10.11.2006 · Für Vorstandschef Reto Francioni wird es eng: Erst sind Gespräche der Deutschen Börse mit der Borsa Italiana gescheitert. Nun stimmen die Aktionäre der Fünfländerbörse Euronext über eine Fusion mit der Deutschen Börse ab.
Von Christian SiedenbiedelIm Dezember, so ist es zumindest angekündigt, sollen die Aktionäre der Fünfländerbörse Euronext in Paris auf einer außerordentlichen Hauptversammlung über eine mögliche Börsenfusion entscheiden. Nach dem Scheitern der Gespräche der Deutschen Börse mit der Borsa Italiana in Mailand in dieser Woche scheint es für die Frankfurter eng zu werden. Vorstandschef Reto Francioni könnte ein Gesichtsverlust drohen, wird in Finanzkreisen befürchtet.
Das Management von Euronext hatte seine Präferenzen für die New Yorker Börse Nyse zum Ausdruck gebracht. Da der von der Pariser Finanzplatz-Lobby Europlace in Auftrag gegebene Lachmann-Report jedoch feststellte, daß es in Frankreich viele Stimmen gegen eine Übernahme von Euronext durch die Nyse gebe, wird nun schon spekuliert, die Runde im Fusionspoker könne womöglich ganz ergebnislos ausgehen.
Antideutsche Ressentiments
Deutsche mit Pickelhauben - beim ersten Versuch des früheren Börsenchefs Werner Seifert, die London Stock Exchange zu übernehmen, hatten britische Zeitungen dergestalt antideutsche Ressentiments geschürt. Obwohl Nachfolger Francioni bescheinigt wird, diplomatischer vorzugehen, soll die Angst vor einer Dominierung durch den deutschen Partner beim Scheitern der Gespräche mit Mailand eine Rolle gespielt haben und auch bei den Schwierigkeiten mit Euronext nicht unerheblich sein. Außerdem stehen hinter den Börsenchefs auch die Politiker: Jeder befürchtet, durch den Verlust der Eigenständigkeit der eigenen Börse werde es einen Abfluß von für den jeweiligen Finanzplatz wichtigem Know-how geben.
Beobachter meinen, bei der Deutschen Börse derzeit eine besondere Geschäftigkeit wahrzunehmen. Vorstandschef Francioni ist in Brüssel gesehen worden: Ohne daß dies offiziell bestätigt wurde, soll er sich mit EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes getroffen haben. Die Wettbewerbshüter müssen schließlich bis zum 21. November entscheiden, ob sie das Übernahmeangebot der Deutschen Börse billigen. Francioni selbst meinte zu dem Besuch nur: „Wir sind inkognito hier. Wir sehen uns das Gebäude an.“
Mitarbeiter der Deutschen Börse sind skeptisch
Unterdessen sind Gespräche von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) in Mailand vorgesehen. Ursprünglich war die Delegationsreise, an der auch Vertreter der Deutschen Börse teilnehmen, offenbar auch als flankierende Maßnahme zu den Gesprächen der Börsen über ein Zusammenrücken gedacht. „Meet Frankfurt in Milan“ steht jetzt hingegen offenbar eher unter dem Zeichen allgemeiner wirtschaftlicher Kooperation.
„Die Mitarbeiter der Deutschen Börse verfolgen das Ganze mit gemischten Gefühlen“, sagt Herbert Bayer von der Gewerkschaft Verdi, der als Arbeitnehmervertreter im Börsen-Aufsichtsrat sitzt. Bei den Gesprächen mit Mailand sei noch wenig Konkretes gesagt worden, so daß es schwer zu beurteilen sei, ob ein Erfolg für die Mitarbeiter Vor- oder Nachteile gebracht hätte. Auf der einen Seite sei es der Belegschaft natürlich wichtig, daß ihr Unternehmen sich insgesamt erfolgreich entwickle. Auf der anderen Seite könnten Fusionen immer auch bedeuten, daß Einheiten zusammengelegt und Arbeitsplätze abgebaut würden. Mit ähnlicher Ambivalenz verfolge die Belegschaft die Gespräche und das Angebot bei Euronext.
„Das Frankfurter System Xetra ist da ja auf dem Tablett serviert worden“, meinte Bayer. Eine Folge eines Zusammenrückens könnte deshalb eine große Umstrukturierung in der Informationstechnologie sein. Wenn die IT-Tochter der Deutschen Börse, Deutsche Börse Systems, etwa mit der Euronext-Gesellschaft Atos zusammengelegt würde, hätte das erhebliche Auswirkungen auf die IT-Beschäftigten in Frankfurt, meint Bayer. Für die Mitarbeiter heiße es derzeit abwarten: „Das Scheitern der Gespräche mit Mailand bedeutet ja noch keine Absage der Fusionspläne mit Euronext.“
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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