14.06.2007 · Die Besetzung der Siemensspitze hat gezeigt: Auch acht Jahre nach dem Ende der alten Hoechst AG spielen deren Manager in der Deutschland AG eine wichtige Rolle.
Von Christian SiedenbiedelZum 1. Juli wird beim Weltkonzern Siemens in München ein Mann das Ruder übernehmen, der am Main kein Unbekannter ist: Peter Löscher, 49 Jahre alt, gehört zum Kreis der „Hoechstianer“, der ehemaligen Manager des einst größten Chemie- und Pharmakonzerns der Welt, den die Wirtschaftsgeschichte erst in Aventis und später in Sanofi-Aventis hat aufgehen lassen.
Während der Industriepark am Standort der einstigen „Rotfabrik“ im Frankfurter Westen längst wieder mehr Arbeitsplätze bietet als die alte Hoechst AG in ihrer letzten Ausdehnung, liegt vielen früheren Mitarbeitern und Pensionären das untergegangene Unternehmen emotional noch immer am Herzen; und auch die Manager, die dort einst für einige Zeit Verantwortung hatten, scheinen noch eine gewisse gegenseitige Verbundenheit zu verspüren.
„Dormann hat Löscher empfohlen“, heißt es
Obwohl mit der Zeit immer mehr in den Ruhestand wechseln und viele der bekannten Persönlichkeiten aus der großen Zeit des Unternehmens nicht mehr leben, so gibt es doch noch eine ganze Reihe ehemaliger Hoechst-Manager, die in Unternehmen in wichtigen Schlüsselstellungen arbeiten. So wundert es nicht, dass auch Löscher an seinen neuen Job über die Hoechst-Connection gekommen sein soll, wie es in der Branche heißt: Gerhard Cromme, der aus dem kleinen niedersächsischen Vechta stammende Aufsichtsratsvorsitzende von Siemens, soll den Tipp von Henning Schulte-Noelle von der Allianz bekommen haben.
Dieser wiederum stehe in einem „sehr freundschaftlichen Verhältnis“ zu Jürgen Dormann, dem früheren Hoechst-Chef, der bei Sanofi-Aventis noch im Verwaltungsrat sitzt, zuletzt bei der Sanierung des ABB-Konzerns mitgewirkt hatte und jetzt an die Spitze des Verwaltungsrats beim Zeitarbeits-Marktführer Adecco gerückt ist.
„Dormann hat Löscher empfohlen“, heißt es in der Branche. Er sei schließlich auch maßgeblich daran beteiligt gewesen, dass Löscher seinerzeit bei Höchst wichtige Aufgaben übertragen wurden: Mitte der neunziger Jahre wurde der frühere Kienbaum-Unternehmensberater Leiter der Konzernplanung, organisierte mit Dormann zusammen den folgenschweren Umbau des Konzerns. Eingestellt hatte Löscher seinerzeit ein anderer Mann, der auch nach seiner Hoechst-Zeit in Frankfurt Wirtschaftsgeschichte schrieb: Karl-Gerhard Seifert, einst Pharma-Vorstand bei Hoechst, der später die frühere Tochtergesellschaft Cassella übernahm und unter dem Namen Allessa weiterführte – seit Jahresbeginn nun als Aufsichtsratschef.
Ehemalige Manager im Dienst des Ministerpräsidenten
Institutionell gab es die „Hoechst-Connection“ eine Zeitlang sogar als Verein, genannt Hoechster Freundeskreis, der ehemaligen Direktoren und Vorstandsmitgliedern offenstand und rund 200 Mitglieder gehabt haben soll. Der frühere Hoechst-Vorstandschef Wolfgang Hilger, der Ende Siebzig ist und in Glashütten lebt, war Mitglied. Dormann kam bisweilen als Gast. Anfangs traf man sich einmal im Monat zum Jour Fixe, mittlerweile ist eine Art Stammtisch daraus geworden.
Ehemalige Hoechster gibt es beispielsweise noch beim Graffitihersteller SGL Carbon AG in Wiesbaden, der vom früheren Hoechst-Manager Robert Köhler geleitet wird. Der frühere Hoechst-Forschungsvorstand Utz-Hellmuth Felcht führte lange die Degussa und engagiert sich jetzt bei Private Equity. Der Vorstandschef des Aromastoffherstellers Symrise, der nur drei Monate nach dem Börsengang in den M-Dax aufgenommen wurde, ist ein ehemaliger Hoechst-Manager, Gerold Linzbach. Er kam von McKinsey und war für Hoechst unter anderem in Amerika.
Für den vornehmen Personalberater Boyden in Bad Homburg ist der frühere Leiter der Hoechst-Öffentlichkeitsarbeit und ehemalige Cassella-Vorstand Dominik von Winterfeldt tätig – seit dem vorigem Jahr allerdings aus Altersgründen nur noch in beratender Funktion. Sogar in den Diensten des Ministerpräsidenten findet man ehemalige Hoechst-Manager: So hat einer der beiden Geschäftsführer der Hessen-Agentur, Dieter Kreuziger, lange Jahre für den Chemie- und Pharmakonzern gearbeitet: 1970 hatte er als Vorstandsassistent angefangen, 30 Jahre später die Geschäftsführung des Industrieparkbetreibers Infraserv übernommen.
Sie alle scheinen, trotz der Auseinandersetzungen um Konzernumbau und Fusion, mit der alten Hoechst AG noch etwas zu verbinden – und gegebenenfalls auf die „Hoechst-Connection“ zurückgreifen zu können. Denn nichts schweißt bekanntlich stärker zusammen als gemeinsam überstandene schwierige Zeiten.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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