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Cannabisextrakt : Synthetischer Stoff statt Joints und Hasch-Plätzchen

Bild: Wolfgang Eilmes

Die Firma THC Pharm aus Oberrad stellt Cannabisprodukte für medizinische Zwecke her. Dank einer Gesetzesänderung läuft das Geschäft jetzt noch besser.

          Da muss Holger Rönitz nicht lange nachdenken. „Nee“, antwortet er auf die Frage, ob er und seine Mannschaft jetzt von Goldgräberstimmung gepackt seien. Unverständlich wäre es nicht. Schließlich können schwer Erkrankte seit dem 10. März Arzneien mit Cannabiswirkstoff ohne Ausnahmeerlaubnis auf Rezept bekommen – und die von Rönitz mitgegründete Firma THC Pharm mit Sitz in Oberrad stellt solche Mittel schon seit fast zwei Jahrzehnten her. Der Mittelständler fing einst in einer Apotheke in Bockenheim an und liefert mittlerweile auch an Forscher und staatliche Stellen. Selbst wenn die Firma nicht auf den großen Gewinn aus sein mag, spürt sie doch schon die Folgen des Gesetzes zur Liberalisierung der Cannabisabgabe für medizinische Zwecke. Schon bevor die Regelung in Kraft trat, haben sich mehr Ärzte als zuvor offen für Cannabismedikamente gezeigt. Das zeige sich in einer steigenden Nachfrage, sagt Rönitz: „Wir werden die Produktion ausweiten.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Chef kann sich gut vorstellen, die Belegschaft von derzeit 30 Mitarbeitern nach und nach zu vergrößern. Mit seinem Ohrring, dem Bärtchen unter der Unterlippe und den nach hinten gekämmten silbrigen Haaren sieht er nicht wie ein typischer Pharmamanager aus, auch wenn er einen Nadelstreifenanzug und ein weißes Hemd trägt. Das kommt nicht von ungefähr: Am Anfang stand keine Firma mit Gewinnstreben, vielmehr geht die THC Pharm GmbH auf eine Patienteninitiative zurück. Rönitz rief sie mit vier Freunden ins Leben. „Wir sind gerade richtig volljährig geworden“, sagt er lächelnd. Anlass der Gründung war eine Verletzung, die ein Freund durch einen Unfall erlitten hatte. Der junge Mann bekam in der Rehabilitation gegen schmerzhafte Spastiken krampflösendes Cannabis, wie Rönitz erläutert. Allerdings habe der Patient den Wirkstoff geraucht oder in Plätzchen verbacken zu sich genommen.

          Synthese aus Orangenschalen

          Die Gründer der Patienteninitiative dachten jedoch weniger an Joints und Hasch-Gebäck als an eine standardisierte Arznei – zumal Cannabis in Form von Haschisch und Marihuana noch pauschal als Einstiegsdroge stigmatisiert worden sei. „Das war schon eine sehr polemische Diskussion“, erinnert sich der Pharmaunternehmer. Vor diesem Hintergrund wies die deutsche Zulassungsbehörde für Arzneimittel 1997 den ersten Antrag der gerade gegründeten THC Pharm auf Herstellung eines Cannabisextraktes ab – obwohl die Vereinigten Staaten damals schon staatliche Forschung betrieben und Lizenzen an Pharmafirmen ausgaben. Als Firmensitz diente THC anfangs das chemische Labor von Christian Steup – der Geschäftspartner von Rönitz hatte eine Idee entwickelt, wie er den Wirkstoff synthetisieren könnte. In jenen Tagen betrieben die Gründer ihr Geschäft noch nebenberuflich. Rönitz arbeitete als Greenpeace-Sprecher in Amsterdam.

          1998 war es dann so weit: Steup stellte in der Bock-Apotheke in Bockenheim sein erstes Tetrahydrocannabinol (THC) her, besser bekannt als Dronabinol. Im selben Jahr wurde Dronabinol zudem in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen. Den Wirkstoff gewann das Unternehmen dabei nicht aus Cannabisblüten, die von Kiffern geraucht werden und seit dem 10. März auch verschreibungsfähig sind. Wie genau die Produktion abläuft, will die Firma nicht preisgeben. Doch wie Rönitz wissen lässt, geht die Synthese letztlich auf Orangenschalen zurück. Orangen enthalten demnach Substanzen, die sich in der Hanfpflanze wiederfinden. Davon hat sich Steup inspirieren lassen.Den Wirkstoff per Synthese und nicht durch Verarbeitung von Hanfblüten zu erlangen, hält der Unternehmer für ziemlich intelligent.

          Angstlösend und entzündungshemmend

          Denn dadurch geht THC Pharm nicht das Risiko ein, unter einer schlechte Ernte zu leiden oder Rohstoffe mit unterschiedlicher Wirkstoffmenge zu erwerben. Selbst die im Cannabisanbau erfahrenen Holländer kämpften stets mit Gehaltsschwankungen von bis zu 20 Prozent. Beim Konsum von Hanfblüten etwa durch Rauchen wirkten außer Tetrahydrocannabinol noch andere Inhaltstoffe, gibt Rönitz zu bedenken. Seit Juli 2000 können Schwerkranke das Dronabinol von THC Pharm über „potentiell jede Apotheke“ bekommen, wie es beim Hersteller heißt. Allerdings stellt das Unternehmen keine Fertigarzneien her. So verdünnen in der Bock-Apotheke Fachkundige das in einer Konzentration von 98 Prozent gelieferte Medikament, bis es mit einem Wirkstoffgehalt von etwa 2,5 Prozent gebrauchsfähig ist, wie Rönitz erläutert. Das harzähnliche Mittel ist in Kapseln abgefüllt und als ölige Substanz zu bekommen.

          Die flüssige Form eignet sich laut Rönitz zum Beispiel für Krebspatienten, die wegen Erbrechens infolge einer Chemotherapie nichts Festes schlucken möchten. Rund 5000 Patienten hierzulande nähmen die Mittel im Jahr, sagt er. Mittlerweile stellt THC Pharm außer Dronabinol auch Cannabidiol her. Dieser Cannabisbestandteil gilt ebenfalls als entkrampfend und zudem als angstlösend und entzündungshemmend. Es gebe Hinweise, dass der Wirkstoff bei frühkindlicher Epilepsie und bei entzündlichen Erkrankungen des Darmes helfe. Dazu liefen medizinische Forschungen. Seine im Industriepark Höchst hergestellten Rezepturen vertreibt der Mittelständler längst in alle Welt. Den Umsatz beziffert der Gesellschafter auf eine niedrige einstellige Millionensumme. „Wir machen letztlich nicht mehr Umsatz als eine gut geführte Apotheke.“

          Quelle: F.A.Z.

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