17.12.2010 · Die amerikanische Carlyle Group hat Interesse am hochrentablen Öko-Textilversender Hess-Natur. Doch der Finanzinvestor hat sein Geld bereits in andere Teile des niedergegangenen Arcandor-Konzerns gesteckt und in Rüstungsunternehmen.
Von Jochen RemmertEnde November war zum letzten Mal die Rede davon, dass der amerikanische Finanzinvestor Carlyle auch gerne den Butzbacher Versender Hess-Natur Textilien GmbH gekauft hätte. Damals war bekanntgeworden, dass die Amerikaner aus Washington, DC, sechs Spezialversandhändler von der einstigen Arcandor-Tochter Primondo Specialty Group übernehmen würden, der auch das Handelshaus für ökologisch unbedenkliche Kleidung aus Mittelhessen gehört. Seinerzeit blieb das Ansinnen des Finanzinvestors, der auch in Rüstungsfirmen investiert ist, noch ohne Wirkung auf Hess-Natur-Kunden. Das hat sich inzwischen geändert.
Im Hess-Natur-Blog diskutieren Kunden nicht mehr nur darüber, wie sexy ein Still-BH aus ökologisch einwandfreiem Material sein kann und dergleichen, sondern nach einem Medienbericht nun auch darüber, ob sie ihre Kleidung weiter bei dem Ökoversender ordern sollen, wenn dieser tatsächlich von einem Unternehmen gekauft wird, bei dem Entscheidungen alleine nach Kriterien der Rentabilität und Legalität gefällt werden. Und der ansonsten keine ethischen Maßstäbe anlegt. Auch die Globalisierungskritiker von Attac haben sich inzwischen eingeschaltet und veranstalten im Internet eine Aktion gegen ein mögliches Carlyle-Engagement in Butzbach.
Glaubwürdigkeit als Teil des Erfolgs
Bei den Hess-Kunden gibt es im Grunde zwei Argumentationlinien. Die einen sagen, sie würden nie mehr bei Hess-Natur kaufen, komme die Carlyle Group zum Zuge. Die anderen wollen nicht, dass durch einen Boykott die Hess-Natur-Belegschaft ihren Broterwerb verliert und das Haus die wirtschaftliche Basis.
Ungeachtet dieser Unterschiede wird in den Blogbeiträgen deutlich, dass sich der Erfolg des Ökomodeversenders, der zuletzt 58 Millionen Euro Jahresumsatz erzielt hat und derzeit von Umsatzsteigerungen um drei bis vier Prozent berichtet, wesentlich darauf gründet, dass er glaubwürdig sowohl für ökologische wie auch ethische Kriterien steht, die auch der Kundschaft wichtig sind. Dazu gehört beispielsweise auch das Engagement für einen im Interesse von Entwicklungsländern fairen Welthandel.
Lage sei seit November unverändert
Trotzdem versteht Matthias Siekmann die nun entbrannte Aufregung um einen möglichen Verkauf nicht recht. Wie der Geschäftsführer der Primondo Specialty Group am Donnerstag im Gespräch mit dieser Zeitung sagte, hat sich die Lage seit November nicht verändert. Im Moment stehe kein Verkauf an, im nächsten Jahr schon eher, an wen, ließ er offen.
Tatsächlich war schon im November klar, dass auch Hess-Natur verkauft werden muss, weil der Karstadt-Quelle-Mitarbeiter-Pensionsfonds seine Einlage von 500 Millionen Euro in die Spezialversendergruppe alsbald wieder zurückbekommen wollte – möglichst mit einem Aufschlag, das ist der Sinn einer Investition. Auch die Geschäftsleitung von Hess-Natur weiß längst von den Verkaufsplänen, und bestätigt auch Siekmanns Angaben, dass die Eigentumsverhältnisse unverändert seien. Der Zeitpunkt des Verkaufs und der aktuelle Stand von Verhandlungen sei ihr derzeit nicht bekannt. Sicher sei man sich aber, dass ein Verkaufsprozess noch nicht in die Wege geleitet sei, heißt es dort weiter. Der Kolportage, dass die Gruppe sich von ihr trennen wolle, widerspricht die Geschäftleitung ausdrücklich. Die Primondo Speciality Group, der Siekmann vorsteht, habe zugesichert, sie werde die Hess-Natur-Leitung weiter unterstützen.
Siekmann wird übrigens auch künftig die Geschäfte der schon verkauften Primondo-Unternehmen, Baby-Walz, Bon-a-parte, Planet Sports, Elégance, Mirabeau und Vertbaudet Deutschland, leiten, dann aber in Diensten der Carlyle Group.