27.05.2010 · Zuwanderer wissen oft wenig über das Ausbildungssystem und haben Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden. Die IHK Frankfurt will in diesem Jahr türkische Schüler gezielt informieren.
Im Rahmen der Bildungsmesse gibt es in diesem Jahr einen „Infotag für türkische Schüler“ – ein sinnvolles Angebot?
Prinzipiell ja. Es ist wichtig, etwas gegen die Informationsdefizite dieser Zielgruppe zu tun. Denn Jugendliche mit Migrationshintergrund sind unterrepräsentiert im System der Berufsausbildung. Sie landen häufiger in beruflichen Vollzeitschulen, im Übergangssystem oder in der Arbeitslosigkeit und beginnen also seltener und später eine duale Berufsausbildung.
Woran liegt das?
Vor allem ist es eine Frage der Schulbildung: Jugendliche Migranten haben häufiger keinen Abschluss oder nur einen Hauptschulabschluss. Das kommt vor allem bei Jugendlichen mit türkischen Migrationshintergrund zum Tragen.
Aus Ihren Untersuchungen geht hervor, dass selbst bei gleichen schulischen Leistungen die Migranten im Nachteil sind. Womit hängt das zusammen?
Ein Grund dafür sind die fehlenden sozialen Netzwerke der jugendlichen Migranten und ihrer Eltern. Deutsche Familien etwa bitten häufig auch ihre Freunde, Bekannten und Verwandten, bei der Vermittlung zu helfen. Aber auch die Zuschreibungen und Erwartungen der Arbeitgeber spielen eine Rolle.
Inwiefern?
Sie können sich negativ auf die Chancen von Migranten auswirken, zum Beispiel die Herkunft aus einem bestimmten Stadtteil oder der Ruf einer Schule. Es gibt natürlich auch nach wie vor Vorurteile gegenüber bestimmten ethnischen Gruppen.
Steigen denn deren Chancen dadurch, dass es in Deutschland immer weniger junge Menschen gibt?
Eher nicht, denn Betriebe werden nur dann einen Jugendlichen ausbilden, wenn sie mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit den Erfolg der Ausbildung voraussehen. Finden sie keine adäquaten Bewerber, werden Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.
Gibt es bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?
Ja. Vor allem Migrantinnen konzentrieren sich stärker als Jungen – und als deutsche Schülerinnen – auf einige wenige Berufe. Das sind Berufe, die unter anderem durch geringe Aufstiegschancen, wenig Prestige und niedrigeres Einkommen gekennzeichnet sind. Hier muss dringend etwas getan werden.
Was könnte das sein?
Vor allem ist wichtig, mehr Akteure ins Boot zu holen, die sich gemeinsam um die Integration kümmern. Schon in den Schulen muss die Berufsorientierung verbessert werden. Auch muss den Eltern der Migranten die Bedeutung einer Berufsausbildung verdeutlicht werden – viele unterschätzen deren Wichtigkeit. In der Regionaldirektion Hessen beginnt gerade ein Projekt, das auf die Zusammenarbeit mit türkischen Generalkonsulaten setzt – um dort Zugang zu wichtigen Migrantenselbstorganisationen und Imamen zu bekommenen.
Was können Betriebe tun?
Sie sollten niedrigschwellige Programme organisieren, um Berührungsängste abbauen – etwa durch Betriebspraktika, Unternehmensvertreter in Schulen, Mentorenprogramme in Schulen oder eben auch die Präsenz auf Bildungsmessen.
Die Fragen stellte Friederike Haupt.