http://www.faz.net/-gzg-8ln98

Wiesbaden : Chemie hat die Vorteile von Nachhaltigkeit erkannt

Großräumig: Produktionshallen der Chemieindustrie im Industriepark Kalle-Albert in Wiesbaden Bild: SE Tylose

Rentabilität, gerechte Löhne, Übernahme von Auszubildenden und moderne Umweltstandards. In der Chemieindustrie arbeiten Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam an diesen Zielen.

          Volker Weber und Dirk Meyer plaudern schon mehr als eine halbe Stunde – über eine wirtschaftliche Talfahrt ohne Personalabbau, den Sinn von Ausbildung über Bedarf und den Einsatz attraktiver Entgelte im Werben um gutes Personal. Spricht der eine, nickt der andere. Fast gerät in den Hintergrund, dass Weber der Chef der Chemiegewerkschaft IG BCE in Hessen ist und Meyer der Hauptgeschäftsführer der hessischen Chemie-Arbeitgeber. Bis Weber im Gespräch um die Nachwuchskräftepflege als Zeichen nachhaltigen Handels im Unternehmen unvermittelt aufblickt und sagt: „Wir haben auch einen Dissens.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es sei ja richtig, dass die Betriebe aus den Branchen Pharma, Chemie und Kunststoff neun und zehn Lehrlinge nach der Ausbildung übernähmen – also mehr oder weniger alle geeigneten, die nicht studieren wollten oder woanders hingingen. Dennoch störten sich Jugendvertreter der Gewerkschaft an der aus ihrer Sicht zu niedrigen Zahl unbefristeter Verträge. Die Arbeitgeberseite wirft ein, mit der Quote von 54 Prozent unbefristet übernommener Ausgelernter liege die chemische Industrie in Hessen über dem Durchschnitt im Bund. Weber spricht gleichwohl von kurzfristigem Denken. Auch lässt er das Argument von Firmen nicht gelten, die Gewerkschafter sollten sich nicht aufregen, schließlich würden die allermeisten Arbeitsverträge doch entfristet: „Da haben einige Firmen die Signale noch nicht gehört.“

          Soziale Komponente kommt zu kurz

          Das will Meyer so nicht stehenlassen. Für einen befristeten Vertrag kann es sehr wohl gute Gründe geben, wie er meint. „Etwa den, dass es eine Planstelle noch nicht gibt oder es um eine befristete Elternzeit-Vertretung geht.“ Dem Arbeitgeber geht es um das Austarieren von wirtschaftlichen und sozialen Aspekten, als Ausdruck nachhaltigen Handelns. Das wiederum ist beiden Seiten wichtig, weshalb sich die Chemie-Sozialpartner in Hessen ihre eigenen Gedanken machen zum Tag der Nachhaltigkeit am 22. September. Sie sehen Nachhaltigkeit weiterhin dominiert von dem Bemühen, Umwelt und Wirtschaft miteinander zu versöhnen. „Wir haben den Eindruck, die soziale Komponente kommt immer noch zu kurz“, sagt Jürgen Funk, in der Geschäftsführung des Arbeitgeberverbands Hessenchemie zuständig für Bildungsfragen.

          Dabei geht die chemische Industrie, die mit 92000 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von 34,5 Milliarden Euro der größte Industriezweig in Hessen ist, seit geraumer Zeit mit gutem Beispiel voran. Der sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit dient, gerade angesichts der Klage über sich verstärkenden Fachkräftemangel, der 2003 geschlossene Tarifvertrag Zukunft durch Ausbildung. Die Pharma-, Chemie- und Kunststoffunternehmen beschäftigen regelmäßig mehr Lehrlinge, als sie im Grunde brauchen.

          Ein „ganz wesentlicher Nachhaltigkeitsfaktor“ ist auch der Demographie-Tarifvertrag, wie Meyer hervorhebt. Die Übereinkunft der Sozialpartner verpflichtete die Firmen in der chemischen Industrie, den Altersaufbau ihrer Belegschaften zu überprüfen. Anhand der neuen Daten können die Betriebe ihren Personalbedarf viel besser planen – und dem Verlust an Wissen vorausschauend entgegenwirken. „Das hat das eine oder andere Unternehmen davon abgehalten, Leute zu entlassen“, hebt Weber hervor – gießt aber umgehend Wasser in den Wein.

          Politik in der Pflicht, Standortwettbewerb Deutschland fit zu halten

          In jenseits der deutschen Grenzen ansässigen Konzernen laufe eine Debatte, wie Lehrlinge längerfristig gehalten werden könnten – statt Standorte in anderen Ländern in den Blick zu nehmen. Anlass: Besonders börsennotierte Unternehmen zählten immer noch gerne die Planstellen – und das mit Blick auf die Gewinne auch kurzfristig. „Das treibt nicht immer nachhaltige Beschlüsse“, bemängelt Weber. Wenn dann Personal fehle, werde im Zweifelsfall „mit Geld gewedelt“. Aber er verteilt auch Lob: „Deutsche Firmen sind da weitsichtiger.“

          Für Meyer spiegeln sich darin zwei Pole der Nachhaltigkeit: wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und soziale Belange. Ausbildung lasse sich nicht nach Quartalen bemessen. Dies müsse so mancher „Controller-Seele“ klargemacht werden. Er sieht aber auch die Politik in der Pflicht, in diesem Standortwettbewerb Deutschland fit zu halten. Zum Beispiel durch gut ausgestattete Berufsschulen.

          Die Chemie-Sozialpartner gehen derweil mit der Initiative „Chemie³“, die Firmen einen sogenannten Nachhaltigkeits-Check anbietet, ihren innovativen Weg weiter. Sie wollen zudem Betriebsräten und Führungskräften die Digitalisierung näherbringen. Vor allem mit Blick auf das verwandte Thema Industrie 4.0 gibt es noch einiges zu tun: „Wenn man so genau wüsste, was das ist“, seufzt Gewerkschafter Weber.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          IT-Messe in Nordkorea Video-Seite öffnen

          Nordkorea : IT-Messe in Nordkorea

          Die staatliche Nachrichtenagentur Nordkoreas KCNA berichtet von hunderte Firmen und Instituten, die ihre Produkte vorstellen, darunter Entwicklungen zu künstlicher Intelligenz, Gesichtserkennung oder Satellitenbildanalyse.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.