10.04.2006 · Nicht verstecken muß sich die Chemieindustrie in Hessen, wenn es um Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. So bieten viele Betriebe Heimarbeit an oder zahlen Zuschüsse zur Kinderbetreuung. Einige wollen sogar Eltern-Kind-Arbeitszimmer einrichten.
Von Thorsten WinterNicht schlecht gestaunt haben sie an der Spitze des Arbeitgeberverbands der Chemieindustrie in Hessen. Wie es um die vielbeschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie in ihrem Betriebsalltag so stehe, wollte der Verband von seinen Mitgliedern wissen. Zwar hat ihm nur gut ein Viertel auch geantwortet. Das Ergebnis macht gleichwohl deutlich: Familienpolitischer Fortschritt und Ideenreichtum offenbart sich mitunter in unvermuteter Weise.
Demnach haben neun von zehn Unternehmen Gleitzeit eingeführt. Fast gleich groß ist die Zahl der Betriebe, die Mütter oder Väter während der Elternzeit in Teilzeit arbeiten lassen. Und fast die Hälfte hat Jahresarbeitszeit-Konten eingerichtet; weitere fünf Prozent planen, dies zu tun. Zudem erlauben annähernd alle Firmen es den Mitarbeitern, Pausen nach Wunsch zu nehmen statt zu festgelegten Terminen; gleiches gilt für Urlaube. Gut vier von fünf Unternehmen gewährt nach eigenen Angaben überdies Sonderurlaub.
Gut die Hälfte erlaubt Arbeit im Homeoffice
Auch beim Arbeitsablauf bemühen sich viele Chemiefirmen, Beschäftigten mit Kindern entgegenzukommen. So ist es um 55 Prozent der Fälle möglich, Arbeit zu Hause (Homeoffice) statt im Betrieb zu erledigen, bei knapp einem Drittel ist Telearbeit alternativ möglich. Nahezu sämtliche Unternehmen unterstützen nach eigenen Angaben junge Mütter und Väter beim beruflichen Wiedereinstieg nach der Elternzeit. Immerhin gut zwei Drittel informieren Beschäftigte in Elternzeit von sich aus über Neuigkeiten im Betrieb, indem sie ihnen Rundschreiben oder die Mitarbeiterzeitung nach Hause schicken oder zum Betriebsfest einladen. Und zwei Prozent der Unternehmen wollen sogar Eltern-Kind-Arbeitszimmer einrichten.
Darüber werden verschiedene Dienste für Familien angeboten. Ein Fünftel der Betrieb gewährt Zuschüsse zu den Kinderbetreuungskosten, knapp ein Sechstel verfügt über Belegplätze in Kindergärten, was neun Prozent beabsichtigen. Nicht zuletzt unterstützt ein Drittel junge Eltern, wenn deren übliche Kinderbetreuung ausfällt; auch in diesem Fall geben neun Prozent der Firmen an, diesen Service künftig auch anbieten zu wollen.
Hessen-Chemie beansprucht Vorreiterrolle
„Familienpolitik ist längst kein ,weiches' Thema mehr. Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrachten wir als gesellschaftliche und auch als wirtschaftliche Notwendigkeit“, heißt es bei der Hessen-Chemie. Der Arbeitgeberverband hat sich des Themas Familie und Beruf im übrigen nicht angenommen, weil es seit Monaten bei Politikern und in den Medien in Mode ist. So gibt es seit 1989 eine außertarifliche Partnerschaft zur Verbesserung der Chancengleichheit und seit dem Jahr 2000 die Sozialpartnerschaften zum Ausbau der Teilzeitarbeit und der Telearbeit. Dessenungeachtet hat der Verband gute Gründe, sich für eine familienfreundlichere Arbeitswelt einzusetzen: In manchen Regionen wie in Nordhessen mangelt es an gut qualifizierten jungen Bewerbern - deshalb wird es umso wichtiger, sich um fähiges Personal zu sorgen.
„Wir wären kein richtiger Arbeitgeberverband, wenn wir keine Vorreiterrolle annehmen würden“, sagt der Hauptgeschäftsführer von Hessen-Chemie, Axel Schack. So hat der Verband gerade den Sammelband „Kinderlärm ist Zukunftsmusik“ herausgebracht, der unentgeltlich über www.hessenchemie.de zu beziehen ist. Vor allem aber läßt er sich als erster Arbeitgeberverband Deutschlands von der Hertie-Stiftung zum Thema Beruf und Familie zertifizieren und führt eine Reihe von Hilfsangeboten für Mitarbeiter seiner drei Geschäftsstellen ein. Dazu zählen Zuschüsse zur Betreuung von Kindern bis zu 14 Jahren einschließlich der Ferienangebote, der Ausbau der Telearbeit und Unterstützung bei der Suche nach einem Kinderhortplatz oder einer Tagesmutter. Nicht zuletzt unterstützt Hessen-Chemie jene Mitarbeiter, die Haushaltshilfen einstellen, indem etwa die Anmeldung bei den Sozialkassen übernommen wird.