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Chemie Alte Hoechster bieten Chinesen die Stirn

29.09.2006 ·  Das Frankfurter Chemieunternehmen Allessa behauptet sich trotz harter Konkurrenz. Und Firmenchef Karl-Gerhard Seifert bleibt Optimist: „Unsere Industrie hat hier auch in zehn Jahren noch Chancen.“

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Seit Jahrzehnten schon thront das runde Schild mit einem Erlenmeyer-Kolben in der Mitte auf dem Rotklinkerbau an der Hanauer Landstraße. Es weist das Gebäude unzweifelhaft als Sitz eines Chemieunternehmens aus - das weiter eines der größten im Rhein-Main-Gebiet ist. Doch eines stimmt an dem Schild längst nicht mehr: Der Namen Cassella, den es nach wie vor trägt, gehört der Frankfurter Wirtschaftsgeschichte an. Denn seit etwas mehr als fünf Jahren firmiert das Unternehmen unter Allessa-Chemie GmbH.

Warum hat das Logo den Wechsel überdauert? Wäre es schlicht zu teuer, es vom Dach zu nehmen und auszutauschen? Soll es an die große Tradition des Chemiestandorts im Stadtteil Fechenheim erinnern, an dem die Farbengroßhandlung Leopold Cassella & Comp. 1870 eine Fabrik gründete? Karl-Gerhard Seifert lacht: Nein, der Grund ist ein anderer. Das gesamte Gebäude steht unter Denkmalschutz, einschließlich des historischen Schildes auf der Firmenzentrale, wie der Vorsitzende der Geschäftsführung und frühere Hoechst-Vorstand sagt.

Kunden in 36 Ländern

Seifert führt die Allessa-Chemie gemeinsam mit vier langjährigen Wegbegleitern - „alles alte Hoechster“. Mit dem einst zur Hoechst AG gehörenden Werk trat Seifert unter ungünstigen Umständen an. Kaum hatte er das Unternehmen aus dem Clariant-Konzern herausgekauft, in den es zwischenzeitlich übergegangen war, und mit der geplanten Umstrukturierung begonnen - da flogen Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des Welthandelszentrums in New York. „Das war die Zeit, in der viele potentielle Kunden nicht hierher, sondern gleich nach China gegangen sind.“ So mancher hat gleichwohl nach Frankfurt gefunden, enttäuscht von unzureichender Qualität chinesischer Produkte und überrascht von Fabrikschließungen oder Konkursen.

Trotz aller Schwierigkeiten ist es dem Quintett an der Allessa-Spitze gelungen, „sehr vernünftige Geschäfts- und Lieferbeziehungen“ aufzubauen, wie der Chef berichtet. Das Unternehmen beliefert rund 180 Kunden in 36 Ländern und erzielte im Geschäftsjahr 2004/05 einen Überschuß von 5,26 Millionen Euro. Die Werke der wichtigsten europäischen Kunden liegen höchstens drei bis vier Autostunden von Frankfurt entfernt; größter Abnehmer ist Clariant. Allessa begreift sich als Produktionspartner anderer Firmen und betreibt zu etwa 90 Prozent Lohnproduktion im Auftrag von Chemie- und Pharmaunternehmen.

Diesen liefert das Unternehmen Vorprodukte für Arznei- und Pflanzenschutzmittel. Weiter fertigt es Industriechemikalien. Und es stellt auch ein eigenes Produkt her, das für Superabsorber benötigt wird - einen Flüssigkeit bindenden Stoff, der etwa in Windeln verarbeitet wird und die Basis für ein Granulat bildet, das die Geohumus International GmbH aus Frankfurt auf dem Allessa-Gelände herstellt; es kann zum Schutz vor der Ausbreitung von Wüsten sowie im Land- und Gartenbau eingesetzt werden.

Konkurrenz aus Fernost

„Wir machen am liebsten komplizierte Zwischenprodukte. Bei solchen Chemikalien dauert es teilweise einige Monate, bis das Endprodukt vorliegt“, sagt Seifert. 245 Kessel stehen dafür an den Standorten Fechenheim, Frankfurt-Griesheim und Offenbach zur Verfügung. Einzelaufträge bringen nach seinen Worten einen Umsatz von 100.000 Euro bis fünf Millionen Euro, wobei Mengen von einer halben Tonne bis zu 1000 Tonnen hergestellt werden. In Griesheim verfügt die Allessa über eine auf die Hoechst AG zurückgehende Technik, die es in China noch nicht gibt, wie Seifert hervorhebt. Dabei darf es aus seiner Sicht auch gerne bleiben. Denn die Konkurrenz aus dem fernöstlichen Land ist schon heute „riesig“ - was für die Chemieindustrie allgemein gilt.

„Vor allem Mittelständler machen uns das Leben schwer. Das sind Leute, die eine Anlage mit 50 Arbeitern hinstellen und 30 Prozent billiger als wir produzieren“, erläutert der Allessa-Chef die Wettbewerbslage. Seifert hat nach eigenen Worten gleichwohl keine Scheu, Asiaten das Werksgelände in Fechenheim zu zeigen. Er arbeitet sogar mit kleineren Firmen aus Fernost zusammen und läßt dort Chemikalien herstellen. Denn auch er nutzt Kostenvorteile. Und ein chinesischer Zulieferer wisse nicht, für wen das vom ihm gefertigte Vorprodukt bestimmt sei und welchem Zweck es dienen solle.

Doch sagten manche in seinem Bekanntenkreis ein Aus für die Allessa, die seit Mitte 2001 von knapp 1500 auf 1100 Mitarbeiter geschrumpft ist und aus Kostengründen einen Betrieb in Offenbach schließt, innerhalb der nächsten zehn Jahre voraus. „Ich glaube das nicht“, hält Seifert dagegen. Begründung: Bei Qualität, Ausführung und Technologie hinkten die Chinesen noch fünf bis zehn Jahre hinterher. Manche seiner Kunden ließen aus Prinzip nicht in China produzieren: weil die Technologie sofort kopiert würde - wie bei Konsumgütern. Selbst ein Patent biete keinen Schutz. Sein Unternehmen dagegen biete Schutz des geistigen Eigentums, Liefersicherheit, verläßliche Güte und Nähe zum Kunden. „Deshalb glaube ich, daß so eine Industrie wie die unsere auch in zehn Jahren hier noch Chancen hat“, sagt Seifert.

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