Wer über Clariant redet, kommt an Höchst nicht vorbei. Denn der Industriepark im Frankfurter Westen ist der größte Standort des Schweizer Konzerns auf der Welt und auch für dessen Forschung und Entwicklung bedeutend. Auf diese Tatsache blickt die Chefetage von Clariant allerdings mit gemischten Gefühlen. „Wir sind nicht glücklich, daß wir Schwerpunkte in einem Hochlohnland haben“, gibt der neue Standortleiter Rhein-Main, Werner Brodt, freimütig zu. Schließlich kämpft auch dieser Hersteller von Spezial- und Feinchemikalien mit gestiegenen Rohstoffkosten und mit harter Konkurrenz aus Indien und Asien, wobei vor allem China zu nennen ist. Aber er sagt auch: Die Bedeutung der Werke in Höchst mit 2140 Mitarbeitern, die etwa ein Zehntel der Gesamtbelegschaft des Konzerns ausmachen, „ist exorbitant für das Unternehmen“. Und daran soll sich auch nichts ändern.
So werden Betriebsteile nicht aus dem Rhein-Main-Gebiet nach China verlagert, wo Clariant vier Werke unterhält, wie Brodt hervorhebt. Gleiches gilt für Indien: ein Land, in dem die Schweizer schon seit vielen Jahren vertreten sind und fünf Fabriken haben und das Brodt in den neunziger Jahren noch als technischer Direktor einer Tochter der Hoechst AG in Bombay kennengelernt hat. 1997 war er dabei, als das ehemalige Spezialchemiegeschäft von Hoechst unter der Flagge von Clariant in Frankfurt weitergeführt wurde. Begonnen hatte der Stuttgarter seine Karriere dreizehn Jahre zuvor ebenda als Laborleiter von Hoechst. Mithin ist er mit der Übernahme der Standortleitung „nach Hause“ zurückgekehrt.
Arbeitsgebiete verkauft
Dort stehen die Zeichen nicht mehr auf Abbau, nachdem sich der Konzern wegen der hohen Schuldenlast infolge des Kaufs eines britischen Chemieunternehmens in den vergangenen Jahren von mehreren gut laufenden Werken in der Region getrennt hatte. So ging das Arbeitsgebiet „Cellulose Ether“ mit 500 Beschäftigten vor zwei Jahren an den japanischen Konzern Shin-Etsu Chemical über und im Juli 2004 die Tochter AZ an die Carlyle Group. Zuvor hatte Clariant schon das Bauchemikalien-Geschäft an Celanese sowie zwei Arbeitsgebiete, die Chemikalien für die Textilproduktion und Klebstoffe herstellen, an den japanischen Konzern Kuraray veräußert. Künftig will Clariant seine Präsenz im Rhein-Main-Gebiet einschließlich der Werke in Frankfurt-Griesheim und Wiesbaden aber strategisch ausbauen. Für Rhein-Main sprechen laut Brodt gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter sowie die Nähe zu Kunden.
Zu diesem Plan zählt die 2004 in Betrieb genommene Rotpigmentanlage ebenso wie eine Fabrik für Spezialwachse. Dieser Betrieb wird im Sommer eröffnet und stellt die größte Einzelinvestition des Konzerns weltweit dar, auch wenn die Summe von 20 Millionen Euro, die der Konzern ausgibt, recht klein anmutet. „Es ist nicht so, daß das Unternehmen derzeit Hunderte Millionen Euro investiert“, gibt Brodt zu bedenken. Angesichts dessen können sich die Mittel, die Clariant in Deutschland investiert, sehen lassen. 2005 steckten die Schweizer etwa 70 Millionen Euro in die Anlagen hierzulande, 39 Millionen Euro flossen ins Rhein-Main-Gebiet und von diesen wiederum 33 Millionen Euro nach Höchst. Im Jahr zuvor hatte dieser Standort 29 Millionen Euro abbekommen.
Etwa 40 Millionen werden investiert
Im laufenden Jahr sollen etwa 40 Millionen investiert werden, größere Vorhaben verbinden sich mit diesem Plan aber nicht. Vielmehr will das Unternehmen die Ergebnisse seines Effizienzsteigerungs-Programms umsetzen, das nicht allein auf Sparen zielt, sondern auch Investitionen bedingt. Dagegen hat sich die Zahl der Mitarbeiter in der jüngeren Vergangenheit verringert. Zählte Clariant im Jahr 2003 beim Stammpersonal noch 2900 Frauen und Männer im Rhein-Main-Gebiet, so sind es derzeit etwa 2400. Allerdings hat es keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben, wie Brodt hervorhebt.
In der Spezialwachsanlage wird das Unternehmen zwar 20 neue Arbeitsplätze schaffen. Den regionalen Arbeitsmarkt entlasten wird dies jedoch nicht. Vielmehr besetzt Clariant die Positionen mit eigenen Leuten, deren Arbeitsplätze an anderer Stelle weggefallen sind. Schon seit Monaten werden diese Kräfte auf ihre neue Aufgabe vorbereitet.

