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Buchhandlungen : Rückzugsraum im Abseits der Bestsellerlisten

Handverlesene Literatur: Maria Lucia Klöcker (links) und Almut Kläs in der Buchhandlung „Weltenleser“ in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Buchhandlungen haben vor Jahren schon Konkurrenz aus dem Internet bekommen. Sie trotzen dem Wettbewerb mit neuen Konzepten. Einfach ist das nicht.

          Das Wasser im Becken der analogen Welt war kalt, eiskalt. Und das Becken riesengroß. Maria Lucia Klöcker und Almut Kläs sind trotzdem gesprungen. Mitten im digitalen Zeitalter, in dem das Internet dem Handel mehr und mehr die Luft zum Atmen nimmt, haben sich die beiden Frauen in die ganz und gar analoge Welt des Buchhandels gewagt, sind ins kalte Wasser gesprungen und haben im Mai 2014 im Frankfurter Nordend die Buchhandlung „Weltenleser“ eröffnet. „Es war ein Herzenswunsch“, sagt Klöcker. Warum? Bei solchen Fragen zieht sie gerne ein Buch aus dem Regal, irgendeines, fasst den Umschlag an, schlägt es auf, lässt es den Besucher anfassen, vielleicht sogar daran riechen. „Man muss ein Buch spüren, bevor man es kauft.“ So einfach ist das.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die heimelige Buchhandlung am Oeder Weg ist geradezu ein Paradebeispiel für eine Entwicklung, die jeder Fortschrittslogik widerspricht. Auf den ersten Blick zumindest. Seit man Bücher im Internet kaufen kann und sie am nächsten Tag im Briefkasten liegen, seit sich innerhalb von Sekunden komplette Werke auf den elektronischen Reader laden lassen, seitdem hat der Abgesang des stationären Buchhandels begonnen. Doch die Propheten haben den Untergang der Buchhandlung zu früh vorhergesagt.

          „Jedes unserer Bücher ist handverlesen“

          Auch wenn die Zahl der Buchhandlungen in Deutschland leicht rückläufig ist und sie in den vergangenen zehn Jahren Umsatzanteile an den Online-Handel abgeben mussten, so ist die Marktstruktur der Buchhändler weitgehend stabil geblieben, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mitteilt. Von den 6000 Buchverkaufsstellen in Deutschland gehören etwa 1200 größeren Ketten wie Hugendubel oder Thalia an, in 1100 Geschäften sind Bücher nicht das Hauptprodukt, zum Beispiel in Zeitschriftenläden. Die übrigen 3700 Verkaufsstellen sind kleine, unabhängige Buchhandlungen. So wie „Weltenleser“.

          „85 Prozent unserer Käufer sind Stammkunden“, sagt Klöcker. Sie kommen, weil sie in der Buchhandlung schmökern dürfen und abseits der Bestsellerlisten Empfehlungen bekommen, die individuell sind und sich jenseits des Mainstreams bewegen. „Jedes unserer Bücher ist handverlesen, Bestseller haben wir kaum“, sagt Klöcker. Wer in der Sitzgruppe zehn Bücher durchblättern will, bevor er sich für eines entscheidet, kann das tun. Kunden kommen ins Gespräch, empfehlen sich gegenseitig Literatur. Die Buchhandlung wird vom reinen Verkaufsplatz zum Ort der Kommunikation. „Der stationäre Handel hat auf den digitalen Wandel reagiert und stellt sich mit neuen Strategien auf den veränderten Markt ein“, sagt ein Sprecher des Börsenvereins.

          Viele Buchhandlungen positionierten sich als gesellschaftliche und kulturelle Treffpunkte in der Stadt und am Ort. Neben „Weltenleser“ ist auch der Bessunger Buchladen im gleichnamigen Ortsteil Darmstadts ein Beispiel dafür. Die Buchhandlung veranstaltet ein Literaturfestival für Kinder und Jugendliche, zahlreiche Leseabende, ein Krimifestival – und zieht somit Publikum an, das wiederkommt. „Es geht uns wirtschaftlich relativ gut“, sagt Judith Kautz, die seit 24 Jahren in dem seit 1978 in Bessungen ansässigen Geschäft arbeitet. In den vergangenen Jahren sei es trotz der noch relativ neuen Konkurrenz eher aufwärts gegangen, „die Leute gehen wieder um die Ecke einkaufen“. Sicher, Bücher vor Ort zu verkaufen sei heute in der Regel zu wenig. Ein Großteil der Buchhandlungen, heißt es aus dem Börsenverein, kombiniere die Vorteile des Handels vor Ort, also die persönliche Beratung und das Einkaufserlebnis, mit jenen des Online-Einkaufs, also der großen Verfügbarkeit Tag und Nacht.

          Viele Läden setzen auf Nischen oder innovative Konzepte

          Auch der Bessunger Buchladen hat einen Webshop. Wer hier bestellt, kann das Werk am nächsten Tag abholen. So bieten die Händler der digitalen Konkurrenz die Stirn. „Das E-Book hat sich nicht durchgesetzt und wird es auch nicht tun“, sagt Kautz. Die Zahlen bestätigen das derzeit: Der Aufstieg des elektronisches Buches stagnierte zuletzt bei etwa fünf Prozent des Branchenumsatzes in Deutschland.

          Hans-Jürgen Jansen glaubt den Grund dafür zu kennen. Der Inhaber der Buchhandlung in der Villa Herrmann in Ginsheim-Gustavsburg ist überzeugt, dass Buchläden eine Art Rückzugsraum in einer zunehmend getakteten Welt sein können. „Unsere Kunden fühlen sich hier wie Menschen, nicht nur wie Konsumenten.“ Jansen sagt, die Konkurrenz aus dem Internet habe Buchhändlern das Überleben sicher nicht einfacher gemacht. Aber es geht. „Wir versuchen die Menschen abzuholen, auf sie einzugehen und ihnen die Vielfalt der Literatur näherzubringen“, so Jansen. Er empfehle selten Bücher von der Bestsellerliste. Und nicht nur gut lesbare Titel mit hübschem Happyend.

          Die Konsolidierung des stationären Buchhandels, der derzeit deutschlandweit rund 28900 Menschen beschäftigt und mit rund 4,4 Milliarden Euro Umsatz 2015 etwa die Hälfte des gesamten Buchhandelsumsatzes erwirtschaftet hat, ist weitgehend abgeschlossen. In Frankfurt zum Beispiel gab es 2011 stadtweit 79 Buchhandlungen, Ende 2015 waren es 81. Viele Läden setzen dabei auch auf Nischen oder innovative Konzepte. In der Buchhandlung „Weltenleser“ zum Beispiel sind die Werke nicht nach Themen, sondern nach Handlungsorten sortiert. Rund zwölf Stunden arbeiten die Inhaberinnen täglich, durchforsten stundenlang Kataloge nach Klassikern, Sagen und Märchen und besonderen Schätzen, wie sie sie nennen. Das sei ihr Traum gewesen, sagt Maria Lucia Klöcker. „Wir haben es keine Sekunde bereut.“

          Quelle: F.A.Z.

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