11.12.2009 · Ob es eine Kreditklemme hierzulande gibt, bleibt strittig: Beim Vortrag von Bundesbankpräsident Axel Weber vor Familienunternehmern in Frankfurt trifft Statistik auf subjektive Erfahrung.
Von Tim KanningDer Solar-Unternehmer aus Waldaschaff muss seinem Frust jetzt mal freien Lauf lassen. Wann sonst hat man schon die Gelegenheit, dem Bundesbankpräsidenten die Meinung zu sagen. Keinen Euro Kredit habe er seit Ausbruch der Krise für sein mittelständisches Unternehmen erhalten. nicht einmal die vergünstigten Mittel der staatlichen Förderbank KfW würden ihm weitergereicht, sagte er. Und vielen Unternehmern aus seinem Freundeskreis gehe es genau so. Die Zuhörer im Gästehaus der Bundesbank, in das der Mittelständlerverband „Die Familienunternehmer ASU“ für Mittwochabend geladen hatte, nicken zustimmend. Und der Besitzer einer Maschinenbau-Firma im Taunus berichtet, dass seine Bank ihm sogar die Kreditlinie gekürzt habe.
Dabei hatte Bundesbankpräsident Axel Weber zuvor ausführlichst klargestellt: „Eine breite Kreditklemme sehen wir aktuell nicht.“ Dass die Kreditausgabe langsam zurückgehe, liege auch daran, dass in der schwachen Konjunktur weniger Geld von den Banken abgefragt werde. Die kleinen Mittelständler würden aber in der Regel weiter von ihren Volksbanken und Sparkassen mit ausreichend Fremdkapital versorgt. Die weiteten ihr Kreditvolumen sogar weiter aus, so Weber. Um größere Projekte finanzieren zu können, würden sich die kleinen Häuser auch vermehrt zu Konsortien zusammentun. Große Unternehmen wiederum könnten inzwischen wieder über Anleihen und Ähnliches am Kapitalmarkt frisches Geld bekommen.
Landesbanken und Großbanken zurückhaltender
Nur bei mittelgroßen Mittelständlern, und auch da nur in einigen Branchen, da sehe er derzeit durchaus Schwierigkeiten, an Kredite zu kommen, fügt Weber schließlich an. Denn vor allem die Landesbanken, die genossenschaftlichen Zentralinstitute sowie die Großbanken seien derzeit entweder aufgrund staatlicher Vorgaben oder einfach, weil sie in der Krise herbe Verluste zu verkraften haben, zurückhaltender bei der Kreditvergabe.
Auf der Veranstaltung der Familienunternehmer treffen die Statistiken der Bundesbank auf die subjektiven Erfahrungen der Mittelständler. Ob ein Unternehmen tatsächlich einen Kredit nicht bekommt, weil die Bank den Hahn zugedreht hat, oder ob das Kreditinstitut aufgrund des zu hohen Ausfallrisikos in der Konjunkturschwäche zu Recht keinen Kredit ausgibt, das ist im Einzelfall kaum zu überprüfen.
Staatsanleihen statt Kredite
Weber verweist darauf, dass die schlechte Wirtschaftslage in diesem Jahr ihre Spuren in den Bilanzen der Unternehmen hinterlassen werde und die Banken dadurch zwangsläufig vorsichtiger bei der Kreditvergabe würden. Denn auch die schon ausgegebenen Kredite müssten schließlich mit mehr Kapital abgesichert werden, wenn sich die Bonität des Unternehmens verschlechtere. Auf 60 bis 90 Milliarden Euro schätzt die Bundesbank nach Webers Worten die Summe, die derzeit noch in den Bilanzen der Banken wertberichtigt werden müsse – und zwar nicht mehr wegen strukturierter Finanzprodukte, die einst die Krise ausgelöst hatten, sondern wegen der Kredite an Unternehmen, die jetzt wegen der schwachen Konjunktur stärker gegen Ausfall abgesichert werden müssten.
So recht überzeugen kann der Bankpräsident den Unternehmer aus Waldaschaff nicht. Ihn reizt vor allem die Geschichte, die ihm ein befreundeter Raiffeisenbank-Chef berichtet hat: Der gebe in diesem Jahr nämlich auch keine Kredite aus. Stattdessen greife er auf das günstige, schon zu einem Zinssatz von einem Prozent verfügbare Zentralbankgeld zurück und investiere es selbst zu einem Zinssatz von drei bis vier Prozent in Staatsanleihen.