führungskräfte müssen die Auswahlgespräche führen und sich – so will es zumindest die Planung – mit dem Betriebsrat abstimmen. Von Seiten der Dresdner Bank sind immer noch Befürchtungen zu hören, dass für Stellen in der neuen Commerzbank die alten Commerzbanker bevorzugt würden. Seum sieht das anders. „Wenn wir merken, es wird irgendwo zu gelb- oder grünlastig, schreiten wir ein.“
Auch die Personal- und die IT-Abteilung sind mit der Integration der beiden Großbanken voll ausgelastet. Vom Stellenabbau sollen die beiden daher vorerst verschont bleiben.
Die Kritiker
Die Mehrarbeit, die derzeit an allen Ecken anfällt, darf indes nicht mehr wie üblich honoriert werden. Bonuszahlungen sind durch die Exzesse einiger Investmentbanker in Ungnade gefallen. Und so hat Martin Blessing kurzerhand beschlossen, das gesamte Haus auf Prämienentzug zu setzen. Doch über diese Sippenhaft ist vor allem aus profitablen Abteilungen immer wieder Murren zu hören.
„Mir bereitet Sorgen, wie wir unsere Mitarbeiter nach dem Wegfall der Boni motivieren sollen. Denn wir brauchen ein immenses Engagement“, sagt Andreas Rose, Fachbereichsleiter in der IT. Auch Seum, die selbst die horrenden Zusatzprämien für Investmentbanker geißelt, beklagt, dass auch einfache Sachbearbeiter nun auf einen beträchtlichen Teil ihres Gehalts verzichten müssten, obwohl sie seit Monaten weit mehr arbeiteten als sonst. „Die Mehrarbeit, die wir hier alle machen im Moment, müsste ganz anders honoriert werden“, findet sie – auch wenn die Betriebsrätin versteht, dass das sowohl wirtschaftlich als auch politisch schwer vermittelbar ist.
Produkte der einstigen Konkurrenz
Auch das Nebeneinander beider Banken unter dem gleichen Dach wird von einigen zunehmend als lästig empfunden. Viele Computerprogramme laufen derzeit in einer grünen und einer gelben Version. Sie sind nicht miteinander kompatibel, was sich im Alltag oft als ärgerlich erweist, wie ein Mitarbeiter sagt. Und nicht zuletzt für die Kunden ist es irritierend, dass an jeder Dresdner-Bank-Filiale seit Mai der gelbe Zusatz „eine Marke der Commerzbank“ steht, und dass in den Schaufenstern Produkte der einstigen Konkurrenz beworben werden. Doch trotz aller Unwägsamkeiten übt sich selbst der Bald-Ruheständler Scheidel in Optimismus: „Es muss ja funktionieren. Schließlich hängt unser aller Existenz daran.“

