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Veröffentlicht: 18.04.2017, 11:28 Uhr

Boom der E-Bikes Luxus-Rad statt Mercedes

Fahrradhändler können sich derzeit über gute Umsätze freuen. Das haben sie auch den E-Bikes zu verdanken. Das Geschäft mit den Elektrofahrrädern hat allerdings auch seine Tücken.

von , Frankfurt
© Wolfgang Eilmes Hilfsmotor: Selbst sportive Mountainbikes werden bei Stadler in Frankfurt mit Elektroantrieb ausgestattet.

„Probefahrt NUR auf der Teststrecke erlaubt!“ So ist es deutlich auf dem Schild zu lesen. Allerdings hält sich an diesem Tag niemand daran: Jung und Alt brausen auf allen möglichen Radtypen durch die Gänge des Zweiradcenters an der Frankfurter Borsigallee. Inhaber des Geschäfts ist Helmut Stadler. Er gehört zu den Großen der Branche. In ganz Deutschland betreibt das Familienunternehmen Filialen, 16 insgesamt. Die in Frankfurt hat die Größe eines Fußballfeldes.

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Der Fahrradbranche gehe es gut, sagt Albert Herresthal, Geschäftsführer des Verbundes Service und Fahrrad, ein Branchenverband, dem eigenen Angaben zufolge mehr als 300 Fahrrad-Fachgeschäfte, Hersteller und Dienstleister angehören. Im Vergleich zum Vorjahr sei der Umsatz um acht Prozent gestiegen. Fast 300000 Männer und Frauen, führt Herresthal weiter aus, seien in dieser wachsenden Branche beschäftigt. Der Gesamtumsatz inklusive Rad-Tourismus belaufe sich auf 16 Milliarden Euro im Jahr. Nach Angaben des Branchenverbands ist Deutschland der größte Markt für Fahrräder in Europa. Hierzulande werden jedes Jahr vier Millionen neue Räder verkauft.

Wachsende Beliebtheit, aber nicht billig

Geiz ist beim Radkauf nicht mehr geil: Das ist einer der Trends, die Branchenkenner derzeit im Geschäft mit den ganz oder teilweise von Muskelkraft angetriebenen Zweirädern ausmachen. Wer sich heute ein Fahrrad kauft, legt tendenziell immer mehr Wert auf Qualität. Dafür ist der Kunde auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

Marc Denfeld spricht von einem gestiegenen Qualitätsbewusstsein. Die Familie Denfeld betreibt in Bad Homburg ein Fahrradgeschäft mit 70 Mitarbeitern. Den größten Teil des Umsatzes erzielt das Unternehmen mit dem Verkauf. Für einen Riesen wie Zweirad-Stadler mit 90 Mitarbeitern allein in Frankfurt ist die Werkstatt sogar ein Verlustgeschäft. „Der Verkauf trägt alles“, sagt Niederlassungsleiter Jürgen Welz. Bei gutem Wetter hat das Zweiradcenter denn auch bis zu 20 Verkäufer im Einsatz. Jetzt müsse das Geld verdient werden, um im Winter zu überleben, sagt Welz.

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Kleine Betriebe kalkulieren oft anders. Zweirad Ganzert zum Beispiel beschäftigt sechs Angestellte. Das Unternehmen im Frankfurter Gallusviertel ist seit vier Generationen in Familienbesitz. Inhaber Alexander Bürger packt in der Werkstatt mit an. Der Gewinn aus dem Reparatur- und Montageservice helfe der Firma über die Wintermonate. Bürger berichtet, wie sich das Image des Radfahrens geändert hat: Früher hätten sich wohlhabende Leute einen Mercedes gekauft. Heute sei es auch für sie modern, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Die Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, führt zum zweiten Trend in der Fahrradbranche: zum Fahrrad mit Elektromotor, dem E-Bike.

Das erfreut sich wachsender Beliebtheit, ist aber nicht eben billig. Im Schnitt kostet es zwischen 2000 und 3000 Euro. In den vergangenen zwei Jahren wurden mehr als 600000 E-Bikes in Deutschland gefertigt. Das Gros der verkauften Fahrräder habe aber nach wie vor keine Motorunterstützung, sagt Branchenvertreter Herresthal. Bei Stadler in Frankfurt machen die Elektrobikes 30 Prozent der verkauften Räder aus. Der elektrische Antrieb eines Elektrorades unterstützt den Fahrer bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde. Wer schneller fahren möchte, muss sich dafür seiner Muskelkraft bedienen. Für Elektroräder mit einer Unterstützungsleistung bis zu 45 Stundenkilometern sind hierzulande unter anderem ein Kennzeichen und ein Führerschein vorgeschrieben. Mit einem Anteil von gerade einmal zwei Prozent an den verkauften E-Bikes spielen sie aber nur eine untergeordnete Rolle.

Nachteil des E-Bikes: das deutlich höhere Gewicht

Der große Vorteil der Elektroräder ist, dass sie das Radeln leichter machen. Davon profitieren vor allem ältere Menschen und solche, die körperlich beeinträchtigt sind. Dank der E-Bikes interessierten sich auch immer öfter Frauen und Männer mit Erkrankungen wie Krebs für die Körperertüchtigung mit dem Rad, berichtet Stadler-Niederlassungsleiter Welz.

Für die Kleinen der Branche wie Ganzert ist das Geschäft mit dem E-Bike mit einem gewissen Risiko verbunden. Zum einen, sagt Inhaber Bürger, habe er gar keinen Platz mehr im Laden – tatsächlich ist dort kaum noch Raum zum Auf- und Abgehen. Außerdem seien seine Kunden Frankfurter. Und Frankfurt habe keine Berge. Das finanzielle Risiko sei ebenfalls nicht zu unterschätzen. Bekommt Bürger die E-Bikes nicht verkauft, stehen sie womöglich so lange im Laden, dass er die Akkus austauschen muss. Die Lebensdauer eines Akkus liegt bei drei bis fünf Jahren. Ein neuer kostet zwischen 500 und 800 Euro.

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Ein weiterer Nachteil des E-Bikes ist das deutlich höhere Gewicht: Fünf Kilogramm wiegt der Motor. Ein Trekkingrad bringt es so auf bis zu 25 Kilogramm. Viele Frankfurter müssten ihre Räder in den Keller tragen, weiß Bürger. Und dafür seien E-Bikes zu schwer. Auch für Denfelds Kunden in Bad Homburg spielt das Gewicht eine Rolle. Marc Denfeld berichtet von einem Käufer, der sein neues E-Bike im Auto verstaute und mit dem Gewicht des Rades zu kämpfen hatte. Völlig verblüfft habe der Kunde gesagt: „Und dabei ist der Akku noch nicht mal aufgeladen.“

An jenem Tag, an dem in Stadlers Frankfurter Filiale alles kreuz und quer radelt, macht auch ein nicht mehr ganz junger Mann eine Probefahrt mit einem E-Bike. Im Gegensatz zu den anderen benutzt er dafür nicht die Gänge im Laden, sondern den Hinterhof. Der 59 Jahre alte Mann ist kaufmännischer Angestellter und stammt aus der Rhein-Main-Region. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen. Mit dem Elektrofahrrad hofft er Strecken zu schaffen, die er vorher nicht habe bewältigen können. Ursprünglich, sagt er, habe er vorgehabt, ein Tourenrad ohne Hilfsmotor zu kaufen. Dann hätten sich aber Knieprobleme eingestellt. Den hohen Preis für ein E-Bike findet er gerechtfertigt. Von einem teuren Rad verspricht er sich weniger Verschleiß. Sein Fahrrad soll so „haltbar“ wie möglich sein.

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Von Marc Heinrich

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