23.02.2005 · Bei den Banken ist längst alles wie in Amerika. Der Vorstand unserer größten Bank spricht in Sitzungen nur Englisch. Hochhäuser sind zwar kleiner als in New York. Aber beim Essen ist es bisweilen wie zu Hause. - Eine wirtschaftliche Landeskunde für den eiligen Gast aus Amerika.
Mr. President, am Finanzplatz Frankfurt werden Sie sich zu Hause fühlen.
Bei den Banken ist längst alles wie in Amerika. Der Vorstand unserer größten Bank etwa spricht in Sitzungen nur Englisch. Natürlich sind unsere Hochhäuser kleiner als die in New York. Auf 259 Meter kommt die Commerzbank, das sind 122 weniger, als das Empire State Building mißt. Dafür holen wir beim „Hire and fire“ kräftig auf. Bei der Börse sind wir sogar viel moderner als Wall Street. Das meiste geht bei uns längst über Computer. Darum müssen unsere Aktienhändler auch nicht mehr so laut schreien und so wild fuchteln. Gerade lernen wir von Amerika, was „Reits“ sind - Immobilien, die man an die Börse bringen kann. Für Romantik ist auch an unserem Finanzplatz kein Raum mehr, wie unser Börsenchef gestern mal wieder bekräftigt hat. Alles geht wie in den Staaten nur ums Geld. Hin und wieder trifft man auch in Frankfurt jemanden, der es von ganz unten nach ganz oben gebracht hat, wie im „Great American Dream“. Aber selten. Vom Tellerwäscher zum Millionär geht sowieso nicht: In Deutschland gibt es kaum Tellerwäscher. Weil ja unsere Dienstleistungsmentalität nicht so ausgeprägt ist. (sibi.)
Die Geschäfte hingegen sind hier ganz anders. Schon wegen der Ladenschlußzeiten. Und das amerikanische Wal-Mart-Konzept hat auch nicht geklappt.
Sollten Sie daran denken, mit Ihrer Gattin in Mainz oder Wiesbaden einen Einkaufsbummel zu unternehmen, sollten Sie sich vorher über die besonders deutsche Vokabel „Ladenschlußgesetz“ informieren. In Ihrem Land ist ein solches Gesetz unbekannt; hier regelt es, wann jemand einkaufen gehen darf und wann nicht, wann jemand etwas verkaufen darf und wann nicht. Nein, das ist kein Scherz, Mr. President. Aber es gibt schließlich auch in Ihrem Land Dinge, die kaum ein Auswärtiger versteht - beispielsweise, wie Baseball wirklich funktioniert oder wie man auf die Idee kommen kann, Marshmallows zu grillen. Letzteres wird sich hier auch weiterhin wohl nicht durchsetzen, amerikanische Ladenöffnungszeiten werden es vielleicht schon. Geben Sie uns noch etwas Zeit. Und seien Sie nicht gekränkt, daß die Geschäfte des amerikanischen und weltgrößten Handelskonzerns Wal-Mart (227 Milliarden Euro Umsatz 2003), beispielsweise an der Wiesbadener Äppelallee vertreten, gerade in Deutschland nicht so gut laufen, sondern daß statt dessen immer wieder von Schließungen die Rede ist. Sie müssen wissen, daß kein Konsument so auf die Preise schaut wie der Deutsche und kaum ein Handelsmarkt so umkämpft ist wie der deutsche. Die Überlebenden sind entsprechend robust. Die richtigen Standorte, nicht zu viele Produkte, immer Nachschub - die Billigsten zu sein, haben Aldi, Lidl und andere deutsche Discounter zur Perfektion getrieben, und machen es Neulingen - der erste deutsche Wal-Mart eröffnete erst vor acht Jahren - entsprechend schwer. (jor.)
Beim Essen ist es wie zu Hause. McDonald's finden Sie überall. Und gut amerikanisch essen können Sie hier auch.
Texaner wie Sie, Mr. President, mögen es bekanntlich unprätentiös, heißt es. Fleisch vor allem, gebraten und gegrillt. Kein Wunder im Land der Ölquellen und Rinderherden. Da können Sie es sich auch im Rhein-Main-Gebiet gut schmecken lassen. Viele Deutsche assoziieren mit „Amerika“ und „Essen“ ohnehin Steaks und Hamburger, das paßt ja zusammen. Einen anständigen, um das einmal so zu nennen, typisch „amerikanischen Teller“ mit Hamburger, Pommes frites und vielleicht Cole Slaw, dem rahmig angemachten Krautsalat, bekommen Sie auch in Frankfurt. Da muß man die Klops-Bräter-Ketten von Mc Donald's bis Burger King allerdings links liegenlassen. Der beste, weil aus bestem Rindfleisch sehr gut gemachte Burger wird im Maritim-Hotel neben der Festhalle serviert. An zweiter Stelle kommen die aus der „American Sports Bar“ im Marriott-Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite und dann die aus dem „Chicago Meatpackers“ an der Untermainanlage. (jv.)
Amerikanische Autos wiederum werden Sie selten sehen.
Sorry, Mr. President. Es gibt ja nun viele Trends und Moden, die aus den Vereinigten Staaten irgendwann nach Europa kommen. Bei Autos aber gilt das ganz gewiß nicht. Die Straßenkreuzer sind mindestens eine Nummer zu groß für deutsche Innenstädte, die Federung taugt nicht für kurvenreiche Strecken. Zudem sind selbst kleinere Fahrzeuge gerne mit den von Ihren Landsleuten so geliebten Achtzylindermotoren ausgerüstet, die bei deutschen Treibstoffpreisen rasch weitgehende Mittellosigkeit hervorrufen. Ferdinand Dudenhöffer, Gelsenkirchener Wirtschaftsprofessor und Automobilexperte, hält sogar jene auch in Deutschland als Kultobjekt beliebte Corvette von Chevrolet für ein Auto, das nicht für europäische Verhältnisse, sondern vor allem fürs Geradeausfahren gebaut sei.
Diese Einschätzung belegen auch die Zulassungszahlen: Von der Corvette wurden 2004 gerade 180 und 2003 gut 350 Fahrzeuge in Deutschland verkauft, wie die Daten von B&D Forecast, dem Marktforschungsinstitut des Autoprofessors, ausweisen. Insgesamt setzte Chevrolet 2004 ganze 444 und im Jahr zuvor knapp unter tausend Autos ab. Zur Ehrenrettung der amerikanischen Autobauer führt Dudenhöffer die Marke Chrysler an, von der 2004 immerhin knapp 14000 und 2003 gut 12500 Fahrzeuge verkauft wurden. Als „Verkaufsschlager“ erwiesen sich der Retro-Wagen PT Cruiser (5342 im Jahr) und der Kleinbus/Van Voyager (4340). Bei beiden Modellen wurden hier fast nur Varianten mit Dieselmotoren verkauft, wie Dudenhöffer weiß. Den Chrysler-Vorsprung könnte man übrigens auf die segensreiche Zusammenarbeit zwischen Amerikanern und Deutschen zurückführen - handelt es sich doch um ein Produkt aus dem deutsch-amerikanischen DaimlerChrysler-Konzern. (jor.)
Aber dafür cruisen die wirklichen Motorradfans mit den gleichen Maschinen wie in Ihrer Heimat.
Zugegeben, das Rheintal erreicht die Dimensionen eines Highway1 an der Westküste Ihrer Heimat oder der legendären Route66 nicht ganz. Reizvoll ist das Fahren auf zwei Rädern gleichwohl auch hier. Dabei greifen eine ganze Menge deutscher Motorradfahrer auf ein uramerikanisches Erzeugnis zurück, auf die großen V-Twins aus Milwaukee in Wisconsin von Harley-Davidson. Daß es sich dabei weniger um die innovativsten High-Tech-Produkte, sondern eher um gewichtige Ergebnisse einer traditionsbewußten Stahlverarbeitung handelt, stört dabei die Liebhaber nicht, sie verlangen es geradezu.
Ein wenig jenes Glanzes der Kultmarke Harley-Davidson gebührt - wenn Sie erlauben - auch uns Deutschen. Denn bei Entwicklung und Bau der Motoren sind seit langem die Ingenieure der Zuffenhausener Sportwagenschmiede Porsche maßgeblich beteiligt. Spätestens seit Beginn dieser deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit gelten die mächtigen Triebwerke mit dem satten Sound als ausgesprochen robust und langlebig. In Rhein-Main gibt es mit der Frankfurter Harley Factory nicht nur die größte Dependance in der Bundesrepublik, die Deutschland-Vertretung des Unternehmens sitzt ebenfalls in der Region, nämlich in Mörfelden. (jor.)
Mit Patriotismus ist es hier nicht so toll. Die Leute kaufen noch nicht einmal Fähnchen.
Im Rhein-Main-Gebiet machen Fahnen-Lieferanten lediglich drei bis fünf Prozent ihres Umsatzes mit Nationalflaggen. Nur bei Sportereignissen steigt die Nachfrage etwas. Seien Sie darum nicht traurig, Mr. President, wenn Sie bei Ihrem Besuch am Wegesrand nicht so viele Stars and Stripes sehen, wie Sie es von daheim gewohnt sind. Die Deutschen hatten das mit den Fahnen wohl irgendwie über. Bezeichnend, daß in Mainz zu den wichtigsten Fähnchenlieferanten der Karnevalsausstatter Jacques Herrmann zählt, der auch tatsächlich ein paar Papierfähnchen mit der amerikanischen Flagge verkauft haben will. „Null Aufträge“ heißt es dagegen beim Großlieferanten Fahnen-Fuchs in Dietzenbach. Kein Wunder: „Angebot der Woche“ ist kein amerikanischer Wimpel, sondern eine Osterflagge, Hase mit Eiern im Querformat. Fahnen Jungmann aus Offenbach, mit einer Tradition seit 1918 dem Nationalen vielleicht stärker verbunden, bekam immerhin einen Großauftrag zum Bush-Besuch aus Mainz. Trotzdem heißt es auch da: „Die Leute wollen einfach keine Amerika-Flaggen.“ (sibi.)
Öl gibt es nicht nur in Texas, sondern auch im Hessischen Ried.
Leider waren die Quellen nicht ganz so ergiebig. Aber bis 1994 wurde zwischen Stockstadt, Crumstadt und Biebesheim tatsächlich Öl gefördert. Als seinerzeit die mehr als drei Jahrzehnte währende Geschichte dieser Branche dort zu Ende ging, konnte man immerhin darauf verweisen, mehr als eine Million Tonnen gewonnen zu haben. 46 Bohrstationen waren in den besten Zeiten in Betrieb gewesen, die das Öl aus 900 Meter Tiefe holten. Auch Gas wurde in der Gegend gefördert; als 1967 einmal an der Bohrstelle „StockstadtII“ eine 500 Meter hohe Gasfontäne aus der Erde schoß, mußte sogar der legendäre Red Adair aus Ihrer texanischen Heimat, Mr. President, zu Hilfe eilen. Leider liegt das Öl in Südhessen nicht wie anderswo in großen Seen unter der Erde, sondern fließt in dünnen Kanälen des porösen Sandsteins. Deshalb schießt es auch in der Regel nicht von selbst nach oben, sondern muß hochgepumpt werden. Außerdem verdünnte es sich immer mehr mit Wasser. So wurde die Förderung zunehmend unrentabel und schließlich aufgegeben. An der Qualität des Öls lag es aber nicht. Die gilt als hervorragend. (mak.)
Unsere Filmbranche arbeitet sogar machmal für Hollywood.
Zunächst waren die Unternehmen für die Filmnachbearbeitung, die sich in Frankfurt in alten Industriegebäuden angesiedelt hatten, vor allem für Werbespots zuständig. Später kam das ganz große Kino dazu. Bei „The Million Dollar Hotel“ von Wim Wenders war ein Frankfurter Unternehmen beteiligt, bei „Whalerider“ von Niki Caro und bei „Herr der Ringe“ von Peter Jackson. „Bei der Filmnachbearbeitung können die Frankfurter genausoviel wie die in Hollywood“, sagte Regisseur Wim Wenders damals. Das tat gut. Eine Frankfurter Firma hat seinerzeit, als das World Trade Center noch stand, für eine Szene in „Comedian Harmonists“, die in den dreißiger Jahren spielt, die beiden Türme wegretuschiert. Seither ist viel passiert, wie Sie wissen. Auch so manche Frankfurter Filmfirma ist abgestürzt. Aber, Mr. President: Auch wir drehen weiter. 327 Unternehmen dieser Branche gibt es heute in Frankfurt laut Wirtschaftsförderung. (sibi.)
Staunen Sie nicht. Mit dem Service ist es hier nicht so wie in Amerika.
Im Rhein-Main-Gebiet können Sie lange suchen, bis Sie einen Schuhputzer finden. Am Frankfurter Hauptbahnhof gibt es einen, aber viel mehr sind es dann auch nicht. Anders als in den Vereinigten Staaten können Sie auch lange suchen, bis sie jemanden finden, der Ihnen an der Tür zu einem Geschäft die Tür aufhält oder Ihnen gar an der Supermarktkasse die Ware einpackt. Von 1997 an beschäftigte Hertie auf der Zeil, das heute Karstadt heißt, Schüler, die den Menschen die Ware in Tüten stopften. Die Leute waren völlig baff - manche fürchteten, bestohlen zu werden, als jemand nach den Milchtüten und Chips griff, die sie gerade gekauft hatten. Das war aber nicht der Grund, warum der Service eingestellt wurde. Zum einen fehlte dem Unternehmen in Zeiten sinkender Umsätze das Geld dazu. Und zum anderen fanden sich keine Schüler mehr, die die Arbeit machen wollten, wie es in Frankfurt heißt. (mak.)
So ein Kontrollzentrum wie in Houston finden Sie in Darmstadt ebenfalls.
Erinnern Sie sich noch, Mr. President, als im Januar eine Raumsonde auf dem Saturnmond Titan landete? Die hatte nicht etwa Ihre Nasa hingebracht. Sondern die europäische Konkurrenz Esa. Und gesteuert worden war die Sonde nicht von Houston aus wie einst die Apollo-Flüge. Sondern von Darmstadt aus. Und das war nicht der einzige Erfolg des europäischen Raumfahrtkontrollzentrums Esoc. Deshalb will die Bundesregierung auch, daß die Zentrale erweitert wird. Für vier Millionen Euro hat sie dafür schon einmal ein Erweiterungsgrundstück gekauft. Denn das ist einstweilen noch die Schwierigkeit: Geld verdienen läßt sich mit der Raumfahrt noch nicht. Das, Mr. President, ist aber bei Ihnen zu Hause auch nicht besser. (mak.)